Da dachte ich: ich – nicht man – ich könnte an ein Kreuz glauben (1.Korinther 2, 1-10)

Nennen wir ihn Arthur, zwölf Jahre alt, er ist frisch gebackener Konfirmand oder angehender Täufling, das ist nicht so wichtig. Heute besucht er zum ersten Mal allein einen Gottesdienst, weil er neugierig ist (ein bisschen jedenfalls), aber auch weil er muss, als Konfirmand oder Täufling. Vielleicht ist er vorher schon ein paar mal mit den Eltern oder Großeltern in der Kirche gewesen, vielleicht aber auch nicht. Das kann man bei jungen Leuten heute nicht mehr so genau wissen. Was er erlebt hat, überschreibt er später mit den Worten: und sie fingen an ausländisch zu singen. Das bezog sich wohl auf das „Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison“ in der Liturgie meiner Kirche. Woher sollte er auch wissen, dass das ein griechischer Ruf ist, der so im Neuen Testament begegnet, mit dem beispielsweise Jesus um Hilfe gebeten wird oder überhaupt in der griechischen Antike dem Herrscher gehuldigt, um sein Erbarmen gebeten wurde. Das hatte Arthur keiner erklärt, ihm auch nicht gesagt, dass so etwas und noch viel mehr in der Kirche gesungen wird und obwohl nach seinem Empfinden im Gottesdienst erst die eine Hälfte und dann die andere Hälfte der ganzen Bibel vorgelesen und vom Pfarrer erklärt wurde, hatte er das nicht wirklich verstanden. Ganz schön geheimnisvoll für Außenstehende oder Anfänger, was da gemacht wird, so scheint es.
Aber ob Paulus dass gemeint hat, als er von den Geheimnissen geredet hat, dass man eingeweiht werden muss in eine Geheimsprache und in Geheimhandlungen, um dazu zugehören, möchte ich bezweifeln. Kinder entwicklen oft Geheimschriften und Geheimsprachen für ihre ganz geheimen Zirkel, die sie gründen als wilde Kerle oder wilde Hühner oder wie auch immer. Wir aber haben den Auftrag klar und verständlich von dem zu reden, was wir glauben, worauf wir vertrauen, was uns als Geschenk im Evangelium, in der guten Botschaft von der zurechtbringenden Liebe Gottes, geschenkt ist (auch wenn das jetzt auch schon wieder ein wenig wie eine Formel klingt, die in unterschiedlichen Variationen immer wieder einmal verwendet wird – das geht übrigens auch gar nicht anders: Das Evangelium bleibt sich zu allen Zeiten treu und bleibt gültig und kann daher nur in Variationen aus den gleichen Grundtönen immer wieder verkündigt werden). Dem Volk sollen wir aufs Maul schauen. Aber ich habe auch die Verpflichtung mit meiner Sprache verantwortlich umzugehen, nicht auch der Verrohung, Verarmung und Entkräftung der Worte Vorschub zu leisten. Ich kann nicht alles in Dreiwortsätze packen und auch nicht alles in zwanzig Sekunden sagen, nur weil es nicht mehr zumutbar scheint, zu lesen und zu hören. Aber es hilft, mich hin und wieder in die Lage derjenigen zu versetzen, die ungeübt in unsere Gottesdienste kommen, um behutsam mit ihnen umzugehen und dennoch nicht mit zu vielen Erklärungen kaputt zu reden, was sich nicht erklären, sondern nur feiern lässt, zum Beispiel das Geheimnis des Glauben und das offenbare Geheimnis, das wir Gott nennen, den ich eben manchmal nicht erklären, sondern nur loben und besingen oder zu dem ich nur klagen und rufen kann.…
Aber einfache Sprache muss ja nicht einfache Inhalte bedeuten. Das Schwere leicht zu sagen ist eine große Kunst. Und da kann es zu vielen Missverständnissen kommen. Im Jahr 2009 sollte der im Iran geborene deutsche Schriftsteller Nawid Kermani den Hessischen Kulturpreis verliehen bekommen. Wer diesen nicht kennt, der sollte einmal seine Betrachtungen zu christlichen Kunstwerken lesen, die unter dem Titel „ungläubiges Staunen“ veröffentlicht wurden, wobei sich die Charakterisierung „ungläubig“ auf seinen Status als Nichtchrist, als geborenen Muslim, bezieht, der sich aber der Botschaft christlicher Werke und Kunst als auf seine Weise frommer, gottsuchender Mann nicht entziehen kann. Auf Intervention der römisch-katholischen und protestantischen Seite in Gestalt hochrangiger Kirchenvertreter wurde ihm damals der schon zugesagte Preis kurzfristig wieder aberkannt.
Was war geschehen? Manche haben spät Zeitung gelesen und dabei auch einen Artikel Nawid Kermanis in der Neuen Züricher Zeitung entdeckt, in dem er über das Kreuz in der christlichen Kunst, besonders über das Kreuzigungsbild Guido Reni´s in der Basilika San Lorenzo in Lucina schreibt. Da hatte er den provozierenden Satz formuliert: „Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt.“ Ja, er wurde noch schärfer: „Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie (Verehrung von Götzenbilder)“, um dann aber in der Basilika San Lorenzo in eine ganz andere Sicht des Kreuzes zu münden: Guido Reni führe „das Leiden aus dem Körperlichen ins Metaphysische über. Sein Jesus hat keine Wunden. Er blickt in den Himmel, die Iris aus dem Weiß des Auges beinah verschwunden: Schau her, scheint er zu rufen. Nicht nur: Schau auf mich, sondern: Schau auf die Erde, schau auf uns. Jesus leidet nicht, wie es die christliche Ideologie will, um Gott zu entlasten, Jesus klagt an: Nicht, warum hast du mich, nein, warum hast du uns verlassen?“ Vor dem Altarbild, schrieb Kermani weiter, fand er den „Anblick so berückend, so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben.“
Nun kann man darüber streiten, ob ihm damit das Kreuz schon zu einer Kraft geworden ist, die selig macht. Aber wahrscheinlich hat der Muslim Kermani in diesem Augenblick vom Kreuz eine tiefere Wahrheit erkannt als all die, die es lediglich als Schmuckstück oder als Talismann und Glücksbringer tragen. Er hat gewissermaßen in unserer Zeit unter Kirchenfunktionären ein beredtes Beispiel dafür gegeben, dass das Kreuz immer noch den einen ein Torheit und den anderen ein Skandal ist und dass wir alle zusammen wohl nie fertig werden damit, dass Gott nicht nur Mensch geworden ist – dieser Gedanke aus der Epiphaniaszeit ist ja schon unerhört genug. Gott ist eben nicht nur im Himmel und wir Menschen auf Erden, Gott ist nicht nur der ganz andere, von dem wir nicht reden können, sondern auch einer von uns, geboren von einer Frau und gestorben in einer Zeit und an einem Ort, den man bestimmen kann. Mensch aus Fleisch und Blut, Kind seiner Zeit und zugleich Gott unter uns aus aller Ewigkeit: unerhört, eine Torheit, ein Skandal, was für eine Kraft dem Glauben im Leben und im Sterben.
Kermani hatte vielleicht ungewollt auch gezeigt, was für eine Kraft das Kreuz hat: die Kraft zum Beispiel, Gott an der Seite der Leidenden zu zeigen. Den Schreien der unzählig unschuldig Leidenden und zum Schweigen Gebrachten eine machtvolle Stimme durch die Zeiten hinweg zu verleihen. Gott ist da, wenn alle Menschen schon längst weggelaufen sind oder wegschauen, weil sie das Leid und das Elend nicht mehr aushalten. Er ist da, wenn den Menschen noch nicht eimal mehr gelingt aus der Tiefe ihrer Verzweiflung nach Gott zu schreien. Gott ist im stummen Schrei der Gequälten und Gepeinigten. Er will nicht Opfer, er ist das Opfer aller Ungerechtigkeit und aller Gewalt, er ist derjenige, der das aushält und trägt, der es auf sich nimmt, was Menschen Menschen bis heute antun können. Er zieht sich nicht elegant aus der Affäre mit wohlfeilen Entschuldigungen oder klugen Winkelzügen. Er macht sich zum Opfer menschlichen Versagens und Grausamkeit. Er verurteilt nicht, sondern zeigt höchste Sympathie: er leidet mit.
Das widerspricht natürlich all unserer Logik. Deswegen ist es eine Torheit und ein Skandal und die Leute fragen bis heute zu recht: was ist das für ein Gott ? Fragen wir das nicht manchmal ratlos oder staunend auch? Anders kann man im Angesicht des Kreuzes gar nicht fragen! Und das ist noch keine Gotteslästerung, sondern kann der Anfang einer ganz neuen Gottesbeziehung sein. Er zeigt ein ganz neues Gesicht. Gott ist so ganz anders als wir ihn gerne hätten, als wir ihn manchmal glauben, aber damit auch unschädlich zu machen hoffen, ihn meinen neutralisieren zu müssen, damit er sich nicht zu sehr in unsere Verhältnisse einmischt. Er soll mich nicht zu sehr in meinem Privatleben stören, mit Regeln, die gut gemeint, aber im Alltag so unpraktisch sind, und er soll auch die Mächtigen, die Regierenden, die Verantwortungsträger nicht zu sehr irritieren mit einer Kirche, die von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung träumt und damit nicht bis in die Ewigkeit warten will. Heute leiden Menschen unter Menschen und unter den Verhältnissen, heute verspottet und verhöhnt die Übermacht der Ungerechtigkeit Gott am laufenden Band, heute werden Kreuze aufgerichtet und Menschen wem oder was auch immer geopfert: dem Erfolg, der Macht, den wirtschaftlichen Interessen, der Lüge, dem Krieg… die Liste ist lang
Und die Rede ist dann immer die gleiche:
mit dem Evangelium kann man doch keine Politik machen, wie naiv seid ihr denn…
ruft mal nach eurem Gott, ob der euch hilft; wir sorgen lieber allein für uns …
Der Glaube ist nur etwas für die Schwachen … vielleicht für Frauen und Kinder
Der Glaube sollte schön privat und nur auf das Seelenheil beschränkt bleiben
Aber wir können doch gar nicht anders, als immer wieder für uns und für die ganze Welt durchzubuchstabieren, was Menschwerdung heißt, auch was für Menschen wir werden und sein dürfen um Christi willen.
Und wir können doch gar nicht anders, als immer wieder durchzubuchstabieren, wie das aufgerichtete und verkündigte Kreuz allen Macht- und Gewaltansprüchen, allem Zweifel an Gottes Gerechtigkeit angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt, aller Todverfallenheit, der wir uns nicht entziehen können, einen Strich durch die Rechnung macht.
Gott durchkreuzt all das, was beansprucht schon immer gegolten zu haben und für Ewigkeit gültig zu bleiben. Ewig ist nur Gottes Wahrheit, seine Gerechtigkeit und sein Leben. Auf diese Spur setzt uns das Kreuz.
Da schütteln wir  manchmal den Kopf, da zweifeln wir manchmal, da bleibt uns manches verborgen. Aber am Ende trägt es uns im Leben und im Sterben, es stärkt uns da, wo wir stehen und Verantwortung tragen.
Was für ein Geheimnis, was für ein Wunder, was für eine Offenbarung, was für eine Eröffnung mitten unter uns. Gott sei Dank. Amen

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