Im kalten Frühling

[Text]

“Das wichtigste ist ein Kraftsatz! So ein Satz, den man immer wieder aufsagen kann, der einem Kraft, Halt und Orientierung  gibt. So ein Satz an dem man sich festmachen kann.”

Warum muss sie gerade jetzt an die Worte ihres Pfarrers denken? 17 Jahre ist das jetzt her, sie standen kurz vor der Konfirmation und der Pfarrer hatte mit ihnen die Konfirmationssprüche ausgesucht. Die Erklärung leuchtete ihr ein, darum hatte sie sich damals für einen kurzen und knappen Spruch entschieden. Der war aus dem Jesajabuch, wenn sie sich richtig erinnerte:

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?

Die Zeit vergeht so schnell, denkt sie, aber die Schlange vor der Ausgabestelle ist lang. Sie wird noch ein bisschen hier warten müssen, denkt sie.

Immer wieder blickt sie sich um, ob jemand da ist, der sie erkennen könnte. Um diese Uhrzeit war es morgens draußen schon richtig hell.

Zwei Taschen hat sie heute Morgen mit dabei. Zwei Taschen für eine ganze Woche. Sie selber isst schon länger nur einmal am Tag, meistens mittags, mit den Kindern, wenn die aus der Schule kommen. Denen soll es an nichts fehlen, darum verzichtet sie gerne.

Manchmal aber, wenn der Hunger ganz schlimm ist, fühlt sich ihr Magen an als sei er mit Kieselsteinen gefüllt. Bloß nicht ans Essen denken, sagt sie sich dann und wünscht sich weg. Meistens ans Meer, da war sie als Kind oft gewesen, mit ihren Eltern. Gute Zeiten, lange vorbei.

Jetzt steht sie hier in der Schlange vor der Tafel und zählt nochmal nach: Sie ist die neunzehnte. Hoffentlich ist noch was da, wenn ich dran bin. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Ein Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie schon seit 45 Minuten hier steht. Passanten huschen vorbei, manche bemüht, die Wartenden nicht anzuschauen. Andere schauen ganz direkt hin, sie hofft nur, niemanden zu erkennen.

Einmal dachte sie, ihre Nachbarin wäre an ihr vorbeigegangen. Diese Vorstellung fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Ihr wurde heiß und kalt. Hat sie mich erkannt?
Die Angst davor hier entdeckt werden ist riesig. Immer. Hoffentlich komme ich bald dran ist alles woran sie jetzt noch denken kann.

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?
Mit fester Stimme hat Jesaja das gesagt! Immer wieder hat er sich diesen Satz vorgesagt. Seine Finger fahren an den Narben auf seinem Rücken entlang. Gott hilft. Es ist kaum zu glauben. Es gibt immer noch zwei, drei Nächte im Jahr in denen er schweißgebadet aufwacht. Auch nach so vielen Jahren sieht er die Gesichter vor sich, spürt wie der Speichel von seinem Kinn herab tropft und an seinem Hals herab lief. Die Menschen damals hatten nur ein Ziel, ihm seine Würde zu nehmen.

Sie wollten nicht hören, was er zu sagen hatte. Später würde ein dänischer Philosoph festhalten, “von Gott geliebt werden, heißt leiden.” Gelitten hat er, soviel ist klar. Er weiß, was es heißt zu verzichten. Er hat viele Schläge kassiert. Er hat eingesteckt.

Aber er weiß auch, Gott hilft mir. Dieser Satz klingt in ihm. Das ist sein Kraftsatz. So ein Satz, den man immer wieder aufsagen kann, der einem Kraft, Halt und Orientierung. So ein Satz an dem man sich festmachen kann.
Aufgeben war für ihn keine Option.

Dieser Satz klingt. Klingt in der zweifachen Mutter und dem ausländischen Vater, der hier ansteht für seine Familie. Er klang damals auch in Jesaja.
So ein Typ, wie man ihn in jeder größeren Fußgängerzone finden kann.

Ich habe Jesaja damals in so einer Fußgängerzone getroffen. Warum gerade er mir aufgefallen war unter all den anderen Bettlern, mit ihren krummen Rücken und einer grauen Krankenhauskrücke in der Hand, kann ich nicht mit Gewissheit sagen.

Ganz leise hatte er gesprochen und dabei so traurig ausgesehen. Wie er da so saß auf der zusammengefalteten, vom Regen durchnässten, Pappe, das Gesicht voller grauer Bartstoppeln, tiefe Falten und Furchen, tat er mir leid.

Als ich mich ihm nähere, um ihm zwei Euro in den Hut vor ihm zu werfen, grinst er mich schief und zahnlos an. Seine Kleider sind von Motten zerfressen.

Ich frage ihn nach seinem Namen und er antwortet, er heiße Jesaja, das heißt Gott hilft.
Ungläubig blicke ich ihn an: So siehst du aber nun wirklich nicht aus!
Jesaja streckt die Hand aus. ”Komm her zu mir!”, sagt er. Ich erzähle dir eine Geschichte über Gott und sein Mut machendes Wort

Es ist ein kalter Frühling, aber Jesajas Hand ist warm und sein Lächeln freundlich.
Und dann erzählt der alte Mann wovon er voll ist. Es ist eine unglaubliche Geschichte:
Es kommt einer, davon ist Jesaja überzeugt, der mit allem fertig wird. Er lacht wieder sein zahnloses Lachen: Es ist schwer zu glauben, aber ich weiß es. Und dem wird auch Gott helfen, dieser Gott mit seiner Leidenschaft für die Armen und die Schwachen und die Ausgegrenzten. Dieser Gott mit seinen absurden Forderungen: Hinhören, um im richtigen Moment den Mund aufzumachen.

Um erzählen zu können vom König, der auf dem Esel reitet, der ohne Macht und Herrlichkeit einzieht bei uns.
Um zu erzählen vom Löwen, der ein Lamm ist.
Um von dem zu erzählen, der alle kennt, die Verfolgten und Verzweifelten.
Jesaja lässt nicht locker: Da kommt einer, der hat selber Schmerz und Not erfahren.
Da kommt einer, der selber ganz unten war.
Da kommt einer, der sich aufmacht, um bei uns sein, weil er das so will. Und weil er die schwachen und schweren Zeiten kennt und mittragen will.
Aber Jesaja weiß noch mehr und fügt hinzu: Er ist nahe, der mich gerecht spricht. Lasst uns zusammen vortreten! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?

Die Räume der Tafel sind gut geheizt. Endlich ist sie dran. Nur bloß weg von der Straße, weg aus dem Blickfeld der anderen. Die Menschen hier sind alle sehr freundlich. Hier wird sie nicht verurteilt. Hier gibt es keine hämischen Blicke, hier gibt es nur Menschen, die ihr die Hand entgegenstrecken und eine warme Tasse Kaffee anbieten.
Mit dem Kaffee geht es ihr besser. Die nette Dame an der Ausgabestelle fragt freundlich, was sie braucht.
Vor kurzem hatte sie in ihrem Briefkasten einen dicken Umschlag gefunden. Voller Gutscheine für Kleidung, Essen und eine Bahnfahrt war darin gewesen. Anonym. Da könnte sie nicht anders und hat losgeheult. Vor Glück. Und vor Dankbarkeit.
In diesem kalten Frühling steht sie jetzt hier, in den warmen Räumen der Tafel, mit ihrem Kaffee und ihrem Kraftsatz aus längst vergangenen Tagen. Sie ist in diesem Moment so glücklich wie sie sein kann.

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?

Amen.

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