Den eigenen Stärken und dem eigenen Vermögen trauen (Jeremia 9, 22.23)

Es sind nicht nur, aber teilweise auch meine Erinnerungen:
vor Jahren haben die beiden noch jede freie Minute miteinander verbracht, waren unzertrennliche Freunde. Einer half dem anderen: entweder bei den Hausaufgaben, weil sie dem einen leicht fielen und der anderen ihnen als Herausforderung kaum gewachsen war oder aber in den Auseinandersetzungen auf dem Schulhof, weil einer stark und deshalb zumindest in den Pausen respektiert und der andere als Streber immer verspottet, Zielscheibe so mancher hinterlistigen Aktion wurde.
Später konnte keiner sagen, warum sich ihre Wege trennten und sie sich kaum noch in die Augen schauen wollten, vielleicht weil sie Angst hatten einander erklären zu müssen, warum diese Freundschaft nicht ewig hielt. Nach dem Schulwechsel verloren sie sich. Der eine ging aufs Gymnasium, was keine Überraschung war, der andere wurde Oberschüler, was immer noch genug Herausforderung war. Die einen galten als Schläger. Die anderen wurden als Streber  verschrien. Professor nannten sie ihn und meinten das nicht als Kompliment. „Was willst du denn von den Dummies oder  Strebern“ war zu hören, sah man die beiden am Anfang doch noch manchmal beieinander.
Und irgendwann lies dann das Interesse wirklich nach. Wir haben uns halt auseinander entwickelt, entschuldigte sich der eine, wenn die Mutter fragte, warum sie sich nicht mehr trafen und ob er ihn nicht mal wieder einladen wolle. Aber im Prinzip hatte er einfach die Trennung im Kopf zwischen diesen und jenen, den Kopfmenschen, den Schlauen, den Nachdenkern und den anderen (ja, was dachte er eigentlich über sie?) verinnerlicht.
Nur manchmal sehnte er sich nach den alten Zeiten dieser Freundschaft, in der gerade die Verschiedenheit keine Rolle gespielt hat, immer dann wenn in seiner jetzigen Klasse deutlich wurde, dass Verstand und Grips, gute Noten und schnelle Auffassungsgabe noch lange nicht ausreichen mussten, um immer dazuzugehören.
Wenn sie nach den Ferien von den Fernreisen erzählten, mit den neusten Klamotten prahlten, wenn das neuste iPhone selbstverständlich schon zum Verkaufsstart angeschafft wurde, dann spürte er, dass er nicht dazu gehörte. Seien Eltern mussten passen. Klassenreisen und ähnliches für ihn und die Geschwister waren schon schwer genug zu finanzieren. Das Geld reichte im Alltag gerade so und eine reiche Tante oder Oma gab es nicht. Die sozialen Unterschiede spürte er in den kleinen Dingen des Alltages.
Manchmal tat das weh.
Teilt man die Welt ein in Klug und Weise,  Starke oder Reiche, definiert man sich darüber, dann bleiben immer irgendwelche Leute draußen, vielleicht sogar die besten Freuden und am Ende man  selbst. Nicht jeder ist selbstbewusst genug, darüber zu stehen. Mancher muss erst lernen, sich nicht über die Maßstäbe zu definieren, die andere setzen und schon gar nicht mit ihnen zu prahlen, sich zu rühmen, sich so in den Mittelpunkt zu stellen
Nichts scheute mein Vater so sehr wie die Elternabende an dem grundständigen Gymnasium in Berlin, das ich besuchen durfte, mit der Hoffnung meiner Eltern, zu erreichen, was sie, warum auch immer, für sich nicht erreichen konnten. Er mied es, in der Gegenwart der Professoren und Rechtsanwälten bzw. deren Lebenswelten nicht mitreden zu können, vielleicht aber auch, weil er so deutlich damit konfrontiert wurde, dass er zeit seines Lebens unter seinen eigenen Möglichkeiten geblieben ist. Jedenfalls wusste er, dass er in diese Lebenswelten nicht gehörte. Am Ende wusste er eigentlich gar nicht mehr, in welche Welt er gehörte, aber dass ist noch einmal eine andere Geschichte. Manchmal holt mich dieses Gefühl, dass eigentlich in das Leben meines Vaters gehört und nicht meines sein muss, immer noch ein.
Als Jugendlicher jedenfalls habe ich eine Weile gebraucht, bis ich ganz in meinem Leben angekommen war. Das war nicht nur die normale Suche von pubertierenden Jugendlichen, sondern auch die Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit und Lebenswelt, die nicht die meine war und dennoch erstrebenswert schien, um die ich andere durchaus beneidete.
Aber es gab noch einen anderen Unterschied, gewissermaßen meine Rettung: mein zugegeben kindlicher und vielleicht manchmal auch überheblicher, aber auf alle Fälle alltagsprägender Glaube in einer Gruppe überzeugter und entschiedener Christen. Davon gab es in der Schule nicht viele. Da hatte ich(!!) etwas, was die anderen nicht besaßen (vielleicht habe ich mich damit im Stillen ja meines Glaubens gerühmt, wie andere sich ihrer Klugheit, ihrer Stärke, ihres Wohlstandes gerühmt habe). Aber entscheidend war, dass mir dieser Glaube Selbstvertrauen gegeben hat, geholfen hat, mich nicht ständig mit anderen zu vergleichen, in meinem Leben und seinen Umständen heimisch zu werden, meinen eigenen Weg zu suchen, zu finden und zu gehen. Ich habe es schon häufiger gesagt: Mein Gottvertrauen hat mir Selbstvertrauen geschenkt. Ich habe entdeckt, was für ein Wunder und war für ein Geschenk es, wert geachtet zu sein, von Gott angeschaut zu werden, ein Ziel, eine Aufgabe zu haben und gebraucht hu werden
Sag noch einer, der Glaube wäre zu nichts gut!
An diese Geschichten, die also irgendwie auch meine Geschichten sind, musste ich beim Propheten Jeremia denken und sie erinnern mich daran, dass die eigenen intellektuellen Fähigkeiten, die körperlicher Kraft und alles „Vermögen“ im doppelten Sinne des Wortsinnes, nichts sind, womit ich angeben, mir auf die Schultern klopfen kann. Denn ich habe sie mir nicht verdient, sondern zuallererst geschenkt bekommen, ehe ich etwas aus ihnen machen konnte. Denn Jeremia lehnt nicht ja nicht grundsätzlich Einsicht, Wissen und Vernunft ab, sondern prangert falsches Rühmen an. Er singt auch nicht das Lied der Schwäche und von den Kleinen oder idealisiert Armut, in dem er Reichtum zum Übel an sich erklärt… Vielmehr will er sie in ein rechtes Verhältnis zu Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit setzen. Alles was vor diesen Maßstäben bestehen kann, geht in Ordnung. Wenn meine Einsicht, meine Stärke, mein Vermögen helfen, nicht nur mein Leben zu erleichtern, sondern vor allem der Barmherzigkeit, dem Recht und der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, dann dienen sie nicht nur mir zur Freude, zum Leben und Überleben sonder auch Gott zur Ehre.
Wir sind vernunftbegabte Menschen und dürfen uns von ihr leiten lassen, wir dürfen aus dem Recht des Stärkeren die Stärke des Rechtes für die Schwachen werden lassen und vermögen mehr mit unserem Vermögen als wir uns und unseren Möglichkeiten womöglich zutrauen, wenn wir nicht bei uns bleiben sondern ganz bei Gott und denen, die ihm am Herzen liegen.
Denn natürlich ist Gott ein Gott der Weisen und der Einfältigen, aber womöglich haben diese den Weisen kindlich einfältiges Vertrauen voraus, natürlich ist Gott ein Gott der Starken und der Schwachen, aber womöglich haben diese den Starken die Gabe voraus, nicht alles allein in der Hand behalten zu wollen, sondern sich Hände auch füllen zu lassen. Und natürlich ist Gott ein Gott der Reichen und der Armen und womöglich haben diese den Reichen die Gabe voraus, dankbar Beschenkte und Empfangende zu sein, die nicht allein auf das Erreichte stolz, sondern vor allem für das Unverdiente dankbar sind.
Dabei dürfen wir uns durchaus unseres Verstandes bedienen. Glauben ist nicht nur etwas für Naive und Träumer, sondern er ist eine denkerische Herausforderung. Der Glaube ist immer auch der Versuch, die Dinge zu durchdringen, die Welt, das Leben und das Schicksal zu begreifen. Er fragt nach dem , was sich hinter allem Sichtbaren verbirgt, er wagt die Macht des Bösen in Frage zu stellen und nach Wegen zum Guten suchen. Er wagt es ein „dennoch, Gott, will ich bei dir bleiben“ zu formulieren und zu verantworten. Er versucht das Unaussprechliche, das wir Gott nennen, sagbar zu machen. Er unternimmt den Versuch, auch im Angesicht des Kreuzes am Sieg des Lebens festzuhalten. Deshalb gehören Vernunft und Glaube untrennbar zusammen
Der Glaube beklagt auch nicht Einfluss, Macht und Reichtum der Kirchen. Aber Gott erwartet, dass sein Wille Raum gewinnt und wir seinen Willen mit unseren Möglichkeiten zur Geltung bringen. In so vielen sozialethischen, medizinischen Fragen oder in den existentiellen Herausforderungen von Krieg und Frieden braucht es ein starkes Bekenntnis der Christen zum Gott des Lebens und des Friedens und starke Taten der Versöhnung. Wie könnten wir alle zusammen aus der Vergebung leben, auf die wir alle angewiesen sind, wenn wir nicht zugleich Botschafter und Zeugen der Versöhnung wären. Wie könnten wir beten: Vergib uns unsere Schuld, wenn wir nicht zugleich bereit wären zu beten und zu leben: wie auch wir vergeben unsren Schuldigern!
Weisheit, Stärke und Reichtum sind besondere Gaben und besondere Verantwortung, die Gott uns anvertraut, damit sein Wille geschieht.
Vernünftig, stark und reich sind wir, was bietet das für Chancen und Möglichkeiten. Können wir nicht gerade so gute Zeugen und Mahner göttlicher Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sein? Dazu befähige uns der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft! Amen

drucken