Lohn oder Gnade?

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

 

„Lohn oder Gnade?“

 

„Wie – Lohn oder Gnade?!

Meinst du, ich hätte es nicht anders verdient,

als jetzt hier völlig fix und fertig,

total bankrott und ausgebrannt zu liegen

oder meinst du etwa,

ich sollte auch noch froh darüber sein,

dass ich nicht schon 1,80 tief unter der Erde liege

und die Würmer an mir nagen!?“

 

Finster blickte er von seinem Krankenlager hinüber ins Nachbarbett,

wo ihm zwei sanfte Augen begegneten.

 

Lange Zeit hatten sie sich nicht gesehen,

Jahre,

seit sie gemeinsam die Schulbank gedrückt hatten.

 

Und nun lagen sie hier,

in dieser Klinik,

erzählten einander,

was nicht alles geworden war aus ihnen,

aus ihrem Leben.

 

Die Anfangszeit:

Studium mit Bravur bestanden.

Erfolg im Beruf,

tolle Frau,

tolle Kinder,

laufendes Geschäft.

 

„Ja, ja,

man ist schon seines eigenen Glückes Schmied.

Hab ich ganz schön für geackert!

Bin ja auch nicht auf den Kopf gefallen.

Wer zuerst kommt,

malt zuerst.

Hab gewusst,

wann ich mich wie durchzusetzen hatte.

Selbst Schuld,

wer da nicht mitgemacht hat.

Klar gab´s immer mal Neider,

kein Wunder,

wenn man so ein Fuchs ist wie ich!

Aber wenn man erst einmal dahinter steigt,

wie die andern ticken,

wo ihre Schwachstellen sind,

dann kann man da ganz schnell was draus machen.“

 

So hatte es der eine erzählt.

 

Der andere dagegen:

„Ich war echt dankbar,

dass sich alles so gefügt hat.

 

Ich war genau der Richtige für die Sache.

Richtiger Typ,

am richtigen Ort,

zur richtigen Zeit.

Da fiel es mir leicht,

das Beste daraus zu machen.“

 

Doch dann kam der Einbruch,

nach und nach Schlaglöcher,

Abgründe:

Der eine hatte seine Frau verloren an den Krebs,

der andere an einen anderen Mann.

 

Die Kinder gerieten mehr schlecht als recht,

das Geschäft ging den Bach runter.

 

Und nun lagen sie hier.

 

Der eine verbittert,

wütend,

mit sich und der Welt hadernd,

der andere eher still,

ja gelassen,

darauf wartend,

dass die Sonne hinter den schwarzen Wolken wieder hervorscheint.

 

Lohn oder Gnade?

 

Liebe Brüder und Schwestern,

wir kennen beide Typen,

wie ich sie gerade karikiert habe.

 

Den einen,

der meint,

alles,

was er weiß, kann, hat,

habe er sich selbst verdient.

 

Den anderen,

der für sich erkannt hat:

Was ich habe,

was ich bin,

alles verdanke ich letztendlich nicht mir selbst.

 

Uns begegnen diese Typen,

unterschiedlich stark ausgeprägt,

immer wieder in unserem Alltag,

sei es in der Bahn,

wenn wir ihnen ungewollt beim Telefonieren zuhören,

sei es auf Arbeit,

in der eigenen Familie oder unter Freunden.

 

Und wir begegnen ihnen,

wenn wir in den Spiegel schauen.

 

Doch:

Wie viel von den beiden steckt eigentlich in uns selbst,

in Ihnen, Dir und mir?

 

Sind wir mehr selfmade-men and women oder mehr made by –

ja was eigentlich? –

Made by God?

 

Schauen wir mal auf den Selfmade-Typen in uns.

 

Was könnte der über sich erzählen?

 

„Klar!

Ich mache was aus meinem Leben.

Ich versuche,

aufmerksam durchs Leben zu gehen,

lerne dazu,

leiste was,

schaffe was.

 

Warum dann nicht,

wenn etwas gelungen ist,

sei es nun die 1 in der Klassenarbeit,

der gut gemanagte Job

oder der raffiniert gebackene Kuchen,

sich selbst auf die Schulter klopfen

und sagen:

„Haste jut jemacht!““

 

Stolz sein auf etwas,

das ich erreicht habe,

das ist gewiss nicht verkehrt.

 

Das gehört dazu,

auch vor anderen,

damit wir auch mal Lob ernten.

 

Denn gelobt zu werden,

das braucht jeder,

der eine weniger,

der andere mehr.

 

Das setzt ja auch gleich wieder positive Energien frei.

Motiviert.

Mehr davon!

 

Aber was,

liebe Brüder und Schwestern,

was, wenn es irgendwann nur noch um mich geht,

um meinen Wert,

und sich dieser Wert nur noch an mich und den anderen misst?

 

„Ich bin der Größte,

die anderen sind Loser,

sind Verlierer.

 

Ich bin der Klügste, der Stärkste, der Schönste!“

 

Was,

wenn aus Schlauheit, aus Weisheit,

Neunmalklugheit wird,

Besserwisserei, Arroganz?

 

„Der Depp!

Ich hab´s doch gewusst!“

 

Was,

wenn meine Stärke hauptsächlich zum Ausfahren meines Ellenbogen dient:

„Platz da,

du Lusche,

hier komm ich,

lass mich mal machen!?“

 

Was,

wenn das,

was ich habe,

nur noch dazu da ist,

mich selbst aufs Podest zu heben,

bzw. andere in den Keller zu fahren,

sie hinabzusetzen?

 

„Was?!

Ostseeurlaub?

Mach ich schon lange nicht mehr!

Karibik,

das liegt jetzt im Trend!“

 

Die eine oder andere Spitze erkennen wahrscheinlich viele unter uns an sich selbst,

wenn sie in den Spiegel schauen.

 

Vor diesem Verhalten,

vor diesem Blick auf die Welt und mich in ihr,

warnt uns Gott heute durch seinen Propheten Jeremia.

 

Ich lese uns,

was Gott durch seinen Propheten sagt,

und wie es aufgeschrieben wurde in seinem Buch,

im 9. Kapitel (V. 22):

 

„So spricht der HERR:

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,

ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,

ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“

 

Einleuchtend dieser Rat

oder?

 

Wenn man das zugespitzt hört:

Stinkendes Eigenlob.

 

Ein Verhalten,

das Neid erzeugt,

das den am Boden Liegenden nochmal ein bisschen fester zu Boden drückt.

 

Ein Lebensfundament der Selbstvergötzung,

aufgebaut auf scheinbar eigenem Wissen,

eigener Macht,

eigenem Besitz.

 

Und wenn das bricht?

 

Was bleibt?

 

Was bleibt,

wenn alles,

was ich bin und tue,

nur der Selbsterhaltung dient?

 

Der zu erwartende Lohn?

 

Gott hat dazu noch etwas zu sagen.

 

Er sagt es im nächsten und letzten Vers unseres Predigttextes (Jer 9,23):

 

„Sondern wer sich rühmen will,

der rühme sich dessen,

dass er klug sei

und mich kenne,

dass ich der HERR bin,

der Barmherzigkeit,

Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden;

denn solches gefällt mir,

spricht der HERR.“

 

Wer darauf sein Leben aufbaut,

es so betrachtet:

ich bin klug,

weil ich den Herrn kenne,

weil ich mir von ihm sagen lasse,

dass er mir gibt,

wer und was ich bin

und das auch anerkennt,

ist der nicht wie der andere Typ Mensch,

den ich zu Anfang karikiert habe?

 

Der,

der dankbar annimmt,

was ihm geschenkt wird,

seine Weisheit,

seine Stärke,

seinen Reichtum?

 

Und der etwas daraus macht

und wenn es schief geht,

nicht die Welt und sich mit ihr verflucht,

sondern gelassen sein kann,

weil er weiß,

dass die Sonne trotzdem scheint,

auch wenn dunkle Wolken sie verbergen?

 

Den Herrn kennen,

das heißt verstehen,

wonach ich leben soll und vor allem auch kann.

 

Das heißt:

barmherzig sein,

wie Gott barmherzig ist.

 

Das heißt,

sich einsetzen für Recht und Gerechtigkeit

und nicht immer nur aufs eigene Recht zu pochen.

 

Wenn das die Basis meines Lebens ist,

was bleibt,

wenn alles den Bach runtergehen sollte?

 

Dann stehe ich nicht vor dem Scherbenhaufen meines Lebens,

denn was es dann noch wert ist,

dieses Leben,

mein Leben,

was ich wert bin,

ist dann nicht das Resultat meines eigenen Ermessens,

sondern das Resultat meines Vertrauens in Gott,

meines Glaubens an ihn,

der jedem gibt,

was er braucht,

 

nämlich:

dass Gott mich spüren lässt:

Du bist mehr als das,

was da zerbrochen ist,

du bist mein geliebtes Kind.

 

Das ist Gnade, nicht Lohn.

 

Diese Gnade ist geschenkt,

ganz unverdient,

annehmen sollen wir sie

und was draus machen.

 

Und uns dabei selbst nicht zu hoch einschätzen,

nicht denken:

„Ich mach das schon allein.“

 

Denn wer alles allein macht,

ist irgendwann ganz allein.

 

Diese Gnade annehmen

und was draus machen

und nicht meinen,

ich sei mehr wert in Gottes Augen,

nur weil ich länger und härter und intensiver im Weinberg,

in der Welt gearbeitet habe,

„lohnt“ sich das nicht vielmehr?

 

Die Gnade bleibt für alle jedoch die gleiche:

jeder bekommt auf dem Weg,

was er braucht,

um etwas daraus machen zu können

und dankbar darüber werden zu können,

so ist es ausgemacht,

nicht nur zwischen Arbeitern in einem Weinberg und seinem Besitzer.

 

Und wer dabei in sich vielleicht spürt,

dass er sich eigentlich zu unsicher fühlt,

sich darauf einzulassen,

diese Gnade anzunehmen,

dem sei zuletzt noch erzählt,

was Marianne Williamson geschrieben hat.

 

Manch einer kennt diese Sätze vielleicht aus dem Munde Nelson Mandelas,

als er 1994 nach 27 Jahren Haft,

seine Antrittsrede als Präsident Südafrikas hielt:

 

„Unsere tiefste Angst ist nicht die vor unserer Unzulänglichkeit.
Unsere tiefste Angst ist die Angst vor unserer unermesslichen Kraft.
Es ist das Licht in uns,

nicht die Dunkelheit,
die uns am meisten ängstigt.
Wir fragen uns:

Wer bin ich,

dass ich von mir sage,
ich bin brillant, ich bin begabt und einzigartig.
Ja, im Grunde genommen:

Warum solltest du das nicht sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Wenn du dich klein machst,

hilft das der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,

wenn du glaubst,
zusammenschrumpfen zu müssen,
damit sich die Leute um dich herum weniger unsicher fühlen.
Wir sind geboren,

um den Glanz Gottes zu offenbaren,

der in uns ist.
Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns,
Gottes Glanz ist in jedem Menschen.
Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis,

ihr Licht scheinen zu lassen.
Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien,
befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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