Damit mir nichts gebricht – Predigt zu Jesaja 50,4-9; Palmsonntag 2018

Müde sein, liebe Gemeinde, das kennt ein jeder. Es gehört zum Auf und Ab im Tageslauf. Abends greift die Müdigkeit nach  einem und lässt ihn schon bei den Tagesthemen einschlafen. Mancher hat bereits am Mittag einen Anflug von Müdigkeit und findet vielleicht Zeit für ein kurzes Nickerchen. Und „manchmal bin ich schon am Morgen müd’“ – wie es in einem Lied der Gruppe Karat heißt.

Müde zu sein ist menschlich, ist normal und selbstverständlich. Aber es macht schon einen Unterschied, wovon ich müde werde. Eine lange Wanderung durch Berg und Tal ruft eine andere Müdigkeit in mir hervor als ein voller Arbeitstag.

Und manchmal wird man auch vom Nichtstun müde.

Wer müde ist, schweigt. Wer müde ist, möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Nicht noch einmal aufstehen und ans Telefon gehen. Bitte jetzt kein Gespräch mehr über das, was am nächsten Tag zu erledigen ist.

Mit den Müden zu reden ist deswegen mühsam. Für die Müden da sein zu wollen, kostet Kraft. Einen müden Menschen wieder aufrichten zu wollen, macht selber müde. Und strengt an.

Hören wir, wie der Prophet, den wir den zweiten Jesaja nennen, seine Erfahrung beschreibt:

Text verlesen: Jesaja 50,4-9

Jesaja, liebe Gemeinde, tröstet die Müden. Die Menschen, unter denen er lebt, sind ausgelaugt. Der eigene Staat, den die Israeliten vor vielen Jahren hatten, ist zerschlagen. Sie mussten das eigene Land verlassen und wurden mit Gewalt umgesiedelt. Das Exil hat sie mürbe gemacht. So lange harren sie nun schon aus. Die Hoffnung, bald nach Hause zu kommen, erscheint ihnen aussichtslos. Übermächtig ist die Herrschaft der Babylonier. Es gibt kein Entrinnen. Immer wieder hatten sie darauf gewartet, dass sich ihre Lage verbessert, aber immer ohne Erfolg. Immer wieder haben sie auch zu Gott um Hilfe geschrien – aber er schien sie nicht zu hören. War verstummt!

Hoffen – warten – enttäuscht werden, dieser Dreiklang macht müde. Dieser Dreiklang lässt alle Kraft aus den Knochen schwinden. Wie Mehltau liegt die Müdigkeit über dem Volk.

Da tritt Jesaja auf. Er will die Müden trösten. Vielleicht hätte ich seine Worte nicht lesen, sondern singen müssen. Denn Jesaja singt. Singen ist etwas anderes als reden. Ein Lied geht zu Herzen, es erreicht mich schneller, leichter. Ein Lied bringt mich innerlich in Bewegung. Jesaja singt seinem Volk ein Vertrauenslied vor. Er singt vom Vertrauen, das er auf Gott hat. Er singt von seinen Erfahrungen, die er mit Gott gemacht hat. „Hört ihr Israeliten“, so muntert er sein Volk auf, „hört auf Gottes Stimme. Hört auf das, was Gott getan hat. Früher, in eurer Geschichte, immer wieder.“  Und Jesaja führt sich auch selber und seine Erfahrungen als Beispiel an. Man hat ihn geschlagen, hat ihn bespuckt und lächerlich gemacht. Aber er hat auch die Erfahrung gemacht: Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.  Darum singt er von Hoffnung mitten im Leid. Gott wird die Gefangenen erlösen. Das ist die Botschaft, die Gott ihm aufgetragen hat.  Er wird sein Volk wieder nach Hause bringen.

Die bleierne Zeit wird ein Ende haben. „Gott hat mir eine große Aufgabe gegeben“, so sagt er, „ich soll euch trösten. Die Gefangenschaft hat euch zermürbt. Ihr habt aufgehört, Gott eure Lieder zu singen – doch nun singe ich, damit die Müdigkeit aus euren Gliedern weicht.“

Und dann lässt er uns an seinem Schicksal Anteil nehmen. „Jeden Morgen“ – so sagt er – „weckt Gott mir das Ohr. In diesem Moment weiß ich mich unserem Gott ganz nah. Nichts steht zwischen uns, keine Fremdheit, keine Enttäuschung. Gott schenkt mir die rechten Worte, damit ich euch das weitergeben kann, was er mir aufgetragen hat.“

Unverbrüchlich steht für ihn Nähe Gottes fest – allem Zweifel zum Trotz. Täglich neu erlebt er Gottes Güte und seinen Trost, der ihn umhüllt wie ein warmer Mantel. Er öffnet ihm das Ohr und das Herz. Gott selbst ist es, der ihm die rechten Worte schenkt, mit den Müden zu reden.

Aber hört man ihn auch, liebe Gemeinde?

Nein, leicht hat der Prophet es nicht. So schön er auch singt, so sehr er sich auch anstrengt: Die Menschen wollen sich nicht trösten lassen. Der Tröster soll gehen. Sie wollen seine guten Worte und seine Lieder nicht hören. Man verachtet ihn, nennt ihn einen Lügner.

Auch das kenne wir, liebe Gemeinde. Tröstende Worte können manchmal wirklich unerträglich sein. Wenn meine Enttäuschung sehr tief sitzt. Wenn ich keine Hoffnung mehr spüre, bitter geworden bin. Wenn mir vielleicht gut gemeinter Trost als billige Vertröstung erscheint: Kopf hoch – wird schon nicht so schlimm sein.

Die Müdigkeit kann dann tonnenschwer werden. Und jeder Trost wirkt wie Spott.

Stellen sie sich vor: sie treffen einen Arbeitslosen, der dreißig erfolglose Bewerbungen hinter sich hat. Sie sagen ihm: Kopf hoch – ganz bestimmt kriegst du bald eine Stelle? Wie wird er reagieren?

Stellen sie sich vor: sie sind im Krankenhaus. Da kommt einer und sagt: nächstes Jahr wird das Krankenhaus zugemacht – man wird es nicht mehr brauchen. Alle werden gesund sein. Wie würden sie reagieren?

So denke ich mir, muss es den Leuten damals ergangen sein: Weg mit diesem Schwätzer!

Aber Jesaja gibt nicht auf. „Hört doch hin“, sagt er. „Ich singe

nicht irgendein Hoffnungslied. Das ist nicht der Dreiklang, den ihr kennt: Hoffen – warten – enttäuscht werden.  Ich singe euch das Hoffnungslied von Gott und seiner Treue. Ich nehme hin, dass ihr mich einen Lügner nennt. Ihr verachtet mich, ihr bespuckt mich und gießt euren Spott wie aus Kübeln über mir aus. Aber ich bin mir ganz sicher“, sagt Jesaja, „am Ende werde ich Recht bekommen. Denn Gott hat mich zu euch gesandt. Seine Worte sind es, die euch ausrichte. Er wird mich ins Recht setzen. Daran halte ich fest.“

Mit diesem Sonntag, liebe Gemeinde, gehen wir in die Karwoche. Wir haben wieder neu Jesu Leiden und Sterben am Kreuz vor Augen. Mit jedem Tag gehen wir einen Schritt auf das Kreuz zu und stehen am Karfreitag unter dem Kreuz.

Schon früh hat das Bild von dem leidenden Gottesknecht, der uns bei Jesaja begegnet, der Christenheit dazu gedient, das Leiden und Sterben Jesu für uns zu verstehen.                                                                                                                                                                                                                  Christus ist der, von dem wir singen: „Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet, ins Angesicht geschlagen und verhöhnet!“

Wer bist du? Was kannst du? – so wurde Jesus angegangen. „Rette dich selbst und steig vom Kreuz herab“ so hat man ihn verspottet.

Unser Glaube hängt daran, dass dieses Leiden kein sinnloses Leiden war. Denn im Schatten eben dieses Kreuzes will Gott uns das Ohr öffnen. Im Schatten dieses Kreuzes hören wir die frohe Botschaft: Der hier am Kreuz hängt, der ist nicht am Ende – hier ist der Anfang zu einem ganz neuen Leben.

Zugegeben: Es ist eine leise Stimme, die uns da vom Kreuz her eine erquickende Botschaft bringt. Die Botschaft, dass Gott die Seinen nicht zuschanden werden lässt. Sondern dass das Leben siegt – mitten im Tod.

In wenigen Tagen, am 4. April, jährt sich zum 50. Mal das Attentat auf den schwarzen Bürgerrechtler, Pfarrer und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King. Sein großer Traum – dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern sich am Tisch der Brüderlichkeit gemeinsam niedersetzen können und dass seine Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden – dieser Traum ist wahr geworden. Aber ihn selbst hat er das Leben gekostet. Gewaltlos – nur mit der Kraft der Liebe, einem unerschütterlichen Glauben und der Bereitschaft zur Versöhnung hat er seine mächtigen Gegner in die Knie gezwungen.

In einer Rede in Memphis am Tag vor seinem gewaltsamen Tod hat er gesagt: Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgend etwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.

Und ich erinnere auch an Jochen Klepper. Gleich nachher werden wir sein wunderbares Morgenlied gemeinsam singen  „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr!“ Es ist unserem Predigtwort nachempfunden.

Jochen Klepper hatte eine Jüdin geheiratet, im Widerspruch zum Nationalsozialismus. Zunächst hat er gehofft, dass ihm als bekanntem Schriftsteller nichts passieren können. Als der Druck auf die Familie immer höher wurde, haben sie die Ausreise beantragt. Im letzten Augenblick  wurde die Ausreisegenehmigung von höchster Stelle ausfür seine Familie vereitelt. Daraufhin ging er mit seiner Frau und einer Tochter in den Tod.

Überliefert ist von ihm sein letzter Satz: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Der leidende Christus am Kreuz – der segnende Christus, in dessen Anblick die Familie Klepper sich auf ihren Tod vorbereitet.

Das ist kein Widerspruch. Denn unsere Hilfe im Leben und im Sterben erwächst als zarter grüner Halm der Hoffnung mitten im Leid.

Mitten in der Nacht ist der Anfang des neuen Tages. Mitten in der Nacht werden die Müden gestärkt und schöpfen Hoffnung auf das ewige Leben.

Gibt es etwas Tröstlicheres als zu hören, dass nicht die Sorgen und die Ängste das erste Wort haben – und mögen sie noch so früh aufstehen – sondern dass Gott früher dran ist und zu uns spricht?

So verstehe ich den zweiten Jesaja – und so verstehe ich auch Martin Luther King und Jochen Klepper.

Mitten im Dunkel trägt uns die Hoffnung, dass wir nicht zuschanden werden. Niemals. Und über uns steht das Bild des segnenden Jesus, der am Kreuz gestorben ist. In seinem Anblick leben wir.

„Er will mich früh umhüllen mit seinem Wort und licht, verheißen und erfüllen, damit mir nichts gebricht; will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag. Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag!“

Amen

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