Stärke aus und in der Schwäche

Liebe Schwestern und Brüder!

Irgendwie macht er nicht viel Federlesen, der Apostel Paulus. Er protzt wie Politiker vor der Wahl. Er gibt an wie Provinzbürgermeister, wenn sie ihre wirklichen oder vermeintlichen Taten für die Kommune preisen. Er rühmt sich wie der amerikanische Präsident Donald Trump.

Wir haben alles getan, damit es uns gut geht.

Er ist der Beste und er stellt sich ins beste Licht ähnlich wie Politiker ihre Taten und Ideen ins beste Licht rücken.

Hat der denn nie gehört, dass Eigenlob stinkt und dass man nicht so angeben sollte mit den eigenen Vorzügen, Talenten oder der eigenen Herkunft?!

Und jetzt protzt der gute alte Paulus genauso wie die sich selbst überschätzenden Politiker!

Ja ist denn gar nichts mehr sicher vor diesen Selbstdarstellern und ungehobelten Großmäulern?! Ist denn jeder ein Superstar und Influencer?!

Ja, Paulus vergleicht sich über viele Verse mit den religiösen Eiferern, den fast vor Eigenlob selbst erlösten Frömmlern, die sich in heuchlerischem „Geprotze“ selbst rühmen für ihre Religiosität und Glaubensstärke in Korinth. Sie stehen alle im Wettbewerb.

Sie stellen sich hin und protzen vor Gott und den Menschen mit dem, was sie alles für Gott getan haben.

Widerlich diese Angeber!

Oh Herr, ich bin so super, du musst mich erlösen!, lautet ihr Credo.

Schaut mich an Brüder und Schwestern meine Demut und Glaubensgewissheit ist so groß, dass selbst du oh Herr mich als Dauererlösten ertragen musst.

Ja, was jetzt? dreht den Paulus im Anflug von religiösem Wahnsinn jetzt durch?

 

Da sei ferne, liebe Schwestern und Brüder, Paulus ironisiert und persifliert dieses krankhafte Selbstrühmen gewisser korinthischer Kreise und setzt dieser religiösen Angeberei die Gnade Gottes entgegen.

Die Gnade Gottes kommt nämlich nicht polternd, „bonzenhaft“ und großmäulig daher. Gottes Gnade, so der paulinische Text, ist durch seine Kraft in den Schwachen mächtig.

Gottes Gnade ist durch seine Kraft in den Schwachen mächtig. Und das Ganze gipfelt in dem Satz mit der paradoxen Aussage:

denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark!

Wie ist das gemeint, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist?

Welchen Sinn hat der Satz, wenn ich schwach bin, so bin ich stark?

Liebe Schwestern und Brüder, das Evangelium, das Wort Gottes, die Gnade und Kraft Gottes wird uns häufig in unseren schwachen und schwächelnden Momenten des Lebens zu teil. Dann nämlich, wenn ich mein Leben in Frage gestellt sehe, und es mich einholt. Das Wort tröstet mich, es stärkt mich, nicht in dem es mich stark macht, sondern mir die Kraft eines Stärkeren zur Verfügung stellt.

Jeder von uns kennt die Momente, in denen wir uns klein und schwach fühlen, weil uns das Leben übel mitspielt.

Aber als Christen haben wir die paradoxe Zuversicht und leben von dieser verwegenen Hoffnung, dass unser Glaube nicht umsonst ist, dass unsere Schwäche nicht schwächlich ist, sondern dass Gott in uns mit seiner Kraft mächtig ist.

In fast jeder Kirche ist der gekreuzigte Christus zu sehen. Gottes Sohn in erbarmungswürdiger und schwächlicher Menschengestalt. Mit diesem Zeichen und mit der Geschichte vom menschlichen Leid erlösenden Gott, mit der Verheißung von Kreuz, Auferstehung und Erlösung, hat unsere Religion ihren Siegeszug um die Welt angetreten.

Mit dem Evangelium vom schwachen und erlösenden Gott, Jesus Christus, der unsere Schwachheit kennt und uns dann in dieser Schwachheit seine Kraft und Stärke verleiht, kommt die Erlösung zu uns.

Gott ist -um es mit den Worten des Apostels zu sagen-  mit seiner Kraft und seinem Wort in und bei unser Schwachheit mächtig.

Liebe Schwestern und Brüder, Gottes Wort ist wirkmächtig und ereignet sich. Es ereignet sich aber, wo und wann es will. Gottes Wort, seine lebensspendende und stärkende Kraft, schafft bei dem, der es hört, und immer wieder neu hört, ein neues Leben, einen Neuanfang, eine zweite und dritte Chance. Gottes Wort, sein Evangelium veränderte, verändert und wird noch viele Menschen verändern. Das Wort Gottes macht frei, frei zu einem neuen verändernden Leben. Es schenkt Stärke

Wo gelingt dies und wie kann es gelingen, dass das Wort Gottes zum Lebens-Wort, zum Brot und zum Wasser für die Seele wird, das schwache Gemüter stärkt und neue Kraft verleiht?

Und doch gibt es eine Antwort darauf. Das Wort Gottes bringt immer dann Frucht, wird immer dann zum im persönlichen Leben erfahrenen Lebens-Wort und entfaltet seine Stärke, wenn jeder von uns selbst dafür Sorge trägt, dass es bei uns auf fruchtbaren Boden fallen kann. Den Boden für die Saat bereiten wir Menschen immer selbst. Und es gibt sehr viele fruchtbare Böden unter uns Menschen. Fruchtbare Böden sind symbolisch gesprochen für mich die Phasen des Lebens, die uns gelingen. In diesen Phasen und Situationen schenkt uns Gott durch sein Wort einen Neuanfang, eine erneute Chance. Vielleicht im Lebens-Wort und der Tat zur rechten Zeit durch Mitmenschen an uns gewirkt.

Aber auch in den Zeiten der Brache und Unfruchtbarkeit, geht das Wort langsam auf in uns. Unmerklich und klein, aber als Hilfe und Trost mächtig für die Seele.

Beim Anblick dieser Welt könnte man fast vergessen, dass das Wort Gottes ja immer weitergeht, neu gesprochen und auf uns Menschen zugesprochen wird; dass es nicht dort endet, wo wir gerade mit unseren Gedanken sind; beim Tod, beim Scheitern; beim Versagen. Die vermeintliche Schwachheit erringt durch die Macht der göttlichen Gnade doch ihren paradoxen Sieg und ihre Stärke darin, in dem sie unseren Blick auf die vielen kleinen oder auch größeren Erfahrungen im Leben richtet, wo es mit uns oder mit dem, was wir getan haben, ein gutes Ende genommen hat;

wo sich der Einsatz gelohnt hat; wo wir heute wirklich den Eindruck haben, wir sind vorwärts gekommen, wir haben etwas geschafft:

Ich denke an die vielen, die nach dem Krieg durch die Worte und Hilfe anderer Menschen eine neue Heimat gefunden haben.

Ich denke an die Menschen, die mir erzählt haben, dass sie nur knapp dem Tod entronnen sind.

Ich denke an die, die lange krank und schwer krank waren und ins Leben zurückgefunden haben.

Ich denke an die unter uns, die eine Krise in ihrer Ehe überwunden haben und Gottes lebensspendendes Wort der Liebe in der Partnerschaft neu gespürt haben.

Ich denke an die unter uns, die lange Zeit im Streit waren und noch erleben, wieder miteinander zu reden, ja vielleicht sogar, sich zu versöhnen, in der Erkenntnis, dass unser aller Leben aus Worten der jenseitigen Vergebung leben.

Ich denke an die unter uns, die nicht glauben konnten, dass nach dem Tod eines geliebten Menschen noch einmal die Tage fröhlich und schön sein können, und die dann doch wieder am Leben Freude gefunden haben – nicht im Vergessen dessen, was war, sondern im Weiterleben mit dem, was war.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich bin fest davon überzeugt, dass Gottes Wort lebendig und kräftig ist und es zum Ruhme Gottes und zum Ruhme des Apostels Paulus heißen muss:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.                  Amen

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