Aufs Leben

Jahr für Jahr wird erstaunlich schnell umgeschaltet, finden sie nicht auch? Erst vor einer Woche war der Heilige Abend, dann die beiden Feiertage. Dann ist Weihnachten abgehakt. Vielleicht geht deshalb der Abschied so schnell, weil der weihnachtliche Vorspann ja mittlerweile schon bis in den Spätsommer reicht. (Dank an Uwe Simon für die Einstiegsidee…)

Wir könnten diesen Tag heute eigentlich auch als Sonntag nach Weihnachten feiern, aber innerlich ist Weihnachten bereits Vergangenheit. Jetzt also Jahreswechsel – ein fast schon magisches Datum. Obwohl: Für uns Christen hat das neue Jahr schon mit dem 1. Advent begonnen, wir können uns also entspannt zurücklehnen.

„Wir gehen dahin und wandern von einem Jahr zum andern, wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen.“ (EG 58,2) Natürlich lässt auch uns der Jahreswechsel nicht kalt. Es gehört dazu, Bilanz zu ziehen.

Einige Dinge sind sicherlich gelungen, es gibt schöne Erinnerungen, Geschichten, bei denen wir heute noch lachen müssen. Daneben stehen bei jeder aber auch die Zeiten der Überforderung und Verzweiflung. Dinge, die wir gerne aus diesem Jahr streichen würden, wenn wir nur könnten.

Manch einen bringt das dann zu einem tieferen Nachdenken:

Wo bin ich geblieben in diesem Jahr?

Bin ich auf der Strecke geblieben?

Was hat mich befreit und wo hatte ich Augenblicke, in denen alles gut und alles heil war?

Diese persönliche Bilanz, die muss jede und jeder einzelne von uns ziehen. Die große Bilanz der Welt, des Landes und der Stadt, konnte man in der Zeitung und in den Medien mehr oder weniger sinn- und gehaltvoll nachgelesen werden.

Mir bleibt, wenn ich darüber nachdenke, ein seltsames Gefühl: Unsere Welt ist kleiner und enger geworden. Und damit unfreier, es wird Angst geschürt. Es ist Zeit, für uns als Kirche lauter zu werden und Stellung zu beziehen. Und zwar für Freiheit und Gerechtigkeit, für Demokratie und die Würde jedes einzelnen.

Passend zu unseren Jahreswechselgedanken eine kurze Notiz aus dem 2. Mosebuch. Das Volk Israel ist noch in Ägypten. Nach furchtbaren Plagen lässt der Pharao Ramses Israel ziehen. Ich lese aus Kapitel 13…

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Da sind sie. Ein freies Volk. Auch damals werden die Gedanken zurückgegangen sein zu dem, was war. Vor ihnen die Wüste und eine ungewisse Zukunft. Keiner weiß, was wird. Wie wird es sein in diesem Land, das Gott verspricht?

Sie stehen an einer Grenze zwischen sicher und unsicher, Heimat und Fremde, zwischen gewohntem Altem und Neuem. Jetzt lagern sie noch einmal. Fast meint man, ein ganzes Volk würde den Atem anhalten, bevor diese Schwelle ins Neue überschritten wird. Sich noch einmal sammeln. Noch einmal still sein, zu sich kommen.

Und dann, in dieser Sammlung und Stille, da zeigt sich Gott.[1] Er zieht vor ihnen her. Das ist Wandertempo, keine Hektik, nichts Verstolpertes, das hat Beständigkeit. Und Gott zeigt sich ausgerechnet in einer Säule: Sinnbild für Standfestigkeit, für Stabilität und Ortstreue. Diese Säule aber ist fragil und beweglich – aus Wolken und Feuer. „Säule to go“, könnte man neudeutsch sagen. Nicht mit Händen zu greifen, nicht festlegbar. Der bewegliche Gott steht fest zu seinen Menschen.

Ob das auch für uns ein Hinweis für das neue Jahr sein könnte? Unterwegs sein, sich bewegen. Aber angemessen, nicht immer nur in Hektik. Manchmal sich nur einer Sache widmen und nicht gleich schon die nächsten Schritte im Kopf haben?

Gott zieht mit. Wir werden nicht getragen. Unseren Weg müssen wir schon selbst gehen, aber wir werden begleitet. Immer. Twentyfourseven… bis heute…

Ruhiges Gehen ins neue Jahr, das richtige Tempo um die Zeichen Gottes überhaupt wahrzunehmen. Man sollte ja auch nicht schneller fahren als der eigene Schutzengel fliegen kann…

Für das Volk Israel der erste Schritt über die Grenze in ein freies Leben. Und in 40 Jahre Wanderung. Gott führt sein Volk nicht auf dem direkten Weg. Nicht die Küste hoch und fertig. Nein: Es folgen 40 Jahre Unterwegssein. 40 Jahre lang Freiheitserprobung. Offensichtlich braucht es diesen Umweg…

„Freiheit“ – das war doch auch unser Stichwort in diesem Jahr. 500 Jahre Reformation. 500 Jahre evangelische Kirche auf dem Weg. Manchmal denke ich, wir haben uns zu satt eigenrichtet in unseren Institutionen und Gebäuden und Strukturen. Wir sind bekümmert um Pfarrpläne und Besitzstandswahrung. Jetzt könnte es doch an der Zeit sein, sich wieder den Menschen zuzuwenden. Ihnen zu erzählen von diesem Gott, der Menschen befreit (nicht nur aus Ägypten), der Zeichen gibt[2] und der begleitet.  Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2. Kor 3,17). Das war unser Leitvers. Nehmen sie ihn mit ins neue Jahr! Wir werden ihn gut brauchen können!

Wo also geht’s also für uns lang im neuen Jahr?

Wir, die wir wankelmütig sind und ängstlich und gerne Sicherheiten haben, oft konfliktscheu und ohne Zutrauen in unseren Gott. Wir sind keine Helden, wir hätten so gerne Zeichen oder Ideen oder eine Vision für dieses neue Jahr.

Da hätte ich was für sie: Das letzte Buch der Bibel. Die Offenbarung des Johannes. Er sieht tief in Raum und Zeit. Sieht unglaubliche Dinge und Zeichen. Anfang und Ende fallen da zusammen. Eine fast schon wahnsinnige Vision.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Altbundeskanzler Helmut Schmidt trocken[3]. Da hat er nicht ganz unrecht. Aber: Wir Christen wissen mehr bekanntlich mehr. Vielleicht erinnern sie sich ja an den Predigttext am 2. Weihnachtsfeiertag… Insofern klingt dieses weihnachtliche „Fürchte dich nicht“ des Engels bis heute nach.

Heute, auf dem Weg ins neue Jahr, eine kleine Vision, die Jahreslosung für 2018 (Apk. 21,6): Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Durst kennen wir alle. Auch das wunderbare Gefühl, dann etwas zu trinken. Wir Menschen bestehen zu 60% aus Wasser, daran kommen wir nicht vorbei. Wobei: Unser Durst ist ja immer zu stillen – die Getränkepalette ist mehr als reichhaltig.

Menschen in anderen Regionen dieser Erde geht es nicht so. Wasser ist nicht frei verfügbar. Wasser ist heute Anlass für Kriege und Politik. Wasser ist ein privatisiertes und kapitalisiertes Produkt… Israel übrigens auf seiner Wüstenwanderung wird auch damit von Gott versorgt. Mose schlägt mit seinem Stab an einen Felsen und es kommt frisches Wasser heraus (Ex 17,6).

Manchmal meine ich aber auch anderen Durst zu merken: Durst nach Sinn und Erfüllung. Jesus in den Seligpreisungen erwähnt diejenigen, die dürsten nach der Gerechtigkeit (Mt 5,4).

Tun wir das? Oder sind wir schon längst im Wohnstand versumpft und moralisch dehydriert? Dieses elementare Drängen und Sehnen nach Gerechtigkeit für alle Menschen, nach menschenwürdigem Leben überall – brennt das noch in ihnen? Meine Vermutung: Das Brennen für uns und unsere Belange ist uns deutlich näher…

Was mich begeistert an der Jahreslosung: Es ist umsonst! Wo hat man das denn heute noch? Umsonst, ohne Hintergedanken, ohne Bedingung. Jeder, der lebensnotwendiges braucht, bekommt es. Einfach so. Toll! Wir sollten tief beschämt über unsere Hartherzigkeit ins uns gehen über diese unfassbare Großzügigkeit Gottes am Ende der Zeiten. Wasser für alle, Leben für alle.

Dieser geplagten Menschheit steht die sprudelnde Lebensquelle gegenüber. Leben soll ausgekostet werden auch 2018 – das war doch eine der Botschaften vom 2. Weihnachtsfeiertag!

Wir stehen an der Grenze zum neuen Jahr. Es ist nicht schlecht, inne zu halten. Wie das Volk Israel damals in der Wüste. Noch einmal zu sortieren, was war. Es Gott in die Hände legen – Gutes und Schweres.

Dann aber nach vorne zu schauen. Still auf Zeichen des Begleitung Gottes zu schauen. Sie sind da. Standhaft wie eine Säule und doch zerbrechlich und vergänglich wie Wolken und Feuer. Und warum sich nicht am Essen und dem schönen Feuerwerk freuen?

Und dann der ersten Schritt tun ins neue Jahr. In Gelassenheit, denn Christen wissen mehr. Wir haben Visionen und Ideen. Zum Arzt brauchen sie deshalb nicht – der war schon da: Das Kind in der Krippe (EG 320,4). Deshalb: Räumen sie Weihnachten nicht gleich weg. Gehen sie weihnachtlich ins neue Jahr hinein.

In diesem Sinne: Bleiben sie behütet!

Aufs Leben!

[1] Übrigens eine der wenigen Stellen, an denen das Tetragramm verwendet wird. Eine Besonderheit!

[2] Martin Luther hat einmal gesagt, man könnte solche Zeichen der Gegenwart Gottes eigentlich fast mit den Sakramenten vergleichen: Mit dem Wasser in der Taufe oder mit Brot und Wein beim Abendmahl. Auch das sind ja eigentlich ganz normale Dinge und zugleich sichtbare und doch irgendwie geheimnisvolle Zeichen der Gegenwart Gottes.

[3] Im „Spiegel” über Willy Brandts Visionen im Bundestagswahlkampf, 1980.

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