Vor dem Fallen flüchten

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Adam und Eva. Da sitzen sie jetzt. In ihrer kleinen Wohnung, drei Zimmer und Küche. Das Klo draußen, auf halber Treppe. Die gemeinsamen Abende sind rar. Einer von beiden muss immer arbeiten. Schicht. Bei Amazon oder Libri, bei GLS oder im tegut. Heute haben sie seit Wochen endlich einen freien gemeinsamen Abend.

Viel haben sie schon miteinander erlebt. Das Leben hat sie gezeichnet. Adam hat eigentlich immer Rückenschmerzen. Eva wird grau. Zwei Söhne haben sie bekommen, haben die beiden mit viel Liebe groß gezogen. Viel Platz hatten sie nicht und noch weniger Möglichkeiten. Aber sie haben gehofft, gebetet und dafür gearbeitet, dass die beiden es mal besser haben sollen.

Aber dann schlug das neue Leben mit aller Härte zu, sie verloren einen Sohn und seitdem hat der andere sich auch nicht mehr gemeldet. Das Leben, denkt Adam, verlangt einem an manchen Tagen viel und manchmal einfach alles ab. Das war eine schwere Zeit.
Heute verläuft das Leben ruhiger. Nicht weniger anstrengend, aber die zwei haben sich arrangiert.

Adam hat sich ein Bier aufgemacht, Eva bügelt noch schnell die Wäsche der letzten Woche weg. Reden möchten die beiden heute nicht mehr. Sie sind erschöpft von der Arbeit, ausgelaugt und froh, jetzt zuhause zu sein.

Der Fernseher läuft und die Bilder der Tagesschau bringen ihnen die Welt in ihr kleines Wohnzimmer. Es sind selten gute Nachrichten. Krieg in Syrien, Giftgaseinsätze, sinnlose Gespräche in der UNO, Militärputsche, Vergewaltigungen, entführte Mädchen und Frauen irgendwo in Afrika. In solchen Momenten schämt Eva sich dafür ein Mensch zu sein.

Und am Ende erzählen die Nachrichten die traurigen Geschichten weiter, an der sie beide beteiligt waren, aber, und das ist Adam wichtig, sie waren nicht der Grund dafür. Nur ein Teil davon. Ungern denken beide zurück an diesen Moment, als Gott sie damals danach im Garten Eden entdeckt hatte.
So von außen betrachtet, gleicht ihr neues Leben einem Hochseilakt. Und jeder Schritt nach vorne ist nur ein weiterer Versuch vor dem Fallen zu fliehen.

Früher sind sie vor Gott geflohen. Auch wenn ihre Geschichte die erste war,  sie ist doch nur eine in einer ganzen Reihe anderer Geschichten, die davon erzählen. Natürlich haben alle gewusst, dass die Krise zwischen den Menschen und Gott schon länger bestand, aber dass dann auch noch ein nordafrikanischer Bischof ausgerechnet ihnen die Erbsünde anlasten wollte, schmerzt die beiden bis heute.

Das es schon früh Probleme in der Beziehung Gott – Mensch gab das war offensichtlich. In der Urgeschichte findet man eine ganze Reihung von Geschichten, die etwas über diesen Bruch erzählen. Angefangen bei der Geschichte vom Brudermord, in der Kain aus Eifersucht Abel erschlägt, über das Lied des Lamech, der vor Zorn und Rachgelüsten fast platzt, bis hin zu den Engelehen, mit denen der Mensch versucht hatte, die Grenzen zwischen Himmel und Erde vollends aufzulösen und, nicht zu vergessen, der Turmbau zu Babel; ganz zu schweigen von der Sintflut – da hatte es dem wohlmeinenden Schöpfer mit seinen Menschen schon wieder gereicht, da hatte er die Schnauze voll.
Am Ende liegen zwischen dem so hoffnungsvollen Beginn und dem vorläufigen, bitteren Ende nur elf Kapitel. Und in diesen reiht sich eine klägliche Erzählung über die Missachtung der Gebote an die nächste.

Es sind Geschichten, in denen das Böse wie ein Ölteppich ist, der sich auf einem idyllisch gelegenen See immer weiter ausbreitet und die Menschen stehen daneben, schauen zu, tun nichts oder wenn dann das Falsche.

Oftmals ging es in diesen Geschichten um Missachtung. Dieser Begriff würde Eva besser gefallen als Überschrift für die Geschichte in der Adam und sie die Hauptrolle gespielt haben; denn von Sünde ist zumindest in ihrer Angelegenheit in der Bibel keine Rede. Aber sie stehen nun mal am Anfang der Reihe, also sind sie die Schuldigen.

Ganz so einfach ist es nicht. Natürlich hatte Gott ihnen verboten, von der Frucht dieses besonderen Baumes zu essen, aber sie taten es doch.

Und natürlich hatte er das Allerschlimmste angedroht, aber, und da war Gott so sympathisch inkonsequent wie Eltern manchmal sind, er brachte es nicht übers Herz, die beiden zu töten. Also dürfen sie weiterleben, nur ab jetzt eben in ihrer Dreizimmerwohnung plus Küche mit dem Klo draußen, auf halber Treppe und der ganzen Geschichte, die da dran gehangen hat.

Am Ende ist es so, wie es ist. Die beiden haben eine andere Zukunft gewählt. Eine Zukunft in der es seitdem auch darum geht, Farbe zu bekennen. „Ich wars!“ ist ein Satz der nun dazugehört, den man aber auch heutzutage nicht so häufig hört. Das war schon damals so: Als Gott den Schlamassel sieht und nach dem Verantwortlichen fragt, gibt Adam zuerst Eva die Schuld. Die wiederum zieht die Schlange zur Verantwortung.
Wenn‘s drauf ankommt, will es keiner gewesen sein.

Aber immerhin: Beide haben am Ende gemerkt, dass ihr Verhalten falsch war – trotzdem arbeitet sich die Welt bis heute daran ab.
Der Mensch mag in diesem Moment, als Gott ihn zur Rechenschaft zog, schlagartig erwachsen geworden sein, aber ob er auch dazu bereit war ist eine andere Frage.
Es ist ja nun mal so, wenn’s läuft, dann waren’s immer alle.
Wenn es nicht läuft immer alle anderen.

Wohl auch darum versuchen Eltern ihren Kindern beizubringen, dass sie für ihre Taten Verantwortung übernehmen müssen. Und diese Eltern tun das hoffentlich liebevoll, aber konsequent.

Die lieben Kleinen sollen lernen sich den Folgen ihrer Verfehlung zu stellen und die Schuld nicht auf jemand anderen abwälzen. Das ist alles was zählt. Läuft es nicht so, wird es keine Veränderung geben.

Eva nickt jetzt zustimmend und stellt das Bügeleisen auf das Bügelbrett, stemmt die Hände in die Hüfte und macht ihren Rücken gerade: Klar haben wir damals versucht, uns der Schuld zu entledigen, aber wir haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Es ist natürlich leicht zu sagen, an allem was in der Welt falsch läuft sind Adam und Eva schuld – aber das ist zu wenig.

Gab es eine Alternative?
Diese Frage begleitet die beiden schon eine Ewigkeit.
Was war falsch an der göttlichen Rundumversorgung?

Und immer geben sie sich diese eine Antwort, die mal mehr, mal weniger hilft: Hätten wir einfach dumm, aber glücklich weiterleben können?
Also Stillstand im Paradies?
Diese Frage ist längst beantwortet.
Und jetzt trägt jeder Verantwortung. Seit der Sache damals ist ja auch jeder in der Lage zu sehen, was richtig und was falsch ist.

Und dazu gehört eben auch, dass man sich seinen Fehlern stellt. Wenn es in unserer Geschichte eine Moral gibt, dann diese: Steh zu deiner Fehlbarkeit, denn tust du das nicht, wird sich nichts ändern. Dann geht das so weiter, mit der Flucht vor dem Fallen und der Verantwortung.

Eva schaut jetzt wieder zum Fernseher, sie sieht noch das Ende der Nachrichten und dann das Wetter. Draußen soll es kalt bleiben und Eva denkt erleichtert daran, dass Gott ihnen, trotz allem ganz der liebevolle Vater, beim Rauswurf immerhin noch ein paar Felle angezogen hat. Die haben schon gute Dienste getan, denn die Welt auf der anderen Seite der Mauer war kalt. Viel kälter als sie es gewohnt waren.

Die vielen schlechten Nachrichten aus aller Welt wirken in beiden noch nach. Dass es so nicht bleiben kann und hoffentlich so nicht bleibt, liegt auch an uns, denken beide und träumen von einer Welt, die endlich aus ihren Fehlern lernt.
Und Eva sagt laut: Es kommt auf alle an, einen Unterschied zu machen.
Amen.

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