Hauptsache Christus!

Liebe Gemeinde!

Eigentlich passt Paulus gut in unsere heutige Zeit. Er versteht es bestens, miese Zahlen schön zu reden, wie erst kürzlich der Chef einer bedeutenden Bank, die seit Jahren rote Zahlen schreibt, aber nach seinen Worten auf einem sehr guten Weg ist, was auch wieder Grund genug war, den Aktionären eine ansehnliche Dividende auszuschütten. Da fragt sich sich nicht nur die berühmte schwäbische Hausfrau: Wie geht das?

Aber so etwas hat ja Tradition und findet Anwendung in jedem System. Ich erinnere mich, dass mir Frauen meiner früheren sächsischen Dorfgemeinde erzählten, wie sie unmittelbar nach dem Krieg bei den Russen arbeiten mussten und dabei eine Norm aufgedrückt bekamen, die einfach nicht zu erreichen war. Und sie beschwerten sich bei der sie kontrollierenden Offizierin. „Wie sollen wir das denn jemals schaffen?“ – „Na, mit dem Bleistift …“, war die Antwort. Phantasiezahlen in der Liste, das ergibt dann 150prozentige Planerfüllung. Und hat nicht auch so mancher von uns zu DDR-Zeiten mal Kleinigkeiten aufgebauscht und damit das „Rote Buch der guten Taten“ gefüllt, nur um seine Ruhe zu haben?

Und dieser Paulus? Er sitzt im Gefängnis und schreibt der Gemeinde in Philippi, die er gegründet hat und die er liebt und von der er hört, dass es drunter und drüber geht. Und was schreibt er? Alles gut, ich freue mich.

Ja, hoppla, geht‘s noch? Neben einigen Redlichen sind da in Philippi Leute am Predigen, die die Botschaft Jesu verdrehen. Da gibt es Leute, die vorgeben, der Gemeinde zu dienen und doch eigentlich nur selber glänzen und groß ‚rauskommen möchten. Und Paulus, den Gemeindegründer, machen sie ganz offensichtlich schlecht: Ein Versager sei er. Man sieht‘s ja, schließlich ist er im Gefängnis gelandet. Doch an Paulus perlt das wohl ganz einfach ab. Offensichtlich ist er auch so einer, der in Teflon gebadet hat.

Ein paar Jahre später wird Paulus der Gemeinde in Rom einen langen Brief schreiben, um sich ihr damit vorzustellen. In diesem Brief heißt es dann an einer Stelle: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (8,28)

Das scheint eine Grundüberzeugung des Paulus zu sein, und sie zeigt sich nicht erst im Römerbrief, sondern eben auch schon hier in dem Schreiben an die Gemeinde von Philippi. Wie kommt er dazu?

Vor Damaskus war Paulus dem lebendigen Christus begegnet. Dort hatte Paulus die überwältigende Kraft Christi erfahren. Rein äußerlich warf sie ihn vom Pferd und schlug seine Augen mit Blindheit. Das war aber nur vorübergehend, er konnte bald wieder sehen und ist dann viel gereist. Aber tief in seinem Herzen saß jetzt unauslöschlich eine Erfahrung: Christus ist stark, stärker als ich, ja, stärker als alles. Das hat ihm aber keine Angst gemacht, im Gegenteil, es machte ihn ruhig und zuversichtlich, denn Paulus hatte sich der Kraft Christi anvertraut. Und so konnte er auch mit dem Geschehen in Philippi ganz gelassen umgehen.

Es war ihm natürlich nicht egal, dass in seiner geliebten Gemeinde die Botschaft Christi verdreht wurde. Es störte ihn ganz gewiss, wenn da Eitelkeit die Prediger trieb. Aber es rieb ihn nicht auf, dass er nun im Gefängnis saß und nicht eingreifen konnte. Er konnte nicht nach Philippi reisen und dort mal ordentlich auf den Tisch hauen. Doch das war ja auch nicht nötig, denn Christus, der unendlich starke, wird sich durchsetzen. Wenn er nur gepredigt wird, aus welchen Motiven auch immer, dann wird er selber wirksam werden. Davon ist Paulus überzeugt. Die Sache Christi wird weitergehen. Darin ist sich Paulus ganz sicher. Er hat darin wohl auch nicht unrecht gehabt, sonst säßen wir heute nicht hier im Gottesdienst.

Und so, wie Paulus mit den Problemen in Philippi umgeht, so versteht er auch sein eigenes Leben. Noch glaubt er fest, dass er in Rom vor Gericht Recht bekommen wird und die Stadt als freier Mann verlassen kann. Aber er ist nüchtern genug, um nicht zu wissen und auch offen zu sagen, dass es genau anders herum sein kann und, wie wir wissen, am Ende auch war. Doch das ficht ihn nicht an. Seit Christus ihn überwältigt hat, bestimmt dieser sein Leben. Und weil Christus der Lebendige ist, weil Christus der ist, der nicht im Tode blieb, deshalb ist auch für ihn, Paulus, den Christus-Nachfolger, Sterben nicht das Ende, nicht der Totalverlust, sondern ein Gewinn, denn es ist ein Einswerden mit Christus.

Mit diesem Blick auf das Ende blendet Paulus die Gegenwart nicht etwa aus. Er steckt seinen Kopf nicht in den Sand, sondern bleibt ganz der Gegenwart zugewandt. Sonst würde er ja auch keine Briefe schreiben an die Gemeinden und ihre Mitarbeiter. Das berühmte „Gelassenheitsgebet“, das traditionell dem württembergischen Theologen Friedrich Oetinger zugeschrieben wird, wahrscheinlich aber viel jünger ist und von Reinhold Niebuhr stammt, zeigt die Alltagstauglichkeit dessen, was Paulus hier schreibt: Dinge, bei denen ich etwas bewirken kann, auch wirklich anpacken, das andere aber dem lieben Gott zu überlassen, nicht aus Fatalismus, sondern aus dem festen Vertrauen in die Kraft Christi. Sie kennen den Text dieses Gebets ja sicher:

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Auf diese Weisheit kommt es an. Denn was ich heute nicht ändern kann, stellt sich morgen vielleicht schon wieder ganz anders dar. Nichts bleibt einfach so, wie es ist. Aber heute wie morgen gilt, dass wir der Kraft Christi vertrauen dürfen.

Amen.

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