Könige aus Morgenland

VORBEMERKUNG: Die Predigt orientiert sich am Lied „Könige aus Morgenland“ von Gerhard Schöne. Der erste Abschnitt greift zudem Motive aus einer Predigt von Gerhard Oßwald auf (auf dieser Seite veröffentlicht).

  1. Stern – du Wunder

Oh, Stern, du Wunder! Trost der Nacht!
Stern voll königlicher Pracht,
lockst uns heiter weiter, weiter,
machst, dass das Herz uns lacht!

Ein Stern leuchtet den Weisen den Weg.
Ein Stern zieht vor Ihnen her. Prächtig leuchtend.
Und doch: In Jerusalem fallen sie aus allen Wolken, als da die Weisen plötzlich im Palast stehen und wissen wollen, wo der neugeborene König ist.
Haben die da nichts mitbekommen?
Haben die da den Stern nicht gesehen?
Wahrscheinlich nicht!

Gab es ihn überhaupt – den Stern?
Hat sich der Evangelist Matthäus das ganze vielleicht nur ausgedacht, damit die alten Texte der Propheten aus dem Alten Testament auf das Jesuskind zutreffen?
Wahrscheinlich auch nicht!

Genau sagen kann heute niemand mehr, was das für ein Stern war.
Ein normaler Stern war es sicher nicht, denn die sind immer da und haben niemanden in Erstaunen versetzt.
Ein Komet war es wohl auch nicht, denn den hätten alle gesehen und zumindest von periodischen Kometen, die regelmäßig in die Nähe unserer Erde kommen, war es wohl auch keiner.
Eine Supernova – kommt auch keine infrage.
Aber: Jupiter und Saturn standen zur fraglichen Zeit kurz vor der Zeitenwende einige Male so dicht beieinander, dass es für alle Sternkundigen eine Sensation war. Wer die Sterne beobachtete, sah etwas ganz besonderes. Wer die Sterne nicht beobachtete, konnte aber nichts wahrnehmen.

Und so kam es, dass sich ein paar Astrologen aus dem Osten auf den Weg machten, um einen neuen König zu suchen – das passte, den Jupiter ist schließlich der Planet, der mit dem mächtigsten Göttern der damaligen Zeit gleichgesetzt wurde.

Ihr Sterndeuterei, ihr Aberglauben hatte die Weisen auf die Spur des Jesuskindes gebracht. Aber finden konnten sie es nicht. Kein Wunder: Ihr Aberglauben hat sie nur zufällig auf die richtige Spur gebracht. Es brauchte dann doch die Schriftgelehrten, die aus der Heiligen Schrift heraus gelesen haben, das wohl Bethlehem der richtige Ort sei.

Und so kamen die Weisen nach Bethlehem und das machte, dass ihnen das Herz lachte.

Die Schriftgelehrten – die, die die heiligen Schriften lesen und deuten konnten, die glaubten ihren eigenen Kenntnissen nicht und handelten nicht. Denn sie kamen nicht nach Bethlehem.

  1. Caspar

Das neugeborene Königskind wollt‘
ich gern krönen mit meinem Gold,
soll regieren, friedlich führen,
wie es von Gott gewollt.

Weihrauch, Myrrhe und Gold brachten sie mit.
Gold – das edelste aller Metalle.
Gold – schön und glänzend, selten und teuer, Zeichen für Reichtum und Macht.
Geschenk für ein Königskind.

Gold im Stall.
Reichtum trifft Armut.
Das Zeichen der Macht verleiht seinen Glanz an die Ohnmacht.

In den Kirchen verleihen wir dem Jesuskind oft goldene Heiligenscheine. Goldene Verzierungen schmücken die Altäre und Kerzenleuchter.
Aber Gold im Stall von Bethlehem passt nicht. Das gehört zu denen, die ihre Macht und ihren Reichtum ausschmücken müssen.

Das Kind in der Krippe soll regieren, friedlich führen. Dieser König braucht kein Gold.

Wie der König Midias, der sich einst wünschte, dass alles, was berührte, zu Gold werden solle. Sein Wunsch wurde erfüllt und alles, was er berührte, wurde zu Gold. Auch das Brot in seiner Hand und das Wasser an seinen Lippen. Solche Könige und Präsidenten hat es schon genug auf der Welt.

Der König in der Krippe ist anders.

  1. Melchior

Seht nur, meine Gaben sind:
Bester Weihrauch für das Kind.
Lob mit Lüften, Preis mit Düften,
beten mit Rauch und Wind.

Weihrauch – das getrocknete Harz einer Pflanze.
Weihrauch – noch edler und noch teurer als Gold, damals jedenfalls.
Weihrauch – Zeichen für das Heilige.

Wenn das getrocknete Weihrauchharz auf glühende Kohlen gelegt wurde und verbrannte, dann sollte es das Böse verhalten. Dann sollte der Rauch den Raum heiligen. Ein Raum verschlossen für alles Böse und Üble, alles Unglück und alles Pech. Statt dessen ein Raum, in dem das Göttliche spürbar sein sollte, erfüllt von Heiligkeit.
Kann man Gott mit Rauch zwingen?

Wohl kaum. Aber beten kann man. Wohl auch beten mit Rauch und Wind. Gott loben und preisen mit Lüften und Düften.

Aber das Kind in der Krippe öffnet die Räume und Herzen für all das Göttliche und Heilige in der Welt. Niemals war der Mensch näher an Gott.
Niemals wird ein Mensch näher an Gott sein, als ein Mensch, der Jesus im Herzen trägt..

  1. Balthasar

Feinste Myrrhe schenke ich ihm,
bitteres, heilendes Parfüm.
Blut soll’s stillen, Hitze kühlen,
bändigt das Ungestüm.

Myrrhe – von „marar“ (→מֵר) – bitter.
Myrrhe – teuer wie Gold, edel wie Weihrauch.
Myrrhe – die Medizin: blutstillend, krampflösend, entzündungshemmend, aphrodisierend.
Und: gutriechend.
Aber nur für die, die sich’s leisten konnten.

Myrrhe machte schön und gesund, lockte die schönsten Frauen und best gebauten Männer an, vertrieb die Hässlichkeit aus dem Leben.
Aus dem Leben derer, die sich’s leisten konnten.

Was sollte das Jesuskind damit?
Wahrscheinlich wird es Maria und Josef geholfen haben in den nächsten Wochen und Monaten über die runden zu kommen.

Denn was sollte das Jesuskind damit?
Das kleine Kind, das in Armut geboren wurde?
Gold, Weihrauch und Myrrhe – Geschenke für ein Königskind. Würdig und angemessen für einen König. Und deshalb genau richtig in diesem Stall.

Und doch so überflüssig. Denn…

  1. Könige aus Morgenland

Niemals lag ein König im Stroh.
Dort liegt Gott, nur er liebt uns so.
Halleluja! Halleluja!
Himmel und Erde, seid froh!

Niemals lag ein König im Stroh. Niemals wird ein König, ein Diktator, eine Präsident, ein-was-auch- immer im Stroh liegen.
(Es sei denn es bringt ihm einen Vorteil für sein Image, für die nächste Wahl, für was auch immer.)
Niemals lag ein König im Stroh, dort liegt Gott im Stall von Bethlehem.
Und Gott hat keinen Vorteil davon, sondern nur Nachteile:
Vorbei ist es mit der Herrlichkeit des Himmels und den singenden Engeln.
Vorbei ist es damit groß und allmächtig sein zu.
Vorbei ist es damit, dass allein auf sein Wort hin Welten entstehen oder auch nur Rosen blühen.
Vorbei ist es damit, dass allein sein Wille geschieht.
Vorbei ist es damit im Mittelpunkt zu stehen.
Vorbei ist es damit alles zu sehen, zu hören, zu wissen.

Jetzt heißt es Mensch zu sein. Die Kälte des Stalles zu erleben und Hunger, aber auch die Liebe von Mutter und Vater, Spaß zu haben und zu lachen, zu lieben und zu leiden, zu essen und zu trinken, allein zu sein und verlassen, zusammen mit anderen durch’s Leben zu gehen. Gefühle hautnah. „Mittenmang, statt nur dabei“ und zwar richtig.
Immer noch Gott (denn das wird man nicht wirklich los), aber jetzt vor allem Mensch.
Und das nicht nur aus Jux und um mal was zu erleben, sondern aus Liebe. Nur aus Liebe. Für die Liebe. Auf dass die Liebe herrsche.
Eine Herrschaft, die alles Gold und Weihrauch und Myrrhe wert ist, und doch nichts davon braucht.

Amen.

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