Wir brauchen kein Protz- und Prahlchristentum

Kanzelgruß

Liebe Gemeinde,

ich hoffe, Sie können mit Fasching etwas anfangen. Wenige Tage bevor die fünfte Jahreszeit mit täglich neuen orgiastischen Höhepunkten ihr jährliches Finale erreicht, beschert uns unsere Predigtordnung einen passenden Predigttext: Eine Narrenrede. Die einzige, so weit ich sehe, die die Bibel zu bieten hat. Die heutigen Verse – und ich will Sie gleich vorwarnen, es sind sehr viele – werden in der Bibelwissenschaft tatsächlich so genannt: Die Narrenrede des Paulus. Wer das beim Theologiestudium in der Bibelkundeprüfung nicht drauf hat, der hat ein kleines Problem – jedenfalls kann er/sie selbst wenn er/sie alles andere wüsste, die glatte EINS nicht mehr bekommen. Die richtige Antwort auf diese Prüfungsfrage wäre: Im 2. Brief des Paulus an die Korinther am Ende des 11. und am Anfang des 12. Kapitels. Diesen Text werde ich nun gleich vorlesen. Seien Sie jedoch nicht enttäuscht, wenn der Text nicht wirklich an heutige Bütten- oder Karnevalsreden erinnert. Der Begriff Narrenrede kommt daher, dass Paulus selbst diese Passage so kommentiert, dass er damit ein Narr geworden sei, dass er, gezwungen durch Gegner, sich mit diesen Sätzen bewusst und kontrolliert zum Narren gemacht hätte.

2 Kor 11, 18.23b-30; 12, 1-10:

18 Wie die anderen dauernd ihre Vorzüge herausstellen, will ich es auch einmal tun. 

23  Ich habe Christus weit mehr gedient und viel mehr auf mich genommen als sie. Ich bin öfter im Gefängnis gewesen und häufiger ausgepeitscht worden. Viele Male hatte ich den Tod vor Augen. 

24 Fünfmal habe ich von den Juden die neununddreißig Schläge erhalten. 

25 Dreimal wurde ich von den Römern mit Stöcken geschlagen, und einmal hat man mich gesteinigt. Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten; einmal trieb ich sogar einen Tag und eine ganze Nacht hilflos auf dem Meer. 

26 Auf meinen vielen Reisen bin ich immer wieder in Gefahr geraten durch reißende Flüsse und durch Räuber. Ich wurde von meinem eigenen Volk bedroht ebenso wie von den Nichtjuden. In den Städten wurde ich verfolgt, in der Wüste und auf dem Meer bangte ich um mein Leben. Und wie oft wollten mich Leute verraten, die sich als Christen ausgaben! 

27 Mein Leben war voller Mühe und Plage, oftmals habe ich Nächte durchwacht. Ich kenne Hunger und Durst. Ich musste häufig ohne Essen auskommen und war schutzlos der Kälte ausgesetzt. 

28 Aber das ist noch längst nicht alles. Tag für Tag lässt mich die Sorge um alle Gemeinden nicht los. 

29 Wenn einer schwach ist, dann trage ich ihn mit; wird jemand zum Bösen verführt, quält mich brennender Schmerz. 

30 Wenn ich mich also schon selbst loben muss, dann will ich mit den Dingen prahlen, an denen man meine Schwachheit erkennen kann. 

 

1 Freilich ist solches Eigenlob im Grunde Unsinn und nützt niemandem. Aber ihr lasst mir ja keine Wahl. Deshalb will ich jetzt diesen Gedanken zu Ende führen und von Visionen und Offenbarungen berichten, die der Herr schenkt. 

2 Ich kenne einen Menschen, der mit Christus eng verbunden ist.1 Vor vierzehn Jahren wurde er in den dritten Himmel entrückt. Gott allein weiß, ob dieser Mensch leibhaftig oder mit seinem Geist dort war. 

3 Und wenn ich auch nicht verstehe, ob er sich dabei in seinem Körper befand oder außerhalb davon – das weiß allein Gott –, 

4 er wurde ins Paradies versetzt und hat dort Worte gehört, die für Menschen unaussprechlich sind. 

5 Was dieser Mensch erlebt hat, das will ich rühmen. Bei mir selbst aber lobe ich nur meine Schwachheit. 

6 Doch auch wenn ich mich selbst loben würde, wäre ich noch lange nicht verrückt, schließlich entspräche es der Wahrheit. Ich verzichte aber darauf, denn niemand soll mich überschätzen, sondern mich nur nach dem beurteilen, was er an meinem Leben sehen und aus meinen Worten hören kann. 

7 Gott selbst hat dafür gesorgt, dass ich mir auf die unbeschreiblichen Offenbarungen, die ich empfangen habe, nichts einbilde. Deshalb hat er mir ein quälendes Leiden auferlegt. Ein Engel des Satans darf mich mit Fäusten schlagen, damit ich nicht überheblich werde. 

8 Dreimal schon habe ich den Herrn angefleht, mich davon zu befreien. 

9 Aber er hat zu mir gesagt: »Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir.« Darum will ich vor allem auf meine Schwachheit stolz sein. Dann nämlich erweist sich die Kraft von Christus an mir. 

10 Und so trage ich für Christus alles mit Freude – die Schwachheiten, Misshandlungen und Entbehrungen, die Verfolgungen und Ängste. Denn ich weiß: Gerade wenn ich schwach bin, bin ich stark.

Kanzelgebet

Es ist ein ganz gängiges Muster. In Filmen kommt es vor und in der Wirklichkeit auch. Ein Mann (es könnte natürlich genauso eine Frau sein) ist auf Geschäftsreise, oder auf Montage oder im Knast oder krank oder was auch immer – und die Lücke, das Vakuum wird von einem/r anderen schamlos ausgenutzt. Wir finden das in dieser Geschichte. Der abwesende Mann ist Paulus und die Verlassene ist seine Gemeinde in Korinth, die sich mittlerweile längst von einem (eigentlich mehreren) anderen umgarnen, betören und erobern lässt. Etwa um das Jahr 50 nach Christus hat Paulus diese Gemeinde gegründet. Korinth war eine reiche Hafenstadt am Puls der Zeit. Mit heftigen sozialen Gegensätzen, mit deftiger Sittenlosigkeit, mit jeder Menge Multikulti und einem breiten Angebot der damals gängigen Religionen. Es muss für Paulus eine besondere Herausforderung gewesen sein, in diesem Milieu in dieser Aufgeregtheit und unter diesem Konkurrenzdruck zu versuchen, das Christentum in Korinth zu etablieren. Schließlich aber gelingt es ihm. Ungewöhnlich viel Zeit nimmt er sich dafür: Eineinhalb Jahre lebt und arbeitet er in der Stadt. Er geht seinem Tuchmacherhandwerk nach, sorgt also selbst für seinen Lebensunterhalt und missioniert daneben. Er lässt sich nicht aushalten, will nicht in Abhängigkeit kommen. Die besondere Herausforderung mündet in eine besondere Beziehung zu den Korinthern. Schon bald – vielleicht ein Jahr nach seinem Weggang schreibt er ihnen einen Brief, der nicht erhalten ist. Ungefähr drei Jahre nach seinem Weggang schreibt er einen weiteren Brief. Das ist der, den wir als 1 Kor kennen. Etwa 1 Jahr danach stattet er den Korinthern einen Besuch ab, von dem wir nur wissen, dass er stattgefunden hat. Im Jahr 56 oder 57 schreibt er den Brief, den wir als 2 Kor kennen und aus dem unser heutiger Text ist. Schließlich kündigt er darin am Ende einen dritten Besuch an, von dem wir nicht wissen, ob es dazu noch gekommen ist. Also: Drei Briefe und drei Besuche. Es ist sicher, dass bei Paulus, wenn es um die Korinther ging, besonders viel Herzblut im Spiel war. So kann es ihn nicht kalt lassen, als er erfährt, dass in Korinth sozusagen eine feindliche Übernahme stattgefunden hat. Von Superaposteln ist die Rede. Überapostel. Coole Typen könnte man auch sagen. Religiöse Tausendsassas, die genau wissen, wie man die Leute religiös im Innersten packt, wie man ankommt und von Anfang an einen Megaeindruck macht und wie man die Leute umpolt. Dabei lassen sie Paulus, den Gemeindegründer blass und alt aussehen. Sie toppen ihn auf jedem Gebiet. Sie sind rhetorisch sehr versiert, sie lassen sich von der Gemeinde unterhalten, sind also Vollzeitapostel und nicht wie Paulus solche, bei denen man nicht weiß, ob sie Tuchmacher, Gerber oder was auch immer und daneben auch noch Feierabendgeistliche sind. Sie haben überreichlich Echtzeitvisionen, Echtzeitoffenbarungen können in Zungen reden, haben für den Glauben gelitten, haben den direkten Draht in den Himmel, können sich kaum retten vor göttlichen Offenbarungen… – in aller Unbescheidenheit machen sie sich manipulativ breit und interessant sowie Paulus drittklassig in Korinth. Da er nicht anwesend ist, haben sie leichtes Spiel. Jedoch war Paulus nach eigenen Angaben auch nicht der begnadetste Redner. Das scheint die Apostelgeschichte zu bestätigen, wo es in Kapitel 20 heißt, dass ein junger Mann (das war in der Stadt Troas) namens Eutychus während einer langen Predigt des Paulus einschlief und von der Fensterbank fiel, auf der er saß, drei Stockwerke tief stürzte und nach dem Sturz tot war (und, nebenbei gesagt, von Paulus wieder auferweckt wurde). Also: mit fulminanten, wortgewaltigen Predigten hatte es der gute Paulus wohl nicht so wirklich. Sein Schwert war die Feder, das geschriebene Wort. Damit greift er seine Konkurrenten in Korinth an. Der heutige Text ist ein Kernstück daraus: Die Narrenrede. Narrenrede, weil er in eine andere Rolle schlüpft. Er begibt sich auf das Niveau der Überapostel. Als nicht närrischer Paulus hat er alle die Ruhmestaten, die er jetzt aufzählt bewusst nicht gesagt, weil er Christus großmachen möchte und nicht sich selbst. Aber als Narr, in einer anderen Rolle, da zieht er vom Leder. Da hält er nichts und ihn nichts zurück. Da toppt er die Wichtigtuer in Korinth und macht mit markigen und wenigen Worten deutlich: Die können alle einpacken, die müssen alle früher aufstehen, wenn sie es mit mir aufnehmen wollen. Was die da anführen an geistlichen Erfahrungen und Kompetenz, an Leiden und Märtyrerschaft – das ist nichts, das ist höchstens ein laues Lüftchen gegenüber allem, was ich an Spiritualität, an Autorität, an Einsicht und göttlicher Beauftragung zu bieten habe. Paulus wollte das nicht, wollte nicht mit seinen Erfahrungen und seiner Vergangenheit prahlen und hausieren gehen. Aber gut, wenn es denn sein soll…

Die Frage, die sich stellt ist, gibt es heute auch (noch) solche Superapostel, die die „normale“ Gemeinde „anbaggern“?

Wir hatten bei unserem letzten Pfarrkonvent am Dienstag vor einer Woche einen Experten für Weltanschauungsfragen in unserer Mitte. Es ging speziell um die Gruppierung, die sich „ICF“ nennt, aus der Schweiz kommt und zum Beispiel in der schönen Melanchthonstadt Bretten eine Neugründung vorgenommen hat. ICF steht für „International Christian Fellowship“. Englisch scheint denen wohl alleinseligmachend, denn es wimmelt von Anglizismen wohin man schaut: Gottesdienste heißen nicht Gottesdienste oder Heilige Messe, nein, das sind „Celebrations“, die Predigt heißt Message („kommst Du am Sonntag mit in die Celebration? Es gibt dort wieder eine geile Message!“ ist natürlich spritziger als einfach so zum Gottesdienst einzuladen…) Hauskreise sind Smallgroups, das Bibelstudium heißt „Bible challange“…         Man legt Wert auf modische Celebrations – Verzeihung: Gottesdienste und auf moderne und stylische Aufmachung und will sich so von den traditionellen Kirchen aber auch von anderen Freikirchen absetzen. „Kirche neu erleben“ steht auf einer gefüllten roten Tasche in weißen Buchstaben. So eine Tasche bekommt jede/r die/der zum ersten Mal bei einer Versammlung auftaucht. Sie ist gefüllt mit Flyern und Werbematerial. Diese Gruppierung ist schrill, bunt, macht auf hypermodern und tut so als käme man bei ihnen dem Himmel am nächsten. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto offenkundiger waren für mich die Parallelen zu den vermeintlichen Superaposteln in Korinth.

Es gibt diese Parallelen für mich auch zu den meisten der unzähligen und schier unüberschaubaren angeblich freien christlichen Neugruppierungen. Jesus hat seine Nachfolger zu Menschenfischern bestimmt. Er hat aber nicht gesagt, dass sie das bereits christliche Becken noch einmal abfischen sollen. Das tun die Konkurrenten des Paulus in Korinth und das machen auch die erwähnten Gruppierungen mit Vorliebe. Ich habe vor kurzem mit einer Person aus unserer Gemeinde gesprochen. Die hat mir erzählt, dass sie Ziel eines konkreten Abwerbeversuchs hin zu einer außerkirchlichen christlichen Gruppierung in der Region geworden ist. Ich finde das unerhört. Das ist wahrscheinlich einfacher als z.B. am Karlsruher Hauptbahnhof wildfremde Leute anzusprechen…

Über den kirchlichen und religiösen Bezug hinaus mahnt uns diese närrische Rede des Paulus aber auch zu Vorsicht gegenüber den vielen, die sich öffentlich inszenieren, die ständig Parolen raushauen, die menschliche Laut-sprecher sind, die so tun als bräuchte die ganze Welt sie als Vorbild und Führung.

Wir brauchen diese Protzerei nicht. Wir brauchen diese Menschen mit der Mentalität „Wo ich bin ist oben“ nicht. Das Leben, das Zusammenleben wird durch die Trumps dieser Welt ganz sicher nicht besser. Es wird aber dort besser, wo wir ehrlich, gewissenhaft und menschlich leben so, dass es ansteckend ist und andere ohne große Worte einlädt und mitnimmt.

Und wir brauchen ganz sicher kein Protz- und Prahlchristentum. Kein Christentum der Erfolgsmeldungen, der großen Zahlen und der strömenden Massen.

Natürlich würde ich mich freuen, wenn sonntags beim Gottesdienst die Plätze nicht reichen, wenn die Autonummern verraten würden, dass Menschen sonntags 50 Kilometer und mehr fahren, um mit uns den Glauben zu feiern, wenn wir den Bau einer größeren Kirche planen, wenn wir uns vor Kircheneintrittsgesuchen kaum retten könnten, wenn… wenn… wenn…

Ja, liebe Gemeinde, wenn ich das wollte, wenn ich Gott darum bitten würde, dann wäre die Antwort ganz sicher die gleiche, die Paulus bekommen hat. Paulus zitiert hier nämlich Jesus. Ich weiß nicht, ob Ihnen das aufgefallen ist. Ein Wort Jesu, das in keinem Evangelium steht. Ein Satz, den Jesus also wohl direkt zu Paulus gesprochen hat. Als Antwort auf die Bitte, von seinem körperlichen Leiden erlöst zu werden: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders in dir“. Sie kennen das wahrscheinlich so: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ob so oder so: Was für eine Antwort! Was für ein Gegenpol zu allem Großtun und aller Eitelkeit! Was für eine Aufmunterung angesichts unserer Eingeschränktheiten, unserer Behinderungen und Krankheiten, unserer Sorgen und Ängste, unserer Trauer und unserer heimlichen Tränen? Was für ein Trost im Auf und Ab und angesichts der Endlichkeit unseres irdischen Lebens – wenn das auch uns gilt! Und, liebe Geschwister, es gilt uns, so wahr ich hier stehe: »Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir. Meine Gnade ist alles, was du brauchst! « Amen.

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