Gottes Willen verstehen

Unbehagen im Gottesdienst ist vielen von uns nicht fremd. Manchmal kann ich dieses Unbehagen schnell erklären: Lieder, die mir nicht liegen, der Prediger oder die Predigerin predigt nichtssagend oder zu blumig, die Kirche ist kalt, die Bänke hart.

Aber manchmal weiß ich nicht so genau. Alles ist stimmig, aber ich fühle mich nicht wohl, nicht aufgehoben. Da muss ich warten, bis ich merke, was da nicht stimmt.

In Bethel im alten Nordstaat Israel kommt der Prophet Amos aus Thekoa im Südreich Juda ans Heiligtum und gibt nicht sein persönliches Empfinden zu Protokoll, sondern er drückt das aus, was Gott empfindet angesichts des Gottesdienstes in Bethel:

21 Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen –
22 es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an.
23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos, der Mann aus Thekoa, den der Herr ‚von der Herde nahm‘ (7,15f) Wir wissen wenig von ihm. Er war Rinderhirt und Maulbeerzüchter. Er fühlte den Auftrag Gottes und ging los in das Nordreich, dass ihm fremd war.

Bethel war ein Wallfahrtsort im Norden im 8. Jahrhundert vor Christus. Ein Ort wie heute Lourdes oder Santiago de Compostela. Tagelang pilgerten Menschen dorthin, um Opfergaben zu bringen, ihrem Gott nahe zu sein. Und dann kam da dieser Störenfried aus dem Süden, aus Thekoa und behauptet er kennt sich aus mit dem Willen Gottes.

Ob die frommen Pilger etwas verstanden haben von seiner Predigt? Ich bin da unsicher. Ob ich diese Predigt richtig verstehe und deute? Da bin ich auch unsicher.

Ich glaube persönlich, diese Geschichte vom Propheten Amos ist eine, an der sich ChristInnen aller Genrationen und Zeiten immer neu die Zähne dran ausbeißen müssen, um Gottes Willen für ihre Zeit zu verstehen.

Ziel des Propheten ist weniger, darzustellen, wie unmöglich die Gottesdienste in Bethel sind. Er will auch nicht über musikalische Qualitäten oder Plärrerei ablästern. Aber er will mich heute genauso wie die Menschen vor 2700 Jahren daran erinnern, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Er will uns nervös machen, so wie er damals die Priester, speziell Amazja nervös gemacht hat. Seine Kritik geht unter die Haut, weil sie Wort Gottes ist und weil sie einen Nerv trifft.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen. Damit wollte er seiner Kirche deutlich sagen wo sie stehen soll. Aber damit hat er sich auch eindeutig auf die Seite des Wortes Gottes gestellt, wie es Amos ausrichtet. Er hat genauso wie Amos betont, dass es nicht nur den Gottesdienst in der Kirche, im Tempel gibt, sondern eben auch den Gottesdienst im Leben, den ganz alltäglichen Gottesdienst. Und da wird es spannend. Es ist leicht hinter dicken Mauern Gott zu loben, im zu danken, ihm meine Leben anzuvertrauen. Aber wenn ich in meinen Alltag komme, mit Nachbarn oder Kolleginnen umgehen muss, dann wird das manchmal kompliziert.

Amos will nicht so sehr gegen etwas reden, obwohl seine Begriffswahl deftig und deutlich ist. Seine Worte, die Worte Gottes sind, sind Worte für ein Leben, das vom Glauben bestimmt ist. Das ist das eigentliche Ziel des Willens Gottes, dem Amos hier seine Stimme verleiht und das ist auch der Grund, warum er auf den Widerstand des Tempelpersonals stößt. Für diese war der Gottesdienst an sich wertvoll. Das Tun im Tempel hatte seinen ganz eigenen Wert, weil es Verehrung Gottes war. Hier konnte man Gott begegnen jenseits des Alltags und in ganz besonderer Atmosphäre.

Im Namen Gottes spricht Amos und wertet den Alltag auf. Ein Gottesdienst hat nur dann seine heilige und wohltuende Wirklichkeit, wenn er etwas mit dem Alltag zu tun hat. Der Gottesdienst muss geerdet werden. Wir können im Gottesdienst Gott begegnen, können feierliche heilige Momente erleben. Aber nur wenn Alltag und Gottesdienst zusammenpassen.

Es ist ja ein altes Klischee nach dem alte Damen vornehmlich in den Gottesdienst gingen um ihre Mäntel auszuführen und Klatschgeschichten auszutauschen. Für mich hat dieses Klischee nichts mit unserer Wirklichkeit zu tun, aber es ist Beleg, dass es das gibt, dass Gottesdienst missbraucht wird, kein wirklicher Gottesdienst mehr ist. Amos will dem Gottesdienst seinen Wert wiedergeben.

Wir müssen lernen, unsere Gottesdienste wertiger zu machen. Nicht durch noch schönere Gesänge oder aufwändigere Kirchenmusik und auch nicht durch noch besser ausgestattete Kirchen. Beides hat seinen Sinn und kann eine gute Idee sein, ist aber wertlos, wenn wir nicht unsere Alltage bearbeiten. Uns neu inspirieren lassen von Gottes Wort unseren Lebensstil zu überprüfen.

Amos provoziert am Heiligtum, damit Menschen fragen und entdecken, was Gott wirklich will: Recht, Gerechtigkeit – und das sind Werte, die ich nicht ein- für allemal besitze, sondern denen ich mich annähern muss, auch wenn ich sie vielleicht nie erreiche. Aber wenn ich mit Schwestern und Brüdern mich dafür einsetze, dass Recht wie Wasser strömt und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach, dann wächst etwas von dem Reich Gottes und dann bleiben unsere Gottesdienste Ereignisse, die Menschen weiterhelfen und die Gott gefallen. Dann darf unser Gesang schräg und heiser sein, dann dürfen unsere Kirchen hässlich und ungepflegt sein, dann feiern wir gute Gottesdienste und dann dürfen wir auch Gregorianik anstimmen und es uns in unseren Gottesdiensten gemütlich machen.

Dort wo die Menschen ihren Glauben im Alltag leben, dort können sie auch gute Gottesdienste feiern und dürfen auch schöne Gottesdienste feiern, dürfen sich freuen an Harfen oder Posaunen, an Bildern und Farben.

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