Versuch zu Amos 5

Was mag Amos wohl dazu gebracht haben, so gegen die frommen Leute in Beth-El vom Leder zu ziehen. Nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen seines Buches ist er mit seinen Formulierungen nicht gerade zimperlich.

Was hat ihn so gepackt? Er, der Landwirt aus dem Süden, ein Mann aus dem Volk, lässt seine Viehherde Viehherde sein und reist über die Grenze in den Norden des Landes.

Was erregt ihn so sehr, dass er für Gott die Stimme erhebt:

Ich hasse, ich verachte, weg damit,

Man könnte vielleicht sagen: Nun es waren eben zu seiner Zeit so schlimme Verhältnisse. Was er zu kritisieren hat, waren gravierende Missstände – also soll er doch

Außerdem war er doch ein Prophet und von Gott beauftragt – also muss er doch

Das alles mag zwar stimmen und trotzdem stellt es mich nicht vollständig zufrieden.

Was war es für ein Gott, den die Menschen am Heiligtum in Beth-El verehrten? Was war es für ein Gott, an den Amos glaubte? War es nicht derselbe – oder glaubten das die Menschen nur, die zu Heiligtum kamen?

Lassen wir das kurz beiseite und hören wir in den Text hinein: Es ströme wie Wasser das Recht und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Welch ein lebensvolles Bild wird hier beschrieben: Ströme, die reichlich fließen, Quellen die nicht versiegen. Bäche die dauerhaft Wasser führen. In Palästina in manchen Gegenden eine Besonderheit. Amos als Landwirt kannte die Bedeutung des Wassers. Nicht nur ihm war klar: Wasser ist immer eine unentbehrliche Grundlage für alles Leben. Schon Tau und Regen können die Steppe erblühen lassen und hier ist es noch viel mehr. Reichlich soll es vorhanden sein, kein seltenes Gut sondern gültig verfügbar für jede und jeden.

Ein lebensvolles Bild. Der Gott, zu dem Amos sich bekennt und von dem er sich beauftragt weiß, ist ein Gott des Lebens. Genauer gesagt ein Gott des Lebensalltags. Diesem Gott geht es um das Leben der Menschen. Er möchte von den Menschen bei ihren Alltagsgeschäften am Werktag genauso geachtet sein, wie an den Feiertagen und festlichen Gottesdiensten. Er möchte bei ihnen sein, mit ihnen sein, dort wo sie leben. Er will mit von der Partie sein bei den Geschäften im wörtlichen Sinn: beim Handel. Keiner soll übers Ohr gehauen werden und um sein Recht kämpfen müssen. Ja, in den Gerichtsprozessen will er mitreden. Es geht ihn etwas an, wie man mit den Benachteiligten umgeht, den Witwen, den Waisen und den Fremden. Es lässt ihn nicht kalt, wie reich die Reichen sind, was diese mit ihrem Reichtum machen und woher dieser Reichtum stammt.

Der Gott, zu dem Amos sich bekennt und in dessen Namen er auftritt, ist ein Gott des menschlichen Lebens. Recht und Gerechtigkeit sind die Grundlagen für ein gedeihliches Miteinander. Es geht nicht um Juristerei sondern um das Miteinander im Alltag. Es geht nicht allein um das Miteinander im Zwischenmenschlichen und Privaten. Es sind alle gemeint im Großen und im Kleinen. Auch das Miteinander von Leuten, die sich gar nicht kennen und die sich nie begegnet sind. Trotzdem gehören sie zusammen. Trotzdem haben sie miteinander zu tun.

Es geht Amos um diesen Lebensgott, um diesen Gott des Alltagslebens der Menschen. Seine Botschaft lautet: Ihr verfehlt diesen Gott mit euren Gottesdiensten, solange er nicht auch in eurer Alltagswelt etwas zu sagen hat und mitmischen darf.

Betrachten wir es noch einmal vom Bild her – die Wasserströme. Das sind die Lebensgrundlagen. Es geht diesem Gott darum, dass die Lebensgrundlagen seiner Menschen gewährleistet sind. Die entscheidende Lebensgrundlage besteht aus seiner Sicht in einem gedeihlichen Miteinander. Es geht um Verlässlichkeit, Sicherheit, Verantwortung, Zuständigkeit, einen vertrauensvollen gegenseitigen Umgang.

Der Gott, von dem Amos sich beauftragt sieht, ist ein Gott des Alltagslebens. Er will sich finden lassen und verwirklichen im Miteinander seiner Menschen. Dort will er sich beteiligen, dort ist er erfahrbar, dort ist er gegenwärtig. So soll es sein – um Gottes Willen – hier bei uns und anderswo und allezeit.

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