Unter uns und ganz im Vertrauen (Kolosser 1, 24-27)

Wie kann man am besten Aufmerksamkeit erwecken und für weitestgehende Verbreitung von Neuigkeiten sorgen? Manche sagen: wenn ich möchte, dass jeder etwas erfährt, dann muss ich es nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit und ganz im Vertrauen erzählen, um sicherzugehen, dass alle es erfahren.
Es ist so schwer, etwas für sich zu behalten. Wenn ich vor Freude platze, bin ich bin ständig in der Gefahr mich zu verplappern. Wenn mich etwas bedrückt, dann merken Menschen, die mir nahe stehen, dass mit mir etwas nicht stimmt. Neugierde ist dazu noch eine unausrottbare Angewohnheiten von uns Menschen.
Die eine findet es reizvoll, geheimnisumwittert zu sein. Keiner kennt ihr wahres Alter, keiner kennt ihre wirkliche Geschichte, sie hat sich eine Legende (also eine Erzählung!) zu recht gelegt und glaubt mittlerweile selbst ihre erfundene Lebensgeschichte. Gerade das Geheimnisvolle macht sie interessant und hält sie im Gespräch. Davon lebt die gesamte Regenbogenpresse. Andere, Männer vielleicht eher, scheinen das nicht so gut zu beherrschen. Jedenfalls fällt mir kein so geheimnisheischendes Exemplar der sogenannten VIP´s ein. Selbst die divenhafte Geheimniskrämerei ist nicht mehr so häufig anzutreffen, scheint mit den letzten Hollywoodgrößen wie Marlene Dietrich ausgestorben. Stattdessen gibt es eine medieninszenierte Selbstdarstellung und Selbstentblößung auf allen Kanälen rund um die Uhr und ohne Schamgefühl (obwohl auch das natürlich nur inszeniert und konstruiert ist). Nichts ist zu peinlich, nichts ist zu privat, als das man damit nicht in die Öffentlichkeit gehen könnte, um es zu verkaufen. Versucht eine Person des öffentlichen Lebens seine Privatsphäre zu schützen und kommt ohne Skandale aus, wird die Öffentlichkeit unruhig. Warum nur, so fragen sich viele beispielsweise, erfährt man auch nach vier Jahren nichts Neues über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher, sein Leiden und vielleicht auch seine Genesung. Es scheint für die Öffentlichkeit nur schwer auszuhalten zu sein, dass die Familie damit ausschließlich privat umgeht und nichts an die Öffentlichkeit dringt. Hier bleibt das Geheimnis einmal ein Geheimnis, vielleicht weil das Leiden und die Trauer einer Familie nicht öffentlich, sondern nur privat und persönlich bewältigt werden können, auch wenn die Personen vorher öffentlich gelebt haben.
Auch der Apostel will sicherlich nicht mit seinem Leiden vor aller Welt hausieren gehen, aber auch kein Geheimnis daraus machen. Er weiß, das manches nicht verborgen bleiben kann. Er wird als Apostel genau beobachtet, seine Stärken und Schwächen werden registriert und kommentiert. Alles kann gegen ihn verwandt werden. Und so geht er offen damit um, damit es für ihn und seine Apostelamt spricht, seine Glaubwürdigkeit und seine Legitimität stärkt. Sein körperliches Gebrechen und die Verfolgungen und Nachstellungen, die er als Bote Jesu Christi erduldet, sieht er als Folge des Dienstes an den Gemeinden an, als Konsequenz seines Auftrages, dem er sich nur entziehen könnte, wenn er sich der Aufgabe ganz entzieht. Er sieht sich aber ganz nah bei Christus. Christus ist ihm im Leiden nah, er ist es ihm aber ebenso. Ein fremder Gedanken für uns, die wir mittlerweile unseren Glauben in Ruhe, Frieden und Freiheit leben können, aber alltägliche Realität für verfolgte Christen in weiten Teilen der Welt. Sie könnten ihren Glauben verleugnen, ins Verborgenen gehen, ein Geheimnis daraus machen, oder aber müssen um des Glaubens willen Verfolgung und Benachteiligung ertragen. Religionsfreiheit aller, auch der Nichtchristen, in unserem Land zu verteidigen, muss einhergehen mit der Forderung der freien Religionsausübung auch für Christen in nichtchristlichen Ländern z.B. der arabischen Welt. Paulus würde vielleicht sagen: Christus wird immer noch überall da gekreuzigt, wo Christen um ihres Glaubens willen verfolgt werden.
Aber mit seinem Glauben auf Dauer im Verborgenen zu bleiben, ein Geheimnis daraus zu machen, sich darauf zurückzuziehen, dass der Glauben ausschließlich Privatangelegenheit ohne Öffentlichkeit sei – was man heute ja oft hören kann und von vielen als Ausdruck von Offenheit und Toleranz verstanden wird – das ist ein Widerspruch in sich. Denn so der Apostel: Gott hat doch das Geheimnis um sich gelüftet, wie kann ich ihn dann nur im Verborgenen und im stillen Kämmerlein glauben?
Er wollte nicht der Verborgene sein, der den Menschen rätselhaft bleibt.
Er wollte nicht der Unverstandene sein, der den Menschen Angst macht.
Er wollte nicht der Fragwürdige sein, an dem Menschen wegen ihres Schicksals verzweifeln und zerbrechen.
Wenn Menschen Gott suchen, wenn Menschen von Gott reden, wenn Menschen auf Gott vertrauen und nach ihm rufen, dann sollten sie wissen, nach wem sie suchen, von wem sie reden und zu wem sie vertrauensvoll beten.
Gott wollte nicht länger das größte Geheimnis der Welt und des Lebens sein.
Natürlich gibt mir Gott Rätsel auf.
Natürlich verstehe ich vieles in meinem Leben und erst recht im Lauf der Welt nicht; deswegen fragen viele: wie kann Gott all das zulassen, was auf der Welt passiert; deswegen rufen Menschen nach Gott und selbst der größte Gottesleugner versucht es mit einem Stoßgebet, wenn alle Stricke reißen, und er tut gut daran.
Aber es hat sich etwas geändert an unserem Umgang mit der Gottesfrage. Darum dreht sich ebenso wie Weihnachten das Epiphaniasfest. Gott hat etwas von sich gezeigt, er ist offenbar geworden. Ich rätsele nicht mehr umher, wenn ich Gott sage, sondern rede von Jesus Christus. Gott hat ein Gesicht bekommen und einen menschenfreundlichen Namen. Er ist nicht mehr eine geheimnisvolle Größe, sondern menschgeboren mit meiner Lebens- und mit meiner Leidensgeschichte.
Die Kirchenväter haben mitunter die Weihnacht für das größere Wunder und Heilsereignis gehalten. Denn das Gott wahrhaft Mensch wird, das war neu im Denken und Reden von und Glauben an Gott. Gott wird Mensch, damit wir Menschen göttlich werden, haben sie erstaunt festgestellt! Er schlüpft nicht nur in die Rolle und inszeniert etwas für die Öffentlichkeit, sondern lebt und erleidet das Schicksal der Menschen. Das war bisher undenkbar und ist bis heute das erstaunlichste und sonderbarste am christlichen Glauben. Viele denken Gott allmächtig und deswegen abwesend, weil er ja von seiner Macht ja keinen Gebrauch macht. Das er statt der Allmacht die Ohnmacht und die Gemeinschaft mit den Ohnmächtigen erwählt hat, passt nicht in die Vorstellung vieler religiöser Menschen. Aber gerade allmächtig hat er die Ohnmacht gewählt und damit das blinde Vertrauen in die Macht in Frage gestellt. Was wohl passieren würde, wenn wir es konsequent wagen würden, der Ohnmacht, der Schwäche und der Gewaltlosigkeit zu trauen statt einer Strategie der Stärke und machtvollen Abschreckung, den leisen Tönen mehr Raum zu geben als den lauten, eher Schwäche zuzulassen als in den Ruf nach Stärke, starkem Staat, Recht und Ordnung einzustimmen? Ich will nicht das Recht in Frage stelle oder der Unordnung das Wort reden. Aber ich bin misstrauisch, wenn Recht und Ordnung zu martialischen Schlachtrufen werden. Das Reich Gottes träumt von Gerechtigkeit und Frieden und das ist deutlich mehr als Recht und Ordnung, die es auch in Diktaturen geben kann. Juristen in den Diktaturen haben sich immer darauf berufen, nur geltendes Recht gesprochen zu haben. Das Kreuz war geltendes Recht um der Ordnung des römischen Reiches willen!
Paulus hat seine ganz persönliche Gottesbegegnung gehabt, ihm ist ein Licht aufgegangen, und das hat er öffentlich gemacht, also nicht für sich behalten. Gott will und muss zu allen Zeiten und an allen Orten unter die Menschen kommen. Nur so kann es mit Gottes offenbaren Geheimnissen sein. Deswegen ist der Glaube keine Privatangelegenheit und deswegen sind wir öffentliche Kirche, die nicht schweigen wird, sondern sich einmischt. Himmlische Welt und irdische Welt, Seelenheil und Leibeswohl, umfassender Frieden und Gerechtigkeit gehören zu der einen unteilbaren Wahrheit Gottes. Denn ich verrate euch, und wir feiern, was jetzt kein Geheimnis mehr ist: Gott ist Mensch geworden; Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude! Amen

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