Seltsame Heilige

Liebe Gemeindeglieder,

Was ist nach ihrer Meinung eine Heilige, ein Heiliger? Ich frage sie das bewusst als Evangelische! Gibt es für uns überhaupt Heilige?

Ich will diese Frage von drei Seiten beleuchten.

Einen Tag nach „Heilige drei Könige“ beginne ich aus dieser Blickrichtung.

Dabei würde ich gerne einen Vorschlag für die 100.000 € – Frage einer Quiz-Sendung im Fernsehen machen: Wie viele heilige Könige haben nach der biblischen Erzählung Jesus im Stall besucht?

Ich wette, sie sagen „drei“. Dazu vielleicht sogar die Namen: Kaspar, Melichior, Balthasar.

Auch ich freue mich, wenn die Sternsinger an meine Türe kommen, für Kinder in Not sammeln und einen Segensspruch an die Türe malen.

Aber wie ist es mit der biblischen Grundlage? Sie haben sie vorhin in der Lesung gehört. So stark ist unser Bild im Kopf von den „Heiligen drei Königen“, dass sie „drei“ sagen. Aber gehört haben sie nichts von „drei“! Sondern nur: „siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland“. Man hat sich das vielleicht wegen der Geschenke so überlegt. Gold, Weihrauch, Myrre – werden wohl drei gewesen sein. Aber vielleicht waren es ja vier, weil zwei sich den teuren Goldbarren geteilt haben. In der ersten Christenheit gab es auch die Auffassung, es seien 12 gewesen – wie die Jünger.

Aber das Gemeine an meiner 100.000 € Frage war, dass die richtige Antwort „null“ ist. Denn ich habe gefragt: „Wie viele heilige Könige haben Jesus im Stall besucht?“ Da steht aber gar nichts von Königen. Die Rede ist nur von Weisen, wie Luther übersetzt. Wörtlich steht da „Magier“. Das war damals ein Begriff für weise religiöse Männer, die sich auch mit Sternen auskannten.

Aber auch wenn es nach Matthäus keine Könige waren, liegt diese gedankliche Weiterentwicklung doch ganz in der Linie, die Matthäus ziehen will: Seine Weihnachtsgeschichte will so etwas sein wie ein Vorspann in manchem Kinofilm. Da sieht man am Anfang schon, wie das Ganze ausgeht. Der da geboren wird ist der wahre König. Nicht der König Herodes. Alle Welt wird das zum Schluss erkennen. Die Weisen aus dem Morgenland konnten das sogar schon aus den Sternen erkennen!

Aber zurück zu meiner Frage: Es waren also weder „drei“ noch „Könige“. Und es waren auch keine Heilige!

Auch davon steht nichts da.

Zu Heiligen wurden sie erst viel später. Denn als es in der Vorstellung Könige geworden waren, da waren sie die ersten Könige, die Jesus anbeteten. Ein Vorbild für alle Könige. So wurden sie zu Heiligen.

Und noch später, im Mittelalter, bekamen die angeblichen drei Könige auch ihre angeblichen Namen. Kaspar, Melchior und Baltasar.

Und als im Mittelalter die Reliquienverehrung immer größer wurde, da fanden sich irgendwann auch die angeblichen sterblichen Überreste der drei.

Als die 1164 von Mailand nach Köln gebracht wurden, kamen so viele Gläubige nach Köln, dass der alte Dom zu klein wurde. So wurden sie zum Anlass den heutigen Kölner Dom zu bauen.

Was sind für sie Heilige?

Die erste Blickrichtung: Für sie als Evangelische vermutlich nicht drei angebliche Heilige Könige, zu deren Gebeinen man pilgert.

Wir sind halt Kinder der Reformation. Mit Luther sind wir zurückgekehrt zu der ursprünglichen Bedeutung von „Heiligen“. So, wie auch Paulus von Heiligen gesprochen hat. Das ist für mich die zweite Blickrichtung.

Jeder Anfang eines Paulusbriefes zeigt, was für ihn Heilige sind. Etwa der Anfang unseres heutigen Briefes:

„Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, … an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die … berufenen Heiligen …“ (1Kor1,1f)

Für Paulus ist jeder getaufte Christ ein Heiliger, ein zu Gott gehöriger, denn: „heilig“ heißt „zu Gott gehörig“.

Und heilig heißt deshalb nach Paulus noch lange nicht vorbildlich oder sogar perfekt. Das macht unser heutiger Predigttext ganz deutlich: (1. Kor 1,26-31)

26 Schaut doch euch selbst an, Brüder und Schwestern! Wen hat Gott denn da berufen? Es gibt ja nicht viele unter euch, die nach menschlichen Maßstäben klug oder einflussreich sind oder aus einer angesehenen Familie stammen.

27 Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen.

28 Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas ’sind‘.

29 Niemand soll sich vor Gott rühmen können.

30 Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen.

Mit ihm hat er uns alles geschenkt: Er ist unsere Weisheit – die wahre Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott als gerecht bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem heiligen Volk gemacht und von unserer Schuld befreit.

31 Es sollte so kommen, wie es in den Heiligen Schriften steht: »Wer sich mit etwas rühmen will, soll sich mit dem rühmen, was der Herr getan hat.«

Es sind echt seltsame Heilige, die Gott sich da ausgesucht hat, dass sie an ihn glauben. Leute wie mich, Pfarrer mit unterirdischem Namensgedächtnis, Leute wie sie, mit dem was sie nicht gut können, obwohl es wichtig wäre.

Was soll da nur draus werden? Antwort: Seine Kirche!

Aber gibt es neben diesen beiden Blickrichtungen nicht vielleicht doch noch eine dritte? Zwischen der damaligen katholischen Verehrung von Reliquien und dem evangelischen „wir sind alle gleich“?

Als die Reformatoren versuchten, im Augsburger Bekenntnis ihren Glauben zu beschreiben, da ging es auch darum, wie sie es mit den Heiligen hielten. Da heißt es natürlich: „Aus der Heiligen Schrift kann man .. nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll.“So weit, so klar.

Aber dann kommt etwas, was sie vielleicht überrascht: „Vom Heiligendienst wird … gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, … außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen.“

Das ist doch ziemlich untergegangen. Wie wäre das?

Als ein evangelischer Heiliger fällt mir sofort Bonhoeffer ein. In unserer katholischen Schwesterkirche, St. Maria Empfängnis, steht ein Ausspruch von ihm ganz groß auf einer der Glastüren eingraviert. Und es gibt auch einen ökumenischen Heiligenkalender, in dem an ihn und seinen Todestag erinnert wird.

Und vielleicht gehört er da rein – weil er es selbst nicht wollte. Es gibt einen Brief aus dem Gefängnis, (an Bethge vom 21.7.44) wo er sich erinnert, wie er einmal mit einem jungen Pfarrer darüber gesprochen hatte: „Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden ( – und ich halte für möglich, dass er es geworden ist – ); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen.“

Er meint nicht glauben lernen im Sinne von Theologie oder von „an Wunder glauben“ oder „an die Jungfrauengeburt“. Sondern glauben lernen im Sinne von „lernen, im Vertrauen auf Gott zu leben“.

Das dann allerdings sehr konsequent. In seinem Brief schreibt er:  „Wenn man völlig darauf verzichtet .. , aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann … – … in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, … – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden (ernst), sondern das Leiden Gottes in der Welt, … das ist Glaube“

Es geht nicht darum, ein Heiliger werden zu wollen, sondern auf Gott vertrauen zu lernen. Und dann das Notwendige, das Not-wendende zu tun.

Und das sind dann nicht nur die großen Heldentaten berühmter Männer und Frauen – wie zum Beispiel Bonhoeffer. Mir fallen da auch aus unserer Gemeinde auf Anhieb eine Handvoll Männer und Frauen ein, die für mich solche Heilige sind. Nicht im Großen, sondern im Alltäglichen!

Wenn die das hören würden, würden die lachen und das weit von sich weisen – wie Bonhoeffer.

Aber wie er sind sie Vorbilder für mich, die mich ermutigen.

Vorbildliche Heilige aus unserer Mitte. Aus der Mitte von uns, die wir alle Heilige sind – zu Gott gehörende.

Amen.

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