Menschen auf der Suche

Kol 1, 24-29

Die Tempel standen noch, die Opferfeuer brannten noch in Athen, Rom, Delphi. Die Schatzhäuser an den Heiligtümern waren randvoll mit den Opfergaben der Wallfahrer. Doch es zeigte sich, dass mit den Göttern der griechischen und römischen Welt kein Staat mehr zu machen war. Götter, die, wenn es hoch kam, gerade einmal den Olymp besiedeln konnten und im Übrigen den Himmel sich selbst überließen. Götter, deren Eigenschaften ins heldenhafte übersteigert waren genauso wie ihre Chrakterschwächen. Ein Spiegelbild der Menschenwelt nur vergrößert im Guten wie im Schlechten. Deren Götterbote Hermes mit seinen Botschaften etwa so zuverlässig war wie der Engel Aloisius, der einer verlässlichen Quelle zufolge mit seiner Botschaft an die Bayrische Staatsregierung im Hofbräuhaus hängen geblieben ist.

Ganz offensichtlich fanden die Menschen der damaligen Zeit in all dem, was da geboten wurde und zur Schau gestellt war, nicht mehr das was sie suchten. Sie waren erlebnishungrig, wollten spüren, fühlen, schmecken, sehen, riechen. Sie waren des rein diesseitigen, des Machbaren, Zählbaren, Belegbaren müde. Und so gab es eine reiche Blüte an Kulten und Gemeinschaften, eine bunte Palette, wo es kaum etwas gab, was es nicht gab. Die einen schworen auf Askese und die anderen huldigten dem rauschhaften Erleben des Dionisoskultes.

Wenn wir heute die Verse aus dem Brief an die Kolosser lesen. Müssen wir uns klar machen, dass sie eine Antwort sein wollen auf die Bedürfnisse und Bestrebungen der Menschen der damalige Zeit und genau auf diese weltanschauliche Großwetterlage reagieren. Diese Antwort ist grundlegend und muss uns kann auch für uns eine wegweisende Antwort sein.

Auch unsere Tage sind davon gekennzeichnet, dass sich vieles im Umbruch befindet und die Menschen sich in ihrer alltäglichen Lebensgestaltung nicht mehr heimisch fühlen. Die Welt um uns herum verändert sich rasant. Entwicklungen und Veränderungen, die in früheren Zeiten Generationen beanspruchten verlaufen in wenigen Jahren. Die Traditionen, die noch vor einer Generation ungefragt gültig waren, haben ihre Bedeutung verloren. In einer grenzenlosen Selbstüberforderung muss sich jeder jeden Tag neu erfinden, entscheiden, orientieren. Wie Münchhausen müssen wir uns am eigenen Schopf aus dem Morast ziehen. Damals wie heute ist aber die Sehnsucht des Menschen ungebrochen. Die Sehnsucht nach Sinn, Erfüllung, man kann es auch Glück nennen, Zugehörigkeit, Geborgenheit, Heil, Heilung (Gesundheitsideen – Apothekenumschau 9,53 Millionen Exemplaren „Apotheken Umschau“ ist – nach der Mitgliederzeitschrift ADAC Motorwelt (Auflage 13,7 Millionen Exemplare) – Deutschlands auflagenstärkstes Magazin.), Wohlbefinden, Behausung, Trost und Hoffnung über den Tag hinaus. Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Krisen kommen solche Sehnsüchte an die Oberfläche. Und sie sind berechtigt. Sie sind wesentlich.

Welche Antwort gibt der Kolosserbrief im Blick auf die Fragen und Sehnsüchte der Menschen seiner Zeit? Welchen Auftrag sieht der Apostel in diesem Zusammenhang für sich? Was bedeutet es für unsere eigene Vorstellung und Praxis unseres Glaubens?

Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes. Das Heil liegt nicht in irgendwelchen Energieströmen, sondern in der persönlichen Begegnung mit ihm. Es geht nicht darum in Einklang zu kommen mit sich und der Welt in immerwährender Harmonie, sondern um den Wert meiner Person, der mir in Christus zu geteilt wird.

Es geht um das Geheimnis, das Gott in diese Welt hineingelegt hat. Für das es kaum Worte gibt, aber das doch so grundlegend ist. Dass er der Ewige in der Zeit erfahrbar ist. Dass er da ist. Das ist sein Name: Ich bin da. Dass er aber auch nicht aufgegangen ist oder gar untergegangen in der Welt, sondern der bleibt, der er ist. Für uns. Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber. Die ganze Schöpfung, jede Zelle, jedes Molekül, jede Galaxis ist durch ihn gewürdigt und wertgeschätzt. Er treibt auch keine unreifen Verwirrspiele und Possen mit seinen Menschenkindern, wie es die Götter der Antike getan haben. Wir können, sollen wissen, wie wir mit ihm dran sind, wo wir ihn finden. In Windeln gewickelt, mit den Menschen am Tisch, bei den Geschlagenen, dort am Kreuz und den Totenbinden entstiegen am Ostermorgen.

Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. Christus soll in uns Gestalt annehmen. Mit der unermessliche Reichtum seiner Barmherzigkeit will er in uns ganz da sein. Das volle Gewicht der göttlichen Wirklichkeit soll für uns spürbar sein. Die Idee, dass der Mensch einen göttlichen Funken in sich trägt, ist im Vergleich zu dieser Überzeugung lächerlich.

jeden Menschen in Christus vollkommen machen Wir haben hier zwei Möglichkeiten: Entweder sagen wir: Paulus du hast sie nicht alle. Du bist wohl übergeschnappt. Oder wir glauben es. Glauben, dass Christus Menschen verändert. Von Grund auf, in ihrem ganzen Wesen neu macht, durchdringt, befreit, beglückt, erfüllt, heiligt. Wenn wir das nicht glauben, dann sollten wir es lieber ganz bleiben lassen mit dem Christsein. Denn was sollte es dann für einen Wert haben.

in seiner Kraft, die mächtig in mir wirkt.“ Christsein ist keine Weltanschauung. Christsein ist nicht das nachplappern irgendwelcher Richtigkeiten. Das Nachsagen irgendwelcher Sätze so lange bis wir sie selber glauben. Es geht darum, dass dieser Glaube eine Wirkung auf uns, an uns und durch uns hat.

Christus hat den Menschen etwas zu bieten. Auch den Menschen unserer Tage und vor allem und gerade denen, die mit Kirche nichts anzufangen wissen, die nicht mehr wissen, wie man betet und warum dies vernünftig ist, die keine Ahnung haben, was Christsein bedeutet. Wir sind ihnen das schuldig. Nicht, in dem wir ihnen fertige Antworten vorsetzen, sondern in dem wir uns ihren Fragen stellen und mit ihnen gemeinsam die Bedeutung des Christus neu entdecken und erfahren. Gemeinde der Glaubenden und Suchenden. Manches mal sind wir selber beides glaubend und suchend.

Wie kann die Kraft Christi in uns wirksam werden? Wie können wir diese Kraft erfahren? Wie finden wir Zugang zu dieser Kraft?
Sie erschließt sich uns in einem einzigen Wort. Dieses Wort heißt: DU

In dem wir uns an ihn wenden. In dem wir ihn anrufen. Nicht einmal, oder hin und wieder, sondern beständig. Es ist die Begegnung mit ihm, die uns verwandelt und uns erneuert in seiner Kraft.

Oder wir sagen: Kyrie eleison – Herr erbarme dich.

Amen

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