Von den zarten Anfängen und dem Fluss der Zeit (Jahreslosung 2018 Offenbarung 21,8)

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ (Offenbarung 21,6)

Zwei Flöten spielen eine zarte Melodie, auf und ab bewegen sie sich nacheinander, quirlig und fröhlich vermischen sich beide Bewegungen, wie ein plätschernder Tanz der Töne. Ich höre das Gluckern und das Sprudeln der Quellen, die einmal ein großer Fluss werden wollen, strömend, reißend, gefährlich – bis sie am Ende in einem größeren Strom und schließlich im Meer aufgehen. Friedrich Smetana hat der Moldau musikalisch ein Denkmal gesetzt, die beiden Quellen der Moldau in Tönen so gemalt, dass hörend ein Bild vor meinem inneren Auge entsteht.
Wie der Lauf eines Flusses von seiner Quelle bis zu seiner Mündung kommt mir der Beginn eines Jahres auch immer vor. Die ersten Augenblicke und Stunden sind, wenn der Lärm, mit dem das Jahr begrüßt wurde, erst einmal verklungen sind, ganz zart, wie einzelne Melodiebögen, die erst noch an Kraft und Ausdruck gewinnen müssen, sich vereinen und aus der Quelle sprudeln, ehe sie sich dann in das Land ergießen, zu einem Fluss anwachsen, mal ruhig, mal reißend das Land durchziehen, um am Ende einzumünden, aufzugehen. Noch ist das Jahr 2018 also ganz zart, nahe an der Quelle, aus der es entspringt. Wir kennen seinen Lauf noch nicht, werden aber mitgenommen, fahren dahin, werden manchmal mitgerissen, finden uns in Stromschnellen wieder, sehen unterschiedlichste Landschaften und Welten sich auftun und am Ende mündet alles ein in ein großes Ganzes. Der Jahreswechsel ist Anlass zu Rückblicken, Gelegenheit zurückzulassen, aufzugeben, was nur noch Ballast ist, ist Ausdruck der Hoffnung, dass man noch einmal neu anfangen, an die Quelle zurückkehren kann, der Strom der Zeit vielleicht doch noch einmal einen anderen Lauf nehmen kann, als den des letzten Jahres. Gibt es nicht oft genug mehrere Flussläufe, verschiedene Arme, die sich durch die Landschaft graben, um zu dem einen großen Ziel zu gelangen? Es ist gut, mit dem Alten auch einmal abzuschließen. Die Vergangenheit, die alte Zeit, auch das alte Jahr haben uns geprägt. Immer tragen wir Spuren der Vergangenheit an uns. Aber wir können nicht nur aus der Vergangenheit leben. Wir können uns auch nicht nur aus der Vergangenheit definieren. Ich bin mehr als nur das, was ich schon immer war. Ich bin nicht Vergangenheit, sondern auch ganz Gegenwart. Es stimmt nicht, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Wir drehen uns nicht nur im Kreis, sondern von der Quelle zum Meer legen wir einen Weg vom Anfang zum Ziel zurück. Und anzukommen ist ebensowenig furchterregend wie unterwegs zu sein. Einen Ursprung, eine Quelle zu haben, macht mich gewiss, nicht planlos und nur zufällig in die Welt geworfen zu sein. Es gibt einen Ort, von dem ich herkomme, und einen Ort ,an den ich gelange, am Ende meiner Lebensreise.Sie ist wie ein Fluss, wie ein Strom, der sich unterwegs wandelt, verschiedenste Landschaften durchzieht und am Ende doch ankommt. Gott ist für mich beides: Ursprung und Ziel, Anfang und Ende, A und O, wie der Seher in der Offenbarung schreibt. Die Quelle ist der Ort, an dem mein Leben entspringt, das Meer ein Sinnbild für die Ewigkeit Gottes, in die mein Leben eingehen mag. Ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes werden, hoffte Dorothee Sölle am Ende ihres Lebens, weil auch ein Tropfen die Kraft des unermesslichen Meeres vermehrt, in die Tiefe des Seins eintritt.

Die Quelle, aus der alles entspringt und das Meer, in dem alles mündet: beides hat den Forscherdrang der Menschen immer gereizt.
Beinahe 5 Jahrtausende hat es gedauert, bis der Ursprung des 6671 km langen Nils von den Quellen in Burundi und Ruanda bis zur Mündung in Mittelmeer endgültig geklärt war: Mythen und Theorien haben sich um diesen heiligen Fluss gerankt, der wie kaum ein anderer Strom Lebensader war, an dem das Schicksal ganzer Völker hing. Weit in die Tiefe des fremden und unbekannten Kontinentes musste man dringen, um seine Quellen zu entdecken bis weit in das 19.Jahrhundert bleibt der Ursprung des Nils ein Rätsel, dessen Lösung verbunden mit den Namen Livingston und Stanley ist, auch wenn sie das Rätsel des Ursprung nicht endgültig klären konnten. Die Quellen, die den Viktoriasee speisten, die man für den Ursprung des Nils hielt, fanden sie zu Lebzeiten nicht mehr.
Die Mythen und die Neugierde des Menschen haben ihre Wurzeln in dem verborgenen Wissen, dass es bei den Quellen wirklich um Leben und Überleben geht. Wäre die Quelle des Nils versiegt, wären die jährlichen Überschwemmungen des Stroms ausgeblieben, hätte das nur durch den Fluss fruchtbare Land keine Früchte getragen, Menschen und Tiere wären verhungert, qualvoll umgekommen. So aber blieb das Land am Nil auch immer Zufluchtsort für Menschen, die dem Hunger entkommen wollten. Hier liegt der Ursprung der Vätergeschichten. Die Geschichte des Auszuges aus Ägypten begann lange vorher mit der Geschichte des Einzuges zur Zeit Josephs, um dem Hunger zu entgehen. Ist es da verwunderlich, dass den Menschen ein Fluss heilig wurde, ohne den sie nicht leben konnten?
Die Entmythologisierung der Welt, die Gabe, alles vernünftig erklären und deuten zu können, Dinge vorhersagen und beeinflussen zu können, hat allerdings auch dazu geführt, dass wir der Welt und der Natur nicht mehr demütig und geschwisterlich begegnen, sondern sie dinglich missbrauchen und ausbeuten. Wir vergiften und verwüsten die Quellen unseres Lebens, lassen die Lebensadern versiegen, die Gott allen geschenkt hat. Sind wir damit unseren Müttern und Vätern, die in Bildern gesprochen und mit Bildern gelebt haben, überlegen? Die Schöpfung ist ein Ganzes und wir sind ein Teil von ihr, wir leben in ihr und von ihr, nicht ohne sie. Alles zusammen entspringt dem Willen und der Liebe Gottes. Nichts anderes erzählen die Geschichten vom Anfang der Bibel. Der Mensch steht nicht über dem, was Gott ins Dasein gerufen hat, sondern lebt von ihm und mit ihm. Die Schöpfung zu bewahren ist nichts anderes als den Schöpfer zu ehren.
Das Bild der Quelle und des Wassers wird uns ein ganzes Jahr begleiten und damit die Frage, wo wir eigentlich herkommen und wo wir eigentlich hingehören und ob es auch schon Anfang des Jahres den Ausblick auf ein gutes Ende geben kann. Das letzte Buch der Bibel kann mit erschreckenden Bildern von den Kämpfen der bösen Mächte und Kräfte gegen alles Leben und gegen den Ursprung des Lebens berichten. Diese Bilder sprechen die Sprache, wir aus unseren Schreckenswelten kennen, sie werden real und konkret durch unsere Wirklichkeit, auch wenn sie ihren Ursprung in eben solchem mythischen Denken haben wie die Vorstellung heiliger Flüsse. Johannes wird damit getröstet, dass der gute Ausgang das Ziel ist , aber auf dem Weg dahin mit Bedrohlichem und Lebensfeindlichem zu rechnen ist. Am Ende jedoch steht der gute Ausgang: ein neuer Himmel und eine neue Erde, Gott mitten unter den Menschen, kein Leid, keine Tränen, kein Tod mehr.
Wir wissen nur noch nicht, wann und wo wir an diesem Ziel ankommen werden.
Wir wissen auch nicht, worauf wir am Ende dieses Jahres zurückblicken werden:
Werden wir es schaffen, weltweite oder lokale Konflikte friedlich gelöst zu haben?
Werden wir beim Kampf für den Klimaschutz Regierungen und Wirtschaft überzeugt haben, ihren Beitrag zu leisten und zugleich unser eigenes Verhalten zu verändern?
Werden wir friedlich und versöhnt miteinander umgehen, die Menschenwürde respektieren und achten, unabhängig von Herkunft und Aussehen?
Werde ich aus Fehlern lernen können und gute Vorsätze verwirklichen ?
Werde ich mir Träume bewahren und Ziele setzen können?
Werde ich Herausforderungen annehmen und sie nicht nur als Belastung beklagen?
Gelingt es mir in allem mein Vertrauen auf Gott zu bewahren oder dorthin zurückzukehren?

Der Ruf zurück zur Quelle war das Grundprinzip des Humanismus im späten Mittelalter am Übergang zur Neuzeit. Erasmus von Rotterdam steht dafür und die Reformation mit der Rückbesinnung auf die Bibel als Quelle des Glaubens und der Kirche ist damit eng verbunden.
Das Wasser an der Quelle ist klar und rein, es ist erfrischend und lebensspendend, es ist vor allem umsonst, allen gleichermaßen geschenkt und zugänglich, wie kann man es verkaufen oder Eigentumsrechte daran sichern wollen? Wo Quellen sprudeln, da ist Leben möglich. Wie wörtlich das zu nehmen ist, können wir bei unseren Partnern in Simbabwe lernen, wo Wasser die eigentlich Voraussetzung für alles Leben und Überleben ist. Das wäre ein wunderbarer Umgang mit der Jahreslosung, wenn es uns gelänge.im kommenden Jahr gemeinsam in den Dörfern der Bingaregion Wasser allen zugänglich zu machen.
Die Jahreslosung ist eine Einladung zur Quelle des Lebens zurückzukehren und sich schenken zu lassen, was dem Leben dient. Vor allem ist sie Nahrung der Hoffnung, dass alles einen guten Ausgang finden wird, weil Gott der gute Anfang und das gute Ziel ist, eben das A und das O, Anfang und Ende, Schöpfer Himmels und der Erde, Geber und Bewahrer des Lebens. Sie ist Einladung, sich mit der Kraft dieses Bildes weiter zu beschäftigen im kommenden Jahr. Der Glaube verdient diese Auseinandersetzung und diese Nahrung. Denn aus dieser Quelle können wir unendlich schöpfen. Amen

drucken