Wer weiß denn, wie sich Armut anfühlt ? (Numeri 21, 4-9)

Fast wie beim Suppenkaspar: „Nein, meine Suppe ess ich nicht“
Ratlos sitzen die Eltern daneben. Mit Dankbarkeit und Erinnerung an die Armut in der weiten Welt, den Hunger unzähliger Kinder kommen sie bei ihrem Kind nicht weiter. Das ist zu weit weg, die Welt zu groß und es mag dieses Gericht einfach nicht.Aber die Großen sind ja auch nicht viel besser, sie haben doch im Predigttext gehört: Uns ekelt vor dieser mageren Speise… Und das sind keine Kinder, die da klagen und jammern. Wir sind wir auf wundersame Weise mittendrin in einer hochaktuellen Diskussion über Armut, allerdings heute in einer der reichsten Gesellschaften der Welt. Das fängt schon mit der Definition an: was ist Armut und was Not?
Forscher kennen die „Absolute Armut“, die durch ein Einkommen von etwa einem Dollar (neuerdings 1,25US$) pro Tag gekennzeichnet ist. Auf der Welt gibt es 1,2 Milliarden Menschen, die in diese Kategorie fallen. Davon kann unter uns wohl keine Rede sein, wohl aber gibt es eine arme „Unterschicht“ (neuerdings auch Prekariat genannt). Als relativ arm gilt derjenige, dessen Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beträgt. Am mächtigsten in der Wirkung und in der Klage ist aber die gefühlte oder auch sozio-kulturelle Armut, die sich weniger an konkreten Einkommensgrenzen festmachen lässt. Sie ist mehr das Bewusstsein einer allgemeinen gesellschaftlichen Ausgrenzung oder Diskriminierung oder der Angst vor einer sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage.
Diese Diskussion über Armut ist in unserem Sozialstaat neu entbrannt und zwar an der Diskussion über die Tafeln, allerdings nicht über ihrer nicht mehr verkaufsfähigen Waren, sondern dem Beschluss der Essener Tafel, zunächst keine Menschen mehr mit Fluchthintergrund auf die Liste der Empfänger zu nehmen, weil in einem ungeahnten Verdrängungswettstreit andere, gerade Ältere und Frauen, auf der Strecke zu bleiben scheinen.
Für die einen liegt der Skandal bei der Unterscheidung der Bedürftigkeit nach Herkunft und Status. Sie halten das für eine Form des sozialen Rassismus. Bedürftig ist wer seinen Bedarf anders nicht decken kann, sagen sie.
Andere halten die Tafeln an sich für den Skandal, in einem Sozialstaat, in dem Sozialleistungen eben allem Anschein nach nicht mehr die Teilhabe am soziokulturellen Leben ermöglicht, sondern Menschen zwingt, schon für Grundbedürfnisse Hilfsangebote wie die Tafeln oder Spendenläden in Anspruch zu nehmen.
Jens Spahn erklärt: „Niemand müsste in Deutschland hungern, wenn es die Tafeln nicht gäbe.“ Deutschland habe „eines der besten Sozialsysteme der Welt“. Mit Hartz IV habe „jeder das, was er zum Leben braucht“. Und Robert Harbeck, Vorsitzender der Grünen, hält dagegen: „Die Leute sind ja nicht arm trotz Hartz IV, sondern wegen Hartz IV.“
Es ist richtig, dass niemand absolute Armut erleben muss, Es ist wichtig, den qualitativen Unterschied nicht zu vergessen z.B. zur Situation vor wenigen Jahren in Rumänien, wo Senioren noch gezwungen waren täglich zwischen Heizung oder Ernährung zu entscheiden, weil das Einkommen für beides zusammen nicht reichte, oder zur Situation in Simbabwe, wenn wieder einmal die Regenzeit ausbleibt. Es ist aber auch deutlich, dass Menschen in Grundsicherung der fundamentalen Unterschied zu Familien mit ausreichendem Familieneinkommen ständig vor Augen steht. Es gibt Grundbedürfnisse, die zu stillen, überlebensnotwendig ist und es gibt Bedürfnisse, die eher im Wohlstandsdenken beheimatet sind. Dennoch wird es als Ausgrenzung empfunden, diese Bedürfnisse nicht wie andere auch stillen zu können. Der Wunsch mitzuhalten, kann so sehr Gewicht bekommen, dass mein Empfinden und meine Lebenszufriedenheit massiv beeinträchtigen und meine Gesundheit gefährdet wird.

Die Israeliten in der Wüste hungern nicht, sie haben ihre Form der Grundsicherung. Irgendwann gab es Wachteln und Manna oder Wasser aus den Felsen. Aber irgendwann war das eben nicht mehr genug. Irgendwann zählte auch die Freiheit nicht mehr. Irgendwann war alles in der Vergangenheit attraktiver als die Gegenwart in der Wüste.
Deswegen wünsche ich mir in der Diskussion um Armut und Teilhabe mehr Differenzierung, um die Bedürfnisse und die Erfahrungen genau zu beschreiben und ernst zu nehmen. Ich möchte von meiner Hände Arbeit leben können und wissen, dass ich es mir verdient habe und nicht dass es mir billigerweise zugestanden wird mit der Erwartung des nötigen Respektes und Dankes. Ich empfinde es dabei als Privileg, in meinem Leben Dingen nachgehen zu können, die mir gut tun und Freude bereiten. Ich erlebe es als ein Privileg, einer Arbeit nachgehen zu können, die mich mit Freude und Dankbarkeit erfüllt und meinen Interessen und hoffentlich auch meinen Begabungen entgegenkommt.

In der Wüste scheint das Bewusstsein für den Reichtum der Gegenwart und Hilfe Gottes verloren gegangen zu sein und die Strafe folgt auf den Fuß. Schlangen bringen den Tod. Uns überfällt bei der Vorstellung schon Ekel.
Woher kommt eigentlich die Angst vor der Schlange?
Liegt es an ihrer Doppelzüngigkeit, an ihrem Wispern und Kriechen, ihrer scheinbar feuchten kalten Glätte, ihrem Zischen, dass wir sie bedrohlich finden und ängstlich reagieren?
Schon in der Urgeschichte begegnet die Verführung des Menschen und die Bedrohung des Paradieses, ja der Verlust dieses geschützten Ortes in der Gestalt der Schlange. Dabei nimmt das Böse nur die Erscheinungsform der Schlange an, sie muss aber den Fluch des Bösen, den Geruch des Bösen als Ausdruck dieses Fluches bis in die Gegenwart ertragen, als ein Geschöpf, wie wir, aber mit einem Mythos der bis heute verfängt .
Als Harry Potter im Alter von 10 Jahren in Hogwards aufgenommen und vom sprechenden Hut einem Haus zugeordnet werden soll, überlegt dieser, ob es nicht Slitherin (das Haus der Schlangenflüsterer) sein sollte, das Haus für die gerissenen und schlauen. Da gehören auch die Bösewichter und Schlitzohren hin, wie Malfoy und auch der dunkle Lord war dort zu Hause. Er erscheint immer in Begleitung einer Schlange. Das Böse umschleicht ihn also immer, bedrohlich und tödlich. Harry spricht die Sprache der Schlangen. Am Geburtstag seines Cousins Duddley befreit er im Zoo eine Schlange aus ihrem Terrarium und der dicke, verwöhnte etwas plumpe Cousin findet sich in diesem wieder. Es ist die alte biblische Mythologie und Zuordnung von Eigenschaften auf bestimmte Tiere, die hier literarisch benutzt wird.

Der Zusammenhang von Schuld und Strafe in der Wüste scheint eindeutig zu sein, das Leben ist da meist doppeldeutiger. Ist Gott schuld an meinem Leid? Leid ist oft genug einfach Auswuchs einer launischen Natur, die uns nicht nur ein zu Hause ist, sondern auch Bedrohung sein kann, lebensgefährlich wie andere Geschöpfe oder wie wir anderen gefährlich werden. Die Schöpfung, am Anfang „sehr gut“, trägt auch von Anfang an diese Ambivalenz der Beheimatung und Bedrohung in sich, vielleicht bestand das paradiesische gerade darin. dass der geschützte Garten vor der Gefahr der Welt da draußen schützte. Und der Auszug aus der von Gott geschenkten und schützenden Abhängigkeit und Unmündigkeit (!) in die Selbstständigkeit des Lebens, die manche dann später Aufklärung nannten, ist eben auch ein Auszug in eine gefährdete und gefährdende Freiheit, in der wir um das Überleben ringen und immer bedroht sind von Dingen, die uns Leiden zufügen.

Eine Antwort auf die vielen Fragen meines Lebens kann ich nur allein finden: Nur ich kann mich entscheiden, meine Zeit anders zu verbringen und zu achten.
Nur ich kann meine Mitmenschen mit anderen Augen sehen lernen.
Nur ich kann meine Bedürfnisse neu definieren und Schwerpunkte setzen.
Nur ich kann Fehler benennen und korrigieren.
Nur ich kann meine Sünden erkennen und benennen, kann wahrnehmen und eingestehen, wo ich mein Leben und meine Ziel verfehlt, hinter meinen Möglichkeiten und Begabungen zurückgeblieben oder meinem Auftrag, meinem Sinn ausgewichen bin.
Vielleicht werde ich nicht mehr heil an Körper und Leid, aber vielleicht wird so meine Seele wieder heil oder meine Beziehung zur Quelle und dem Ziel des Lebens – Gott.

Ein letztes von vielem, was noch gesagt werden könnte:
Das Zeichen in der Wüste haben die Väter und Mütter als Hinweis auf das Kreuz Jesu gelesen und begriffen: wer dort hinschaut, soll Heilung für seine Wunden und Verletzungen finden.
Es ist in der Tat der Ort, wo Schuld, Versagen, Zweifel, Klage, Undank, Fragen, Hoffnungen und Sehnsüchte, Tod und Einsamkeit ihren Ort und ihre Zeit finden, aber eben auch Fürsorge, Ergebenheit und Ergriffenheit, Vergebung, Liebe und wahre Menschlichkeit mitten im Leid.
Es ist der Ort des Menschlichen schlechthin und der Ort wahrer Göttlichkeit.
Es ist der Ort, wo der bittere Tod im Raum steht, aber nur um selbst im Abgrund des Todes am Ende verschlungen und zu neuem versöhnten Leben verwandelt zu werden.
Das Kreuz aufgerichtet inmitten der Schuld der Welt ist die Veränderung meiner Wirklichkeit, meiner Not, meiner Verzweiflung, meiner Todverfallenheit, meiner engen Möglichkeiten, meiner Sündhaftigkeit.
Es ist Gottes ausgestreckte Hand, seine Versöhnung, Heilung meines Lebens, meine Ewigkeit mitten im Alltag meines Lebens – hier und jetzt. Was kann ich tun? Die Antwort ist einfach: Hinschauen und Heilwerden! Amen

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