Geheimnisse erwünscht

Predigt über 1. Korinther 2, 1-10
gehalten in Hannover-Herrenhausen am 14.1.2018

Geheimnis – ein gesellschaftliches Phänomen, so lautet eine Ausstellung, die zurzeit im Schloss Herrenhausen besichtigt werden kann. Es geht dabei um das Wechselspiel von Transparenz und Schutz, um Macht und Vertrauen. Oft wird in Diskussionen unserer Zeit das Wort Transparenz benutzt und eingefordert. Möglichst alle Schritte eines Entscheidungsprozesses sollen offen gelegt werden, sollen nachvollziehbar sein und von möglichst vielen verstanden werden. Zur gleichen Zeit werden die Schutzräume immer geringer und gibt es auch zu Recht die Klage über die immer größer werdenden Möglichkeiten, das Privatleben von Menschen zu durchleuchten. Jeder Mensch, der heute etwa das Internet benutzt, auf google nach Auskünften sucht, macht sich damit auch selbst transparent, durchschaubar. Von sozialen Medien mal ganz zu schweigen. Aber auch jede Versicherung weiß sehr viel über uns, auch über unser Privatleben und in vielen anderen Bereichen bietet der Schutz der Privatsphäre zumindest immer wieder reichen Stoff für Diskussionen.
Als jemand, der ab und zu einmal an Entscheidungen beteiligt ist, weiß ich, wie anstrengend das ist, immer transparent zu sein. Das kann gar nicht vollständig gelingen, weil allzu häufig die Einzelheiten von Entscheidungen gar nicht allen zugänglich gemacht werden können. Der Ruf von unbedingter Durchsichtigkeit hat etwas Anstrengendes und offenbart einen Verlust an Vertrauen. Als alle noch wussten, dass die Milch von der Kuh kommt und der Bauer die Kuh ordentlich melkt, gab es noch keinen gläsernen Bauernhof. Das hat sich geändert. Heute werben große Betriebe damit, dass sie völlig durchschaubar sind, ein großer Bio-Milch-Produzent nennt sich gar Gläserne Molkerei.
Ich bin grundsätzlich skeptisch gegenüber solcher absoluten Transparenz. Es ist wahrscheinlich ein Merkmal unserer Zeit, dass es immer mehr notwendig wird, möglichst alles offen zu legen. Damit verliert eine Gesellschaft aber auch das grundlegende Vertrauen in viele Abläufe und in die Tragfähigkeit von Entscheidungen.
Das Geheimnis gehört zum Zusammenleben dazu. Es ist mehr als ein notwendiges Übel. Ohne Geheimnisse würde das Zusammenleben von Menschen kalt und berechenbar. Eine völlige Transparenz wäre für mich ein Horrorbild. Menschen müssen sich Geheimnisse bewahren können, um das Leben gestalten zu können.
Weil Gott ein Mensch geworden ist, kommt der Glaube nicht ohne Geheimnis aus. Es gehört zum Wesen unseres Glaubens, dass erst im Geheimnis Gott ganz zur Welt kommt. Im Geheimnis und durch das Geheimnis.
In der deutschen Sprache gibt es das schöne Bild vom Geheimnis, dem ein Mensch auf der Spur ist. Ein echtes Geheimnis lässt sich nicht im Sinne von Transparenz ergründen. Ihm kann ich nur auf der Spur sein. Kann lesen, was es mir voraus hat. Kann deuten, was es mir zu sagen hat. Ich bin dann fast so wie ein Detektiv, der die Zeichen zu deuten versucht.
So legt es auch Paulus seiner Gemeinde in Korinth nahe, wenn er im 2. Kapitel des 1. Korintherbriefs, dem heutigen Predigttext, schreibt:
„Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“
Das Geheimnis Gottes lässt sich nur umschreiben. Paulus versucht es zu erfassen mit seinen Worten. Er kreist um dieses Geheimnis ohne es ganz zu lüften. Dann hätte es nämlich alle Kraft verloren. Wer nur vordergründig nach Transparenz verlangt, greift zu kurz, wenn es um das Geheimnis des Lebens und auch des Glaubens geht. Am Beispiel der Liebe zwischen zwei Menschen lässt sich das leicht nachvollziehen. Dietrich Bonhoeffer hat das wunderbar einmal so formuliert: „Das Geheimnis bleibt Geheimnis. Es entzieht sich unserem Zugriff. Geheimnis heißt aber nicht einfach, etwas nicht wissen.
Nicht der fernste Stern ist das größte Geheimnis, sondern im
Gegenteil, je näher uns etwas kommt, je besser wir etwas
wissen, desto geheimnisvoller wird es uns. Nicht der fernste
Mensch ist uns das größte Geheimnis, sondern gerade der
Nächste. Und sein Geheimnis wird uns dadurch nicht geringer,
dass wir immer mehr von ihm wissen; sondern in seiner Nähe
wird er uns immer geheimnisvoller. Es ist die letzte Tiefe alles
Geheimnisvollen, wenn zwei Menschen einander so nahe kommen, dass sie einander lieben.“
Geheimnis hat nichts damit zu tun, etwas absichtlich verstecken zu wollen. Es geht auch nicht darum, einen Code herauszufinden und das Geheimnis zu enttarnen oder zu dechiffrieren. Je mehr ich in eine Liebe eintauche, desto größer wird das Geheimnis. Je mehr ich meinem Glauben auf der Spur bin, desto größer wird auch das Geheimnis des Glaubens. Es wird nicht aufgehoben. Es wäre falsch, das zu erwarten.
So wie Paulus es beschreibt, macht mir das Mut. Ich kann so wie er versuchen, das Geheimnis zu lesen. Es auf mich wirken zu lassen. Es zu deuten, es staunend anzuschauen, seine Spuren u deuten. Dazu gehört die wichtige und grundlegende Bereitschaft, mich auf das Kreuz einzulassen. Paulus betont, dass er niemanden kennt als Christus, den gekreuzigten. Das ist Mittelpunkt des Glaubens, Dreh und Angelpunkt, Kern des Geheimnisses. Unergründlich weil ohne Grund, nicht auszuloten, nicht zu ermessen oder gar mit Logik zu verstehen.
Das Geheimnis von Gott erkenne ich im Blick auf das Kreuz und auf das, was dahinter ist. Vielleicht bleibt eben dann etwas von dem am Kreuz hängen, was mich belastet und manchmal sogar erdrückt.
Für mich ist genau das die Botschaft, die im Mittelpunkt stehen muss. Wir reden in der Kirche vom Kreuz. Nicht aus Freude am Leiden. Nicht, weil wir depressiv veranlagt sind. Nicht weil wir gerne mit saurer Miene durch die Gegend laufen.
Der einzige Grund dafür ist, dass Gott sich an das Kreuz gebunden hat. Das hat Paulus von Anfang an stark gemacht, alle Strapazen auf sich zu nehmen, um diese Botschaft der Befreiung weiter zu sagen. Dabei war er als Person nun alles andere als strahlend und auf den ersten Blick überzeugend. Einer, der wohl kein glänzender Redner war, der äußerlich unscheinbar, wenn nicht gar hässlich war. Ein gebrechlicher Mann mit Krankheiten. Kein Showstar und alles andere als ein brillanter Redner. Als Pastor heute hätte er es sicher schwer. Dafür aber hatte er in sich eine Gewissheit und Kraft, die alles andere in den Schatten stellte. Er wusste um das Geheimnis Gottes. Ein Geheimnis, das sich den Klugen und Weisen dieser Welt nicht unbedingt erschließt. Ein Geheimnis, das um das Scheitern von Menschen weiß. Ein Geheimnis, das um die Schwäche und Traurigkeit von Menschen weiß. Ein Geheimnis, das sich nicht anders zeigen kann als im Kreuz. Ein Geheimnis, das sich nicht einfach entschlüsseln lässt, sondern Geheimnis bleibt.
Ich glaube, dass wir dieses Geheimnis im Mittelpunkt unserer Kirchen und Gemeinden brauchen. Von diesem Geheimnis aus wird sich immer wieder die Kraft entwickeln, die nach außen wirkt. Vom Kreuz her werden sich Wege finden, in unsere Gesellschaft hinein. Wege zu den Menschen, die unserer Kirche nahe sind und Wege zu denen, die sich eher fern fühlen. Für die Zukunft unserer Kirche kommt es nicht auf saubere Strategien an, sondern auf diesen Kern.
Das Geheimnis zu wahren, gehört zu den grundlegenden Rechten von Menschen. Als Kirche ist es unsere Aufgabe, uns für ein Recht auf Geheimnisse einzusetzen, vor allem gegenüber denen, die immer alles ungeschminkt offen legen wollen. Sicher muss klug unterschieden werden, wo Prozesse nachvollziehbar sein müssen. Es geht mir nicht um Geheimdiplomatie oder gar um Verschleierung. Schon gar nicht um geheimes Herrschaftswissen. Ich meine aber, es gehört zur Würde des Menschen, dass es in ihm und zwischen Menschen Geheimnisse gibt, die besser gewahrt werden. In einer Gesellschaft, die nur von Transparenz lebt, ist dafür kein Platz. Eine solche Gesellschaft wird inhuman.
Unser Glaube trägt in seinem Innersten ein Geheimnis, das Tod und Leben miteinander verbindet. Er trägt das Geheimnis eines Gottes, der fern und nah zugleich ist. Und er trägt in sich das Geheimnis der Stärke und Kraft, die sich in der Schwäche zeigt. Darum können wir gar nicht anders als auf die Verletzlichen und Schwachen zu schauen und ihnen nahe zu sein. Wir können nicht anders als Gott da zu suchen, wo er ganz fern zu sein scheint. Dabei werden wir erleben, dass das Geheimnis Gottes sich nicht auflöst, je näher wir ihm kommen. Gott hat uns offenbart, dass er sich im Geheimnis zeigt. „Wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist“, sagt Paulus.
Vielleicht lohnt es sich ja, einmal mit diesen Augen die Ausstellung im Herrenhäuser Schloss zu besuchen und zu fragen, welchen Wert das Geheimnis hat. Ich wünschte mir, dass wir miteinander den Geheimnissen des Lebens auf der Spur bleiben und vor allem dem Geheimnis des Glaubens. Es ist eine Spur, die zum erfüllten Leben führt, da bin ich ganz sicher. Amen.

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