Stärke, die aus meiner Schwäche kommt.

Liebe Gemeinde,
unsere Nachbarin erzählte eine niedliche Geschichte. Ihre Kinder waren zu den Großeltern gereist. Ihr Jüngster hatte einen Ritterhelm im Gepäck. Den wollte er aufsetzen, wenn er bei Oma und Opa angekommen war. Er stellte sich vor, wie die Großeltern staunen würden. Sie würden denken: „Er ist so stark, unser Enkel – Ein Ritter!“ Und unter seinem Helm war er wirklich Einer. Für die Eltern ist es ein Rollenspiel, für ihn ganz echt.

Es ist Faschingszeit, Narrenzeit. Da schlüpfen manche Erwachsene in Kostüme, legen für einen Abend die Rolle des Alltages ab. Für einen Moment wird die Wirklichkeit bewusst verändert. Über verschiedenste Grenzen hinweg werden Rollen getauscht. Auch, und gerade prominente Leute aus Politik, Wirtschaft und Religion setzen sich die Narrenkappe auf. Sie halten Büttenreden. Wenn sie gut sind, tragen sie im Kern Weisheit und Wahrheit. Manchmal gibt es sogar Orden dafür.

In unserem heutigen Text hält Paulus eine Rede als Narr. Überschreiben könnten wir sie mit den Worten: „Über die Prahlerei“ oder „Womit ein Apostel angeben sollte“. Ich stelle ihn mir mit einer unsichtbaren Narrenkappe auf dem Kopf vor. Ein Auge zwinkert, das Andere ist ernst, während er beginnt:
„Gerühmt muss werden! Also, soll ich prahlen! Dann erzähle ich als erstes, was ich alles durchgemacht habe.“

Hören wir Worte aus dem 2. Korintherbrief 11, 18.23-30

Zum Zweiten, sagt Paulus, nun prahle ich mit etwas viel Besserem. Vor 14 Jahren habe ich einen Mann kennen gelernt, der wundervolle Visionen und Offenbarungen hatte.

Die zweite Hälfte des Predigttextes steht im Kap. 12, 1-10

Gewaltige Visionen kann dieser Mann in seiner Biographie vorweisen, sowie eine übergroße Nähe zu Gott. Paulus spricht hier von sich wie von einem anderen Menschen. Fast ehrfürchtig weist er auf die Geschehnisse zwischen Gott und sich hin. Zu Lebzeiten im dritten Himmel zu sein, im Paradies, und zurück zu kehren, welch großes Gottesgeschenk.

Dass Paulus sich zum Narren machte, hatte keinen spaßigen Hintergrund. Er wollte auch keinen „Orden wider den tierischen Ernst“ gewinnen, sondern er steckte in außerordentlichen Schwierigkeiten.

In der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth wurde er stark angefeindet. Es ging nicht um einzelne Worte oder kleine Schwächen, sondern um sein Apostolat. Die Gegner sprachen es ihm ab. Zu wenig glanzvoll seine Auftritte. Zu wenig außergewöhnlich seine Gotteserfahrungen. Zu kompliziert seine Gedankengänge. Da gab es andere, die den christlichen Glauben viel besser verkaufen konnten.

Paulus wehrte sich leidenschaftlich gegen die Angriffe, mit Worten, mit starken Gefühlen, mit Tränen. In seinen Briefen wechselte er die Stile. Mal voller Ernst, mal voller Ironie, mal als Gelehrter und mal, so wie hier, als Narr. Es ist für uns kaum vorstellbar, was Paulus alles vorzuweisen hat. Die Erfahrungen und Erlebnisse mit Gott. Das ist unübertroffen.

In diesem Moment, wenn den Zuhörenden vor Staunen der Mund offenstand, machte Paulus eine kleine Pause. Als rückte er sich im Geiste die Narrenkappe zurecht, um dann neu anzusetzen. Er sagte: „Mit all dem will ich nicht angeben, auch wenn ich es könnte! Sondern, will auf meine Schwachheit verweisen!“

Meinte er das nun ernst oder ironisch? War es zum Lachen oder zum Weinen? Zum Johlen oder Innehalten?
Mir ist, als hätte Paulus an dieser Stelle die Narrenkappe vom Kopf gezogen. Jetzt wurde es wirklich ernst. Eindeutig sprach er von sich und seinem Glauben. Der Anhäufung von Abenteuern und ekstatischen Erlebnissen stellte er plötzlich seine ganze Schwäche gegenüber.

Er sprach nun sehr persönlich, von einem „Pfahl im Fleisch“. Ein Bild, das in der Auslegung ganz verschieden gedeutet wird. Z.B. als körperliches Leiden, als Epilepsie, als Depression. Genau wissen wir es nicht.

„Damit ich mich nicht über euch erhebe wegen meiner besonderen Gottesbeziehung“, schreibt Paulus, „ist mir dieser Pfahl ins Fleisch gegeben“. Dreimal hatte er Gott angefleht, ihn von seinem Leiden zu befreien. Das ihn schwächte und bedrängte. Aber Gottes Antwort an Paulus war: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ 2.Kor 12,9

Mitten in der Narrenrede leuchtet hier die tiefe Überzeugung des Paulus auf. „Mein Leben wird gehalten von der Gnade Gottes. Bei all meinem Engagement für die Sache. Ich halte mich nicht selbst.“ Mit dieser Aussage stellt er alle Versuche, sich durch Prahlerei voneinander abzuheben, als absurd dar.

Keine Aussage wie: „Ich war ein Held!“ oder „Ich, so ein cooler Typ“. Kein: „Hab eben Schwein gehabt im Leben!“ Er weiß, dass es Gottes Gnade war. Sie hat ihn durch die harten Zeiten und Krisen seines Lebens geführt.

Zu unserem Leben gehört beides, unsere starken Seiten und unsere Schwachen. Ebenso unsere starken Zeiten und unsere Schwachen. Dies akzeptieren zu können, ist ein Geschenk der Gnade Gottes. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Das meint allerdings noch mehr. Gerade in Zeiten der Schwäche verliere ich, worauf ich mich sonst verlasse. Meine Klugheit oder meine Gesundheit oder meine guten Kontakte. Das, was mir sonst Halt gibt entgleitet mir.

Schaffe ich es, diesen Raum der Schwäche für Gottes Kraft zu öffnen? Darf ich spüren, wie mächtig sie in mir wird? Diese Erfahrung hatte Paulus immer wieder gemacht und deshalb rühmt er sich seiner Schwachheit. Weil Gott in ihr und durch sie bei ihm wirkte.

Zwei Gedanken dazu:
Ein junger Mann ist durch eine wichtige Prüfung gefallen. Zunächst ist es für ihn unfassbar, seine Welt bricht zusammen. Er fühlt sich als Versager. Mühsam beginnt er offen darüber zu sprechen. Erstaunlicherweise erfährt er Verständnis aus seinem Freundeskreis. Bei ihm setzt eine Veränderung des Denkens ein. Er hat am eigenen Leib erfahren, was Leistungsdruck bedeutet. Seitdem misst er andere weit weniger an deren äußerer Leistung. Er ist gnädiger geworden mit sich und anderen.

Anderer Gedanke:
Eine junge Frau hat zwei Kinder durch plötzlichen Kindstod verloren. Zwei Mal gute Hoffnung, zwei Mal ein jähes Ende. Der Schmerz des Verlustes war unermesslich. In der langen Zeit der Trauer, hat sie viele Tränen vergossen. Sie rang um neue Kraft. Die Kraft kam ganz klein zu ihr zurück und wurde langsam größer.

Diese junge Frau hat erfahren, was es heißt ein Kind zu verlieren. Mit ihrer wachsenden Kraft knüpfte sie Kontakte zu anderen Betroffenen. Sie gründete eine: „Initiative verwaister Eltern“ in einer großen Stadt in Deutschland. Die junge Frau hilft jetzt mit Rat und Beistand anderen Eltern in einer ähnlichen Situation.

Erscheinen diese Beispiele für euer Leben zu gewaltig? Oder findet jede und jeder bei sich ähnliche Begebenheiten? Situationen geprägt von großer Schwäche und Krisen. Und als Sie ganz unten waren, in ihnen und Euch neue Kraft erwuchs. Womit auch eine Veränderung der Persönlichkeit einherging.

Wir alle haben Erfahrungen gemacht, die uns irgendwie weiterhalfen. Sie gaben uns plötzlich Kraft etwas aufzugeben, dessen wir uns vorher sicher waren. Erfahrungen, die uns ganz schlicht lehrten, uns Gottes Kraft und Führung zu öffnen.

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Aus diesen Worten höre ich zweierlei:

1)Ich kann, ich darf schwache Seiten haben. Das gehört zu meinem Menschsein dazu. Ich muss meine Schwächen nicht krampfhaft überspielen.

2)Auch die schwachen Zeiten meines Lebens sind keine verlorene Zeit. Gerade aus ihnen kann Lebendiges erwachsen, wenn ich der Kraft Gottes in mir Raum gebe.

Wenn Paulus sich am Ende die Narrenkappe wieder aufsetzt und etwas provokant in die Runde ruft: „Gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!“, dann steht dahinter das Wissen um hunderte Krisen und um hundertfach Hilfe durch Gott.

Der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Dr. Maria Heinke-Probst.)

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