Was Mareike nicht weiß

Liebe Gemeinde,

Mareike ist in den meisten Fächern eine mittelmäßige Schülerin. Sie kann eigentlich nichts besonders gut.  Sie ist mäßig sportlich, durchschnittlich musikalisch, und Kunst ist nicht ihr Ding.
Der Fluch der Mittelmäßigkeit. Mareike leidet darunter. Sie würde gerne wenigstens in einer Sache herausragend sein. Wie Imke, die so gut Geige spielt, dass sie bei „Jugend musiziert“ gewonnen hat. Oder wie Tom, der super Basketball spielt. Man hat ihm schon in der Middleschool ein Collegestipendium angeboten.
Wenn sie wenigstens besonders hübsch wäre oder ihre Eltern reich! Aber nein, an ihrem Leben ist alles durchschnittlich. Urlaube in exotische Länder oder aufregende Vergnügungsparks? Fehlanzeige.

Mareike weiß, sie kann eigentlich zufrieden sein. Sie hat zwei liebe Freundinnen, Anna und Beate, Eltern, die sie lieben, eine kleine Schwester, mit der sich versteht, naja, meistens, und einen Großvater. Den liebt sie sehr. Nur in der Schule, da ist sie nicht besonders beliebt. Nie hat man sie für die Wahl des Klassensprechers vorgeschlagen. Und wenn im Sport die Mannschaften gewählt werden, dann bleibt sie immer bis fast zuletzt sitzen, ehe man sie auswählt.
Mareike wäre gern etwas Besonderes!

Mareike geht sonntags mit ihrer Familie in die Kirche. Sie geht gerne, die Leute dort sind immer nett zu ihr. Der Kindergottesdienst, in den sie viele Jahre gegangen ist, hat Spaß gemacht. Auch den Konfiunterricht fand sie oft spannend. Seitdem sie konfirmiert ist, sitzt sie im großen Gottesdienst, bei den Erwachsenen. Manchmal findet sie, es wird zu viel geredet. Und die Musik gefällt ihr auch nicht immer. Warum spielt keine Band?
Ihre Klassenkameraden wissen, dass sie zur Kirche geht. Die Lehrerin hatte im Religionsunterricht gefragt. Da hat sie sich gemeldet. War wohl ein Fehler! Nun machen sich einige ständig über sie lustig. „Uh, da kommt unsere heilige Mareike.“ Dann wird sie rot, und weiß nicht, was sie sagen soll. Einmal hat sie gemurmelt: „Quatsch, ich muss dahin, meine Eltern wollen das.“ Und so wirklich sicher ist sie sich auch nicht, ob das alles so stimmt mit diesem Jesus und ob Gott wirklich bei ihr ist.

Oft liegt Mareike wach, schaut aus dem Fenster in den Sternenhimmel und fühlt sich so klein und unbedeutend. „Ich kann nichts, ich bin nichts“, denkt sie.

 

Was Mareike nicht weiß: Ihre Eltern hatten sich lange sehnlichst ein Kind gewünscht, aber es klappte nicht. Als sie ihren Herzenswunsch fast schon aufgegeben hatten, kündigte sich Mareike an. Ihr Zweitname ist Dorothea, Gottesgeschenk. Oft, wenn ihre Mutter Mareike anschaut, denkt sie: „Gott, ich bin Dir so dankbar für dieses wunderbare Geschenk!“

Was Mareike nicht weiß: Ihre kleine Schwester sieht zu ihr auf und vertraut ihr wie niemandem anderes auf der Welt. Wenn sie nachts Angst hat, klettert sie zur großen Schwester ins Bett und schmiegt sich glücklich an sie. Wenn sie traurig ist, erzählt sie es nur Mareike. Wie man sich anzieht oder eine Schleife macht – das alles hat ihr Mareike beigebracht.

Was Mareike nicht weiß: Ihr Großvater war am Boden zerstört, als seine Frau starb. Seine Tochter und andere versuchten ihr Bestes, ihn aufzumuntern. Aber Mareike war die einzige, die ihm wirklich half, mit dem Verlust zu leben. Obwohl sie damals noch klein war. Sie hat ihn einfach umarmt und ins Ohr geflüstert: Ich hab dich lieb. Und dann hat sie gefragt: Spielen wir etwas? Und hat Karten für drei ausgeteilt. Und der Opa wusste ohne zu fragen: der dritte Stapel war für die Oma. Noch immer besucht ihn Mareike oft und umarmt ihn. Und vertraut ihm ihren Kummer an. Dann freut er sich, dass er ihr Vertrauter ist. Und stolz ist er auf sie, weil sie in seinen Augen die Hübscheste ist und Klügste ist. Wenn sie weg ist, dann erzählt er jedem, der es wissen will oder auch nicht, von seiner wunderbaren großen Enkelin.

Was Mareike nicht weiß: Ihre Freundin Beate beneidet sie. Sie hat keinen Vater, auch keine Geschwister. Mit der Mutter gibt es oft Streit. Was würde sie darum geben, eine „richtige“ Familie zu haben wie Mareike. Oft lädt Mareike sie zum Abendessen ein, wenn sie nachmittags zusammen waren. Das sind die Höhepunkte der Woche für Beate. Sie bewundert Mareike, weil die so freundlich zu ihrer Familie ist und sie miteinander so viel lachen. Beate selbst ist meistens schlecht gelaunt. Außer sie ist mit Mareike zusammen. Sie wäre am liebsten wie Mareike.

Was Mareike nicht weiß: Das Ehepaar Marowski freut sich jeden Sonntag sie zu sehen. Sie machen sich schon seit Jahren Sorgen um ihre Gemeinde.  Es gibt nicht viele Jugendliche dort. Aber einmal hat sich Frau Marowski zu Beginn des Gottesdienstes zu ihrem Mann gebeugt und gesagt: Weißt Du, so lange Mareike und die anderen Jugendlichen kommen, habe ich Hoffnung für unsere Gemeinde. Und nun muss Herr Marowski das immer denken, wenn er Mareike in der Kirche sieht.

Was Mareike nicht weiß: Da ist einer, der hat sie genau so gewollt und gemacht, wie sie ist. Mit all ihren kleinen Gaben und den großen, die sie nicht sieht. Mit all den Fähigkeiten, die sie noch entwickeln wird. Und Er sah, dass es gut war.
Da ist einer, der hat Großes mit ihr vor. Er hat sie berufen, wichtige Aufgaben zu erfüllen. Und das Beste ist: Sie ist schon dabei sie zu erfüllen. Aber sie weiß es nicht. Und Er, ihr Schöpfer, der sieht ihr Herz an. Er weiß, dass sie sich schwach und klein fühlt. Doch Gott ist schon kräftig durch sie am Werk. Jeden Morgen, wenn sie aufwacht, dann schaut Er ihr begeistert mit Liebe ins Gesicht. Sie meint, es seien die ersten Sonnenstrahlen, in die ihre Augen blinzeln. Doch das ist Gott, der ihr ein göttliches Tröpfchen seiner Kraft in die Augen träufelt.

 

„Schaut doch euch selbst an, Brüder und Schwestern! Wen hat Gott denn da berufen? Es gibt ja nicht viele unter euch, die nach menschlichen Maßstäben klug oder einflussreich sind oder aus einer angesehenen Familie stammen. Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas sind. Niemand soll sich vor Gott rühmen können.
Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Mit ihm hat er uns alles geschenkt: Er ist unsere Weisheit – die wahre Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott als gerecht bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem heiligen Volk gemacht und uns von unserer Schuld befreit. Es sollte so kommen, wie es in den Heiligen Schriften steht: Wer sich mit etwas rühmen will, soll sich mit dem rühmen, was der Herr getan hat.“

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