„Worte, wie die Morgenröte“

Die Dunkelheit hat seit jeher etwas Bedrohliches. Darum verhängten manche Städte im Mittelalter bei Anbruch der Nacht Ausgangssperren, ließen Kommunen Stadttore und Häuser verriegeln. Wenn es dunkel wird, überkommt die Menschen seit jeher ein Gefühl der Angst, vor der Einsamkeit oder den eigenen Dämonen. (Aus: Die Nacht, von S. Stillich u. C. Wüstenhagen, erschienen in der ZEIT, Wissen Nr.2/2015, 17. Februar 2015).

Am Tag ist es einfacher. Da regiert die Sonne, scheint ein hell machendes Licht und mit dem ersten Sonnenstrahl, mit dem Morgengrauen verschwindet die Nacht, muss das Dunkle weichen.

Nun gibt es gewiss Nächte, die sollen niemals enden. Die sind so schön, die sollen dauern; die will man gerne auskosten bis zum Schluss. In diesen Nächten kann einem die Dunkelheit nichts anhaben. Weil man nicht alleine ist und darauf noch ein Glas mit den lieben Freunden trinkt.

Aber es gibt eben auch andere Nächte. Solche die nicht enden wollen. Nächte, in denen alle Wege öde und leer sind. Nächte, die so dunkel sind, dass sie alles verschlucken und alles verschwimmt.

In solchen Nächten sitzt die Einsamkeit neben dir, umarmt dich mit kalten Fingern und erinnert sich mit dir an all dein Versagen, deine Schuld und deine Angst. Kennt alle deine Sorgen, um dich, um dich, um deine Lieben, um die Welt. Solche Nächte sind dunkler als andere. Und sie sind es, weil man alleine ist.

Aus dem Stoff einer solchen Nacht ist die Geschichte um Jakob und seinen Kampf am Flussufer gemacht. In solchen Nächten gilt es auf der Hut zu sein und das Gegebene nicht kampflos hinzunehmen.
In solchen Nächten gilt es, Widerstand zu leisten und sich gegen das Gegebene zur Wehr setzen.
So wie Jakob:
Auf dem Weg zur Versöhnung mit seinem Bruder Esau ist er alleine zurückgeblieben am Ufer eines Flusses. Warum, wieso, weshalb – darauf gibt es keine Antworten. Alle seine Lieben, seine Getreuen, sein ganzes Hab und Gut – all das hat den Fluss, der zwischen ihm und seinem Bruder liegt, bereits überquert. Jakob hingegen hat jetzt die Einsamkeit der Nacht gewählt. Eine mutige Entscheidung, denn später in der Nacht wird es Jakob so gehen wie jedem anderen auch in ähnlicher Situation.

Sei es am Ufer eines Flusses,
sei es auf der Flucht,
sei es auf einem Krankenzimmer vor einer Operation,
sei es vor einer großen und weitreichenden Entscheidung:
In der Nacht sind die Gedanken lauter.

Dort unten, nachts am Fluss, gibt es keine Ablenkung. Hier gibt es nur Jakob, die Dunkelheit und seine Gedanken. Mit dabei werden auch Gedanken der Scham sein, denn so reich und gesegnet Jakob ist, so schuldig ist er auch. Er ist ein Betrüger, wohlhabend zwar, aber eben ein Betrüger.
Ein Linsengericht gegen das Erstgeborenenrecht.
Damals hatte Jakob hoch gepokert und viel riskiert, aber nur scheinbar gewonnen. Schließlich hat er damals nicht nur seinen Bruder betrogen, sondern auch Gott und sowas rächt sich.

Das wäre die erste Erkenntnis dieser Nacht:
Egal wie belanglos es auch erscheint: Es mag einfach sein Dinge von A nach B zu transportieren, all sein Hab und Gut sicher auf die andere Seite eines Flusses zu bringen, aber da gibt es Dinge in jedem Leben, Geschichten und Taten, die lassen sich nicht so einfach von der Vergangenheit in die Zukunft mitnehmen, die gelangen nicht ohne weiteres von einem Ufer an das andere.
„Unbereinigte Vergangenheit“ lässt sich nicht einfach übersetzen. (Vgl.: E. Jüngel, Predigten 4, Unterbrechungen, Stuttgart 2013, S. 20).

Da braucht es andere Wege der Verarbeitung.
Da braucht es einen Gott, der auch vor einem Kampf mit seinen Menschen nicht zurückschreckt.
Und in dieser Nacht verschwimmen die Konturen und die Ereignisse überschlagen sich: Als er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann.

Die Nacht hat ihre bedrohlichen Seiten. Jakob wird es erfahren. Aus der Dunkelheit kommt etwas auf ihn zu. Ein Mensch? Gott?
Ein Anderer, sagt der Erzähler, selber unsicher, mit wem genau Jakob es zu tun bekommt. Fest steht: Ausweichen kann Jakob nicht. Er muss sich dem Unbekannten stellen. Gesegnet ist der, der sich wehren kann.

Ein solcher Kampf, auf glitschigem Grund, an einem Flussufer, inmitten der Nacht, ist nicht an den Ort gebunden.
Ein solcher Kampf, kann sich auf vielfältige Weise abspielen: „Als körperliches Leiden, das mit Schmerz die seelische Widerstandskraft zu brechen droht; als Schwermut und Verzweiflung, aus der die gequälte Seele nicht mehr herausfindet; als Schuld, aus der der Mensch keinen Ausweg mehr weiß, und in der er mit Gott hadert, weil er sein Gewissen nicht zum Schweigen zu bringen vermag.“ (Vgl. W. Stählin, Predigthilfen, Bd. III, AT, Kassel 1959, S. 35.)

Was auch immer der Grund dieses Kampfes ist: So ein Kampf hinterlässt seine Spuren. Kein Mensch geht aus der Begegnung mit dunklen Gedanken, dunklen Mächten und Gewalten unversehrt oder gar unverändert hervor.
So wie Jakob.
Seine Hüfte hat was abbekommen. Er hat einen körperlichen Schaden erlitten. Wen wundert’s?
„Wer, der durch die dunkle Nacht gegangen ist, hinkt nicht in irgendeiner Weise?“ (Vgl.: W. Stählin, Ebd.)

Jakob hinkt, aber er wird gesegnet, weil er den Anderen nicht gehen lässt. Die ganze Nacht haben die beiden miteinander gekämpft. Aber jetzt, nachdem die beiden, die ganze Nacht miteinander gerungen haben, richtet er das Wort an Jakob.
„Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel [Gottesstreiter]; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort.

Es ist erstaunlich, was Jakob gelingt. Er bringt die unheimliche Macht zum Reden, weil er sie nicht loslässt. Seine Unnachgiebigkeit und sein Mut öffnen dem Anderen den Mund.
Nun gibt es in unserem Leben Worte, die machen die Nacht noch dunkler und es gibt Worte, die „sind wie Morgenröte.“ Beenden die Dunkelheit und lassen die Sonne aufgehen.
So ein Wort spricht der Unbekannte Jakob zu.
Das Erstaunliche daran ist, dass gerade Jakob dieses Segenswort zugesprochen bekommt. Ausgerechnet er, der Gott und seinen Bruder betrogen hat, wird endlich rechtmäßig gesegnet.

Auch wenn man vom Segen nicht viel sieht und Jakob nach der Begegnung mit Gott hinkt – das ist wohl eine weitere Erkenntnis dieser Nacht:
Besser nicht locker lassen. Nichts ist in Stein gehauen, die Welt muss nicht bleiben wie sie ist. Der Betrüger kann gesegnet werden.
Gott hat also immer noch ein gutes Wort für uns, seine Menschen; der Fluch der bösen Taten hat nicht die letzte Macht. Das Leben mag uns zeichnen, uns hinkend zurücklassen, aber auf uns liegt der Segen Gottes. Und mit dem gehe ich getrost durch die Nacht in einen neuen Tag!
Amen.

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