Gott weckt unser Ohr

Wenn wir uns heute an unsere Konfirmation vor 50, 60, 65 oder 70 Jahren erinnern, denken wir womöglich an eine großes Fest, das auch dann noch gefeiert wurde, als Deutschland eigentlich in Trümmern lag, als man organisieren und rotieren musste, um feiern zu können.

Heute sehen Konfirmationen vielleicht anders aus, aber das Wesentliche ist geblieben. Jugendliche freuen sich über ein Fest, über Geschenke, aber sie lernen auch viel über Inhalte um am Ende eines Unterrichts selber Stellung beziehen zu können mit ihrem Glauben, sich selber bekennen können zu dem Herrn, der für sie da sein will.

Eine besondere Gestalt in der Geschichte des Glaubens ist der Knecht Gottes aus dem Buch des Propheten Jesaja. Wir wissen nicht ob der Prophet von sich selber redet oder von einer ihm bekannten Person, aber auf jeden Fall erzählt der Prophet, wie er sich einen Jünger Gottes vorstellt:

4 Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. 7 Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Hintergrund seiner Visionen vom Knecht Gottes ist, dass er die bleierne Müdigkeit spürt, die sich auf das Volk Gottes gelegt hat, das im babylonischen Exil seine Hoffnung langsam, verliert. Er sieht, was wir heute – unter anderen Bedingungen – auch sehen. Er sieht wie Menschen langsam den Mut verlieren und die Hoffnung.  Immer mehr sehen sie schwarz und beginnen, sich einzurichten. Wenn man doch keine Zukunft zu erwarten hat, so sagen sie, dann lass uns eben hier und heute so leben, als ob es Gott nicht gäbe. Ohne Hoffnung ohne Glauben, ohne eine gute Erwartung leben sie im Hier und Jetzt und das raubt ihnen Kraft und Schwung. Sie spüren vielleicht selber, dass so eigentlich keine wirkliche Freude am Leben wachsen kann.

Zu ihnen kommt der Prophet mit der Rede vom Gottesknecht, in dem er viel über den Willen Gottes mit den Menschen erzählt. Er erzählt den Menschen, wer Gottes Knecht für uns sein will. Von wem der Prophet redet lässt sich nicht so genau festmachen. Vielleicht ist es ein Formular für die Menschen, wie sie leben könnten im Auftrage des Herrn. Vielleicht will er seinen Mitmenschen und uns sagen, wie Leben zu gestalten wäre, wenn es Leben im Glauben ist.

Menschen können einander aufbauen mit dem Wort Gottes und einander zuhören mit wachem Ohr, hellem Verstand und glühender Liebe.

Das Lied des Knechtes Gottes beginnt damit, dass er die Gaben Gottes preist. Er hat mir eine Zunge und einen Mund gegeben, dass ich mit den Müden reden kann, dass ich weiß, welche Worte sie brauchen. Er weckt mich des Morgens und weckt auch mein Ohr, dass ich zuhören kann, dass ich verstehen kann, was die Menschen bewegt.

Der Gottesknecht erzählt, dass er viel Leid ertragen muss um dieser Zuwendung Gottes Willen. Es ist nicht alles ganz easy, wenn ich nach dem Willen Gottes leben  will. Da muss ich mancherlei Nackenschläge einstecken, manchen Spott ertragen. Aber vielleicht spüre ich auch wie der Knecht, dass Gott bei mir ist, dass Gott mich begleitet und mich doch letztendlich beschützt.

Im christlichen Leben geht es, genauso wie in diesem Lied, viel um Seelsorge: Mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Das könnte ja ein Lebensziel für Viele werden. Müde sind für den Propheten erst einmal Menschen, die ihres Daseins müde sind, sich ihrer Freude beraubt fühlen, denen der Sinn im Leben abhandengekommen ist. Und ich muss herausfinden, wer für mich heute müde ist. Die Menschen, die zermürbt werden in der Mühle der Bestimmungen oder die Menschen, die Angst haben, weil ihre Rente nicht reicht, weil sie nicht wissen, wer sie einmal pflegen wird. Deswegen brauche ich ein offenes Ohr, brauche ich, dass Gott selber mir das Ohr weckt, dass ich die wirklichen Nöte der Menschen ernst nehmen kann, sie verstehen kann und vielleicht ihnen helfen kann, damit umzugehen. Oft ist es unter Menschen ja anders. Da hat einer Probleme und alle anderen versuchen ihn zu beruhigen. Alles nicht so schlimm – oder es gibt Menschen, denen geht es noch viel schlechter als dir. Diese Menschen haben kein waches Ohr. Sonst würden sie hören, was ihr Gegenüber bewegt und die Menschen wirklich wahrnehmen, die hinter den Geschichten stehen.

In unserem Lied sagt einer Ich. Er weiß sich von Gott berufen und sagt darum voller Überzeugung Ich und redet von Gott, der ihm allerlei gute Dinge tut, der ihm Gaben verleiht und ihn selber aufmerksam macht, wo er gebraucht wird.

Er weiß: Mich hat Gott in seinen Dienst gerufen und darum darf ich nun den Menschen helfen, sich selbst zu finden. Ich darf ihnen Mut machen, ebenfalls Ich zu sagen und ihr Leben neu in die Hand zu nehmen. Er weiß. Nur mit Gott kann mein Leben wirklich erfülltes Leben werden und darum will ich ihn immer neu suchen in meinem Leben und meinen Mitmenschen helfen zu suchen und zu finden. Darum weckt mich Gott alle Morgen und weckt mir selbst das Ohr. Er will mir helfen als sein Jünger zu leben und glücklich zu werden.

Denn nur wer hört, kann reden. Und nur wer hört kann da sein für Menschen. Gott weckt unser Ohr und bewahrt es dadurch vor der Dauerberieselung durch die vielen Töne unserer Zeit – wenn wir es denn zulassen. Dann werden wir hören können, wie ein Jünger hört – nicht akustisch aber mit Herz und Gefühl. Ich muss nur zulassen, dass Gott in mir Dinge bewirkt.

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