Die Maxime unserer Zeit

Am Ende einer Presbyteriumssitzung fragen wir uns: Was ist wichtig, was sollten wir der Presse melden, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Und dann zählen wir unsere Erfolge auf, unsere musikalischen Veranstaltungen und Jugendgruppen, unsere Kitas, unsere Frauenhilfe und unser Männerkreis. Was ist dann Öffentlichkeitsarbeit und was ist Protzerei. Müssten wir nicht eher berichten darüber wie Vieles uns misslingt, was so überhaupt nicht mehr stimmt – bei uns? Müssten wir nicht eher darstellen, wie klein und schwach wir sind und wo wir Hilfe brauchen?

Gerühmt werden muss, das ist die Maxime unserer Zeit. Gerühmt werden muss, das ist auch der ironische Satz mit dem heute der Apostel Paulus beginnt.

1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. 7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Gerühmt werden muss, schreibt der Apostel, um zu ergänzen, auch wenn’s nichts nutzt. Er karikiert die Menschen, die immer aufs Neue versuchen sich selbst in besseres Licht zu setzen und sei es, indem sie andere schlecht reden.

Hintergrund sind auch Machtfragen in Korinth: Da gab es neben Paulus noch andere Predigerinnen und Prediger. Sie traten anders auf als er. Sie predigten mit Macht und Stärke und tiefen geistlichen Erfahrungen. Ihr Stil war komplett anders als bei Paulus. Und sie hinterließen damit einen großen Eindruck.

Paulus findet es in Ordnung, dass es viele unterschiedlichen Predigerinnen und Prediger gibt, die auch unterschiedlich auftreten. Da hat er kein Problem. Aber dieses sich selber groß machen, sich selbst aufzuwerten und andere abzuwerten. Das ist nicht sein Ding.

Sich selber rühmen, das ist für ihn Narretei und damit ist er bei uns, eine Woche vor Fastnacht angekommen. Narretei, ein bisschen Verrücktheit, ein bisschen Übermut, kann Spaß machen, kann das Leben bereichern. Aber wenn die Narrheit regiert, läuft etwas falsch.

Narrheit beginnt dort, wo ich meine Schwächen übersehe und meine Stärken groß herausstelle. Narretei ist es, wenn ich mehr sein will als ich bin und nicht den Wert dessen erkenne, dass ich mich in Gemeinschaften einbringen kann.

Die ChristInnen in Korinth sind begeistert von dem Eindruck, den die Missionare hinterlassen haben, die mit ihren spirituellen Erfahrungen, ihren geistlichen Erlebnissen prahlten. Paulus spürt, dass sie einer normalen Argumentation nicht mehr zugänglich wären. Darum provoziert er sie mit der eigenen Person. Auch seine eigenen Gottesbegegnung, die er seltsam distanziert erzählt als beträfe sie ihn gar nicht, aber darum geht es ihm: Solche Dinge sind weder vermittelbar noch teilbar.

Die hohe Kunst der Selbstinszenierung ist seit diesem Brief längst in den Gemeinden und in der Kirche angekommen.

Und so gilt auch in der Kirche: Schwäche ist schlecht. Man möchte gut erscheinen, groß, als kompetenter Gesprächspartner für Wissenschaft, Politik und Kultur. Denn so kann man Einiges beitragen, dass die Schwachen und Bedürftigen eine Stimmer erhalten im Konzert der Menschen, die etwas zu sagen haben.

Das ist gut und wichtig und bringt uns zugleich in die Gefahr belanglos zu werden, eine der Stützen der Gesellschaft, die da sind ohne zu wissen, wofür und warum. So kann es aller Narretei gehen. Der Karneval wurde mal gegründet als Institution des Spotts, der politischen Opposition, so wie Paulus zu Beginn unseres Abschnittes spottet. Aber Spott, Ironie und Satire können schnell verharmlost werden, können zum Ventil werden. Dann haben zwar alle eine Bühne, aber hören auf ernstgenommen zu werden.

Paulus hat ein besonderes Wort Gottes gehört: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Dieses Wort Gottes ist für ihn eine Gnadengabe. Es zeigt ihm, wie er leben kann. Trotz aller seiner Schwächen. Manche vermuten, er sei krank gewesen. Epilepsie oder Ähnliches. Sicher ist, dass er trotz seiner Predigterfolge nicht der strahlende Held war, weder übermäßig begabt in Rhetorik noch von beeindruckender Statur. Er war eher ein kleines Licht, aber er hatte Erfolg, vielleicht weil er sich nicht auf seine Fähigkeiten verließ, sondern auf Gottes Gnade.

Glauben und leben heißt für ihn auch: Ich sage Ja zu meinen Schwächen. Und genau das muss ich vielleicht auch lernen. Ich darf zum Narren werden um Christi willen. Ich darf sein wie ich bin und muss nichts Besseres sein wollen – und ich darf mir Gottes Zuwendung gefallen lassen.

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