Siegerzeit

Erster Tag der Olympischen Winterspiele in Pjöngchang. Rennrodeln der Männer, Felix Loch liegt nach 3 Läufen einsam an der Spitze. Mit 125 Sachen rast er durch den Eiskanal. Eine Bombenzeit scheint es zu werden. Da kommt Kurve 9. Er verliert die Ideallinie, kann nicht mehr nachkorrigieren. Kein Gold, nicht mal aufs Treppchen kommt er. Die Hoffnung auf eine Medaille ist dahin, die tollen Zeiten im Vorlauf vergeblich. Nichts mit Siegerzeit.

Die Sportler erleben das vergeblich ebenso wie den Sieg in dramatischer Zuspitzung. Aber das vergeblich betrifft nicht ein ganzes Leben. Spätere Rennen liefern wieder eine neue Chance. Und überhaupt hält nicht nur der Sport, sondern das ganze Leben noch manche Möglichkeiten bereit für einen 28jährigen.

Das vergeblich, von Menschen festgestellt, kann vorübergehen. Wie aber ist es, wenn Gott über unserm Leben vergeblich sagt? Davor werden wir am 1. Sonntag der Fastenzeit, gewarnt: „Als Mitarbeiter ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt!“

In seinen Briefen an die Christen in Korinth warnt der Apostel Paulus seine Leser vor dem frühzeitigen Ausscheiden. Er vergleicht ihr Leben mit einem Kampf. Den gilt es zu bestehen aus der Kraft Christi.

Welche Zeit im Kirchenjahr passt dazu  besser als die Fastenzeit? So wie am politischen Aschermittwoch die Parteifürsten ihr Wahlvolk mit glühenden Worten zu vollen Einsatz drängen angesichts der bevorstehenden Landtagswahl. So sollte man vom kirchlichen Führungspersonal erwarten, dass uns Mut gemacht wird zum Verzicht, zum Kräftesammeln in den kommenden Wochen.

Aber statt Rückenwind kommt nur ein laues Lüftchen. Statt ansteckender Begeisterung Beruhigungspillen. Wie von jenem Mitarbeiter im Landesjugendpfarramt:

„Ich sehe Fasten nicht so bierernst nach dem Motto: Fasten muss wehtun, Fasten ist Verzicht. Warum sollte man sich denn der schönen Dingen des Lebens enthalten? Ein Stückchen Schokolade, gutes Essen, das macht mich doch glücklich. Es geht doch beim Fasten eher darum, frei zu werden für das Wesentliche. Das heißt für mich im Umkehrschluss, dass ich beim Fasten das, was mich vom Wesentlichen abhält, weglasse. Dieses Jahr werde ich deshalb stressfasten, das heißt unnötige Aufregung und Anstrengung vermeiden.“

Gute Nacht Kirche, schlaf weiter! Bei solchen Couch Potato Christentum muss sich der Teufel keine Mühe geben. Da schleicht er leise vorbei, damit sie schön weiter auf dem Sofa schlummern.

Wie anders beim Apostel Paulus! Da wird der sportliche Wettkampf zum Beispiel für den Lebenskampf. Dabei sagt er nicht mal, du mußt auf den großen Preis hinarbeiten. Er sagt: Den Preis kannst du gleich bekommen, geschenkt, ohne Leistung.

Ein anderer hat die Leistung erbracht, du kannst das für dich in Anspruch nehmen. Jetzt gilt es nur noch, daß du dich ein Leben dieses unverdienten Geschenks würdig erweist.

Paulus benutzt hier das Wort Gnadenzeit. Schon mal gehört? Es stammt vom Propheten Jesaja:

 „Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.“ Mit dem Du ist der Messias gemeint. Dann erweitert der Prophet den Kreis der so Angeredeten auf das ganze Volk Gottes.

Mit andern Worten, da kannst du deinen Namen einsetzen. Ich habe dich, Michael, Jürgen, Inge, Christine, oder wie immer du heißt, ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört. Ich habe dir am Tage des Heils geholfen. Gott trägt jeden von uns persönlich in seinem Vaterherzen. Auch wenn wir weit entfernt sind, oberflächlich sind, mit Schuld belastet oder sogar Spötter und Feinde Gottes. Es bleibt doch unser Platz in seinem Herzen erhalten. Die Stunde der Gnade schlägt für einen jeden von uns.

Vermutlich ist manchem unter uns das Wort Gnadenzeit vertraut. Frage: Wo ordnest du es ein? Ist es für dich dasselbe wie Endzeit? Die beiden Worte sind ja in der frommen Szene austauschbar. Endzeit, Gnadenzeit, immer geht es  um die letzte Phase der Menschheitsgeschichte vor der Wiederkunft Jesu.

Beim Fußball haben wir diese Vorstellung  im Brennglas. Die Tafel geht hoch: Verlängerung, 3 oder 4 Minuten. Bei der Endzeit in der Weltgeschichte denken wir an mehrere Jahre oder Jahrzehnte. Die Christen beten: Herr, wir warten auf deine Wiederkunft. Aber bitte nicht allzu schnell. Schenk denen, die nicht glauben, noch Zeit, dass sie dein Wort hören können und sich für dich entscheiden.

So wie beim Fußball die zurück liegenden Hoffnung haben in der Verlängerung. Auf das Golden Goal, auf den lucky punch. So hoffen die Christen, dass noch verlorene Seelen gerettet werden können in einer überplanmäßigen Gnadenzeit.

Im übertragenen Sinn spekulieren natürlich auch die am Glauben wenig Interessierten auf  Gnadenzeit. Sie hoffen auf Gnadenzeit für den Dieselmotor. Für den Braunkohlenabbau. Die Alten wollen rüstige Rentner bleiben, möglichst lange gesund und mobil. Für die Jungen kann schon ein Schneesturm oder extreme Eisglätte Gnadenzeit bringen, wenn die Schule ausfällt und die Ferien sich um einen Tag verlängern.

In alldem wird von der Gnadenzeit erhofft: Wohlergehen. Glück. Easy go. Eine schmerzfreie Zeit, ohne Konflikte. Und sie wird für die Zukunft erhofft.

Fällt dir auf, wie oft Menschen das wahre Leben verschieben auf eine Zeit, wenn die Zeiten anders geworden sind? „Wenn es wieder ruhiger geworden ist, dann werden wir uns mal treffen.“ „Wenn wir nicht mehr arbeiten müssen, dann werden wir das Leben genießen. „

Paulus sagt: Heute ist der Tag des Heils. Heute ist der Tag, wo Gott das wahre Leben gibt. Die kannst diese Gelegenheit ergreifen oder verpassen.

Der Tag des Heils ist der Tag der Rettung. Wo ist er im Kalender deines Lebens zu finden? – – – Darüber kann jetzt jeder für sich nachdenken.

— Ich meine, dort ist der Tag des Heils zu finden, wo meine geballte Faust, wo mein verschlossenes Herz geöffnet wurden. Gottes gute Worte sind in das verschlossene Herz eingedrungen und haben meinen Willen erreicht. Gott hat geholfen.

Manchmal erleben wir es im Ausland. Ein Einheimischer erklärt uns nicht nur den Weg. Er geht mit uns und geleitet uns. Er opfert seine Zeit und tut es mit Herzenswärme. Er lädt uns ein in seine Familie und sie tischen das Beste auf.

So gibt uns Gott alles, was er hat. In herzlicher Liebe, in unaufdringlicher Güte gibt er seinen Sohn in unser leeres Herz. Da, nimm hin, sagt Gott. Mein Sohn hat alles, was dich hässlich macht, in seinem Tod am Kreuz aus der Welt geschafft. Und ich habe ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt. Das kannst du jetzt noch nicht begreifen. Aber ich werde auch dich mit ihm auferwecken. Der Weg zum großen Ziel steht dir offen. Ich habe dir am Tag des Heils geholfen.

Die Bibel ist voll mit Dutzenden von Geschichten genutzter oder verpaßter Gnadenzeiten.

Genutzte Gnadenzeit in Jericho. Da sitzt ein blinder Bettler an der Hauptstraße. Als er hört, Jesus kommt bald vorbei, hält es ihn nicht in seiner Ecke. Er springt auf, drängelt sich vor. Wer weiß, wann und ob der Mann, den sie den Christus nennen, noch einmal hier vorbeikommt. Noch einmal ihm so nahe kommt. Darum schreit er aus Leibeskräften:

„Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Und Jesus hört ihn und kommt zu ihm. Und dann holt sich der Bettler bei Jesus, was er nur kriegen kann, damit sein Leben Glück und Erfüllung findet. „Was willst du, das ich für dich tun soll? Herr, daß ich sehen kann! Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen!

Verpasste Gnadenzeit in Athen. Paulus predigt dort auf dem Marktplatz: „Ihr Männer von Athen. Ich sehe, daß ihr in allen Stücken die Götter sehr verehrt. Aber Gott, der die Welt gemacht hat, und alles, was darin ist, wohnt nicht in Tempeln, mit Händen gemacht. Zwar hat er über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen. Nun aber gebietet er den Menschen, daß alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat den Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will durch einen Mann. Und er hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.“ Als sie aber hörten von der Auferstehung der Toten, begannen die einen zu spotten, die anderen aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören.

Heute wissen wir, es gab für diese Athener kein andermal. Paulus verließ Athen sogleich und kehrte nie mehr an diesen Ort zurück.

Gerade Krisenzeiten können Gnadenstunden werden. Paulus schreibt von Sorgen, Nöten und Problemen. Er wird eingesperrt, er schuftet Tag und Nacht und bekommt nicht mal ausreichend Schlaf. Finanziell sieht es auch nicht gut aus. Er wird beschuldigt, angegriffen, geschlagen. Sieht so ein Tag des Heils aus?

Wenn ein Tag nach dem andern in der Zelle vergeht und man sich danach sehnt, die Gefängnismauern hinter sich zu lassen. Ist das ein Tag der Gnade?

Paulus sagt ja. Er sagt:; Jeder Tag ist ein Tag, an dem wir Gott die richtige Antwort geben können. Stell dir vor: Gott schaut auf dich und auf das, was du tust. Und er freut sich.

Er schaut auf dich und lächelt und sagt:
„Ja, er macht es richtig. Ja, sie hat verstanden, worauf es ankommt.“

Jeder Tag kann ein Tag sein, an dem Gott auf dich schaut und sich freut.

Paulus definiert alsp das wahre Leben anders als gewohnt. Er sagt nicht, erst müssen die richtigen Umstände zusammen treffen. Sondern: Wahres Leben ist dann, wenn wir auf Gottes Gnade antworten. Gott gibt uns eine Steilvorlage, und wenn wir sie annehmen und im Tor versehenken, das ist wahres Leben.

Gott gibt uns eine Steilvorlage und wir sollen sie an keinem Tag verpassen. Seine Gnade  besteht darin, dass er uns jeden Tag eine Chance zuspielt. Er bereitet alles vor, damit wir an diesem Tag mit ihm leben können. Unabhängig davon, in welchen Verhältnissen wir gerade stecken.

Das ist ein großer Trost für alle, die in der Kirche Dienst tun. Es ist ein Fehler, es ist ganz glaubenslos, wenn wir von vergangenen Zeiten schwärmen uns sagen: Damals hatten wir noch Möglichkeiten. Als Religion noch Priorität hatte im Stundenplan. Als wir dreistellige Konfirmandenjahrgänge hatten.

Als die entwurzelte Nachkriegsgeneration von der Jugendarbeit erreicht wurde. Als die Kirchen voll waren. Als die Leute im Jugendkreis noch alles mitmachten, was wir angeboten haben. Heute muss es wer weiß wie interessant aufbereitet werden. Damals kamen sie von selbst, heute müssen wir sie immer wieder motivieren.

Soll ich in diesen Zeiten eine Jungschar anfangen, einen Hauskreis beginnen, eine Freizeit anbieten? Da bleibt ja der meiste Aufwand an Vorbereitung und Durchführung an mir hängen! Ich muss immer präsent sein, die andern kommen oder kommen nicht. Soll ich die Gruppe noch weiterführen, die sich so dahinschleppt? Vielleicht laß ich das auslaufen und fang erst wieder an, wenn ich wieder darum gebeten werde. Oder wenn wieder eine bessere Zeit kommt, wo es leichter geht.

Nein! Die Gnadenzeit ist nicht das früher, wo alles so einfach war! Die Gnadenzeit ist das jetzt, wo dir alles so schwierig vorkommt! Denn Gnadenzeit ist oft Kampfzeit.

Paulus sagt, er muss sich in diesem Kampf zur Wehr setzen mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken. Was für ein wunderbares Bild! Ein geistliches Geheimnis!

Paulus hat erkannt: Der wahre Christ kann es keinem Menschen recht machen. Man sollte meinen, die Leute müßten mit ihm zufrieden sein, weil er Gott und Menschen achtet, das Gute tut, das Böse meidet.

In Wahrheit wird er von allen Seiten beäugt und kritisiert. Paulus nimmts positiv. und sagt: Wir wollen in nichts einen Anstoß geben. In keinem Punkt lässig sein und die andern können dann sagen, der nimmts auch nicht so genau, warum soll ich mich dann nach der Bibel richten.

Es ist völlig nutzlos sich fragen: was sagen die Menschen dazu? Ein gläubiger Mensch braucht vielmehr Selbstbewusstsein: Was du als recht empfindest, das tu und rede, die Leute mögen dich darüber loben oder tadeln. Sei lediglich zur Verantwortung bereit nach rechts und nach links. Darum sagt Paulus: Bei einem wahren Christen geht es durch Ehre und Schande, durch böse und gute Gerüchte.

Hat er es doch selbst so erfahren. Als er auf Malta war, heißt es, die Leute erwiesen uns große Ehre. Als er in Philippi war, saß er in großer Schande wegen Unruhestiftung im Gefängnis, die Füße im Stock, der Rücken zerschlagen.

Als er in Lystra den Lahmen gesund gemacht hatte, sagten die Leute, er wäre ein Gott. Als er aber ihre Kränze und Opfer zurückwies und am selben Ort Buße und Bekehrung predigte, wurde er mit Steinen traktiert und aus der Stadt geschleift.

All das brachte ihn nicht aus dem Tritt. Ich kann beides, sagt er, Überfluß und Mangel haben, geehrt oder geschnitten werden.

So auch wir. Kein Lob darf uns aufblasen. Kein Tadel oder Verleumdung braucht uns verzagt machen. Ist der Tadel recht, so danke ich Gott, denn dann lerne ich es besser machen. Ist der Tadel unrecht, so danke ich Gott, dass ich ihn nicht verdient habe.

Nehmen wir an, du sehnst dich danach, daß du beitragen kannst dazu, daß andere zum Glauben finden. Und nun geschieht das wirklich, du kannst jemand dazu helfen. Wird das Lob einbringen? Wohl eher Kritik, du hättest wieder einen verleitet zu deinem verrückten Glauben. So ist das auf allen Gebieten: Zur Linken, also zur Welt hin, gilt gerade das Gegenteil wie zur Rechten, zu Gottes Reich hin.

Darum sagt der Apostel: Als die Sterbenden und siehe, wir leben. Sterben, das ist links, nämlich absterben der Welt, absterben den Sünden, dem Vertrauen auf materielle Güter und Ziele.

Links die Traurigkeit. Wir trauern über die Bosheit und Verbohrtheit der Welt. Wir trauern um unsere Verwandten und Freunde, die sich nicht für Jesus interessieren. Wir verabscheuen die Lustigkeit der Welt, der jedes Taktgefühl abgeht. Aber nach rechts sind wir fröhlich und selig in Gott und geben das für nichts aus der Hand.

Als die Armen, die doch viele reich machen. Nach links sind wir arm, d.h. nichts als arme Sünde, keine Gerechtigkeit aus uns selbst heraus. Das erkennen wir nicht nur, das bekennen wir auch, und kommen so nach rechts und machen viele reich, die durch uns ebenfalls zur Erkenntnis der Sünde kommen und ihre eigene Gerechtigkeit wegwerfen.

Genauso im Materiellen. Nach links sind wir auch irdisch arm, denn Gott ist Besitzer unserer Güter, wir sind nur Haushalter. Darum geben wir, was wir übrig haben, für die Not der Welt, für die Ausbreitung des Glaubens. So kommen wieder gerade die armen Christen nach rechts, sie sind es, die den Armen Gutes tun und so viele reich machen.

Denn nach rechts haben wir Christus und mit dem haben wir alles.

So werden wir heute ermahnt, dass wir auf die Zeiten  Gottes in unserm Leben achten.

Vielleicht sagst du, es gibt doch noch viele Sonntage für den Gottesdienst, viele Stunden in denen ich beten kann, viele Begegnungen mit Menschen, durch die Gott zu mir spricht. Nein! Jetzt ist die Zeit der Gnade.

Dazu helfe Gott, daß eine jede, ein jeder von uns auf die Uhr schaut, wenn die persönliche Gnadenstunde geschlagen hat. Es kann der Ruf sein, daß du dich endlich bekehrst. Oder ein falsche Gewohnheit endlich aufgibst. Oder endlich den neuen Tätigkeitsbereich angreifst, in den Gott dich drängt.

Seit Jesus macht Gott aus unseren Tagen Tages des Heils und der Gnade. Seine Uhr tickt anders. Sie zeigt Siegerzeit gerade an dunklen und verwirrenden Tagen.

Deshalb sollten wir keinen Tag abschreiben. Denn Gottes Güte ist jeden Morgen neu. Und wir wollen sie an keinem Tag versäumen.

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