Gott als Grundton des Lebens

Liebe Gemeinde!

Musik verändert die Welt. Dieser Satz ist geradezu abgegriffen, so oft ist er schon gesagt worden, nicht zuletzt auch zum Sonntag Kantate. Allerdings ändert das nichts daran, dass dieser Satz zutreffend ist. Es hat etwas Berührendes, wenn Israelis und Palästinenser unter Daniel Barenboim gemeinsam musizieren. Oder irgendwo spielt ein einsamer Cellist zwischen Ruinen. Bei allem Bedrückenden, was da aufkommt, ist das doch ein starkes Zeichen der Hoffnung.

Die Posaunen von Jericho lassen Mauern einfallen und die Psalmengesänge von Paulus und Silas provozieren ein Erdbeben, das Gefängnismauern und Fesseln sprengt. Großartige biblische Bilder für die Kraft der Musik sind das. Doch geht‘s auch eine Nummer kleiner?

Paulus und Silas werden behandelt wie Schwerverbrecher, sie werden misshandelt. Es spottet jeder Verhältnismäßigkeit, wie mit ihnen umgegangen wird. Das könnte sie wütend machen. Vielleicht waren sie es ja auch? Wer will es ihnen verdenken? Aber, und das ist nun das Entscheidende, Wut war ganz offensichtlich nicht der Grundton ihres Lebens. Diesen Grundton bestimmte Gott. Gott – wie sie ihn aus ihrer jüdischen Tradition kannten, Gott – wie er ihnen in Jesus neu begegnet war, Gott – von dem sie wussten, er ist an ihrer Seite, JHWH, wie er seit Alters her genannt wurde, Immanuel. Das machte sie gelassen und im tiefsten Herzen froh. Ihr Gebet wurde wohl ganz von selbst zum Lob Gottes mitten in der Trübsal des Gefängnisses.

Es ist wunderbar, wenn jemand Zeit und Talent hat, ein Instrument zu spielen oder in einem Chor zu singen, aber es ist nicht entscheidend für sein Leben. Und es ist auch nicht ausschlaggebend, welche Musik einer mag oder bei welchen Klängen sich die Nackenhaare sträuben. Entscheidend ist, dass dieser von Gott bestimmte Grundton in unseren Herzen klingt und sich immer wieder Bahn bricht. Und zuweilen, in besonderen Momenten, springt er dann auch auf andere über.

Manchmal hat das, was passiert, ein Happy End. Hier bei Paulus und Silas ist es so. Wir können uns vorstellen, wie sie mit der Familie des Kerkermeisters zusammen Gott gelobt haben. Ja, vielleicht ergab sich auch so eine Art Gefangenenchor. Nach einem glücklichen Ausgang ist es leicht zu loben.

Wenn es aber nicht zu solch einem Ende kommt, muss dann Totenstille sein? Oder kann auch da noch etwas klingen, das zu einem tröstlichen Ton wird? Das wäre doch wichtig! Eine ganz tragische Geschichte ohne guten Ausgang schildert Karl-Heinz Bomberg in einem seiner Lieder, eine Geschichte, wo es am Ende nur noch Nacht zu sein scheint. Und doch „klingt durch die Nacht ein Ton, der streichelt zärtlich dein Gesicht.“ Ein zaghaftes Lächeln könnte die Folge sein.

Das möge bleiben, für uns und andere, dass wir den zum Lob führenden Grundton Gottes in uns vernehmen, und dass dann, wenn einmal nur noch Nacht zu sein scheint, solch ein Ton und zarter Klang das Gesicht streichelt und die Tränen trocknet. Wo immer wir das erleben, ist das Wunder nicht kleiner als das, was Paulus und Silas widerfuhr, und es lohnt, davon zu erzählen.

Amen.

(Hinweis: Die CD „Seitdem klingt durch die Nacht ein Ton“ von Karl-Heinz Bomberg erschien 2014 bei ARTyCHOKE artist productions.)

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