Am Rande der Wüste, aber auf dem Weg! (Exodus 13, 20-22)

Jahr für Jahr wird erstaunlich schnell umgeschaltet. Weihnachten hat ja lange vorweg seine Schatten auf den Alltag der Menschen geworfen. Vielleicht geht deshalb der Abschied so schnell, weil alle satt sind (oder soll ich sagen: es satt haben, was sich schon seit dem Spätsommer aufdringlich ankündigt). Gleich nach den Feiertagen ist es gut, schon einmal zu schauen, wann denn zu Beginn des neuen Jahres die Bäume abgeholt werden. Oder machen wir dieses Mal beim mittlerweile so beliebten Weihnachtsfeuer mit? Das wäre einmal gründlich aufgeräumt und ein Event …und dann kommt der Jahreswechsel. Wir könnten den Tag natürlich auch als Sonntag nach Weihnachten feiern, aber innerlich ist Weihnachten bereits Vergangenheit, der Jahreswechsel ist die Gegenwart und die Vorfreude oder Sorge angesichts des neuen Jahres sind die Zukunft, die uns ganz schön nahe geht…
„Kinder wie die Zeit vergeht“ höre ich auch mich schmunzelnd oder nachdenklich erzählen, nicht nur weil die eigenen Kinder schon so groß sind, eigene Kinder bekommen haben, oder die eigene Kindheit zwar in der Erinnerung noch ganz lebendig, aber in Jahren gezählt schon so weit zurückliegt. Nein, auch weil ich mich gar nicht mehr genau erinnern kann, was denn eigentlich zu diesem sich neigenden Jahr 2017 gehört oder doch schon weiter zurückliegt. Ich staune, was alles aus 2017 mir noch einmal vor Augen gehalten wird. Da ist mein persönlicher Jahresrückblick mit den Ereignissen, die die Öffentlichkeit überhaupt nicht interessieren, noch gar nicht mit eingeschlossen. Ein gutes Jahr, das ich nur ungern zurücklasse? Ein schweres Jahr, das von mir wie eine Last abfallen darf, weshalb ich hoffen kann, dass es in Zukunft besser wird?
Global zumindest werden wir wohl die Sorgen um den Frieden an den Brennpunkten der Welt, die Debatten um Gerechtigkeit für alle Menschen und eine solidarische Gesellschaft, in der nicht Herkunft und sozialer Status über Teilhabe oder Gesundheit entscheiden, und den Klimawandel, der alle anderen Probleme beeinflussen, zuspitzen und damit überlagern wird, mitnehmen. Meine eigenen Baustellen, werde ich wohl auch nicht einfach liegen lassen können und ignorieren. Dadurch sind Probleme noch nie verschwunden. Aber der Spielraum, an meinen Baustellen etwas zu verändern, der ist jeden Tag neu, groß genug, um nicht verzweifeln zu müssen. Ganz im Gegenteil: Jeder neue Tag kann wie der Beginn eines neuen Lebens sein und sei es nur für diesen einen Tag noch.
Entscheidend ist der Aufbruch… oder:
– Lasse ich die Zeit etwas mit mir machen oder mache ich etwas mit der Zeit?
– Hält die Zeit mich fest und gefangen oder fange ich mit der Zeit immer wieder neu etwas an?
– Gebe ich der Vergangenheit mehr Macht über mein Leben als der Gegenwart und der Zukunft oder wandere ich aus – aus der Vergangenheit in den wunderbaren und stets neuen Rest meines Lebens?
– Bleibt die Klage Grundton meines Lebens oder das Staunen und der Lobgesang über die rettenden Wunder, die sich ereignen?

Am Anfang der Auszugsgeschichte Israels, Mose war im Palast des Pharao aufgewachsen und von Gott zum Befreier berufen, steht die Klage über die Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt, die das Gottesvolk erleiden musste: „Ihr Schreien aus ihrer Knechtshaft stieg auf zu Gott“ (Exodus 2,23). Das war kein unangemessenes, kleinmütiges, nörgeliges Jammern, sondern aus tiefer Verzweiflung über die bestehenden Verhältnisse, die kaum mehr Raum zum Leben , zum Überleben boten, geboren. Die Klage war berechtigt und kein falscher Pessimismus. Die Klage ergibt sich aus einer nüchternen Analyse der Situation. Deswegen ist es bis heute gut, genau hinzuschauen und hinzuhören. Es gibt Grund zu klagen:
– im heiligen Land, wo der Friede noch nicht einmal zerbrechlich ist und mit dem grundsätzlichen Existenzrecht Israels beginnen und mit Land und Freiheit für die Nachbarn einhergehen muss.
– in Syrien, wo die Waffen schweigen mögen, aber die Schuld und das Morden nicht aufgeklärt und Gerechtigkeit zwischen Tätern und Opfern nicht gesiegt hat,
– in den Staaten Afrikas, die immer noch zerrieben werden zwischen den Interessen der weltweiten politischen und wirtschaftlichen Großmächten und -interessen;
– darüber, dass eben nicht genau hingehört, sondern oberflächlich Stimmungen mehr geglaubt wird als der   Analyse der Fakten;
– über den Vormarsch der Populisten, die sich nicht der Mühe der ehrlichen Antworten unterziehen, sondern lieber die einfachen hinausbrüllen;
– über schwierige Regierungsbildungen müssen wir nicht klagen, sie sind Ausdruck von demokratischen Prozessen.
Die Klage Israels erreicht Gottes Ohr und Herz, was ja auch bedeutet, dass der Glaube an Gott nicht die Augen vor den realen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen verschließen, sondern sie gerade in Gottes Ohr und Herz hinein aussprechen muss, damit Befreiung und Rettung überhaupt möglich werden.
Auch für die Klage über meine Sorgen, Ängste und Probleme muss Raum sein. Es geht unter uns, also in der Kirche Jesu Christi, nicht nur um Wellness und Besänftigung, sondern oftmals um bittere Tränen oder sehr reale Ängste, die ernst genommen und nicht weichgespült werden wollen.
Der Auszug aus Ägypten war schwer erkämpft, er hat Opfer gekostet und Gottes Machtdemonstration erfordert, was uns fremd anmutet, auch wenn wir manchmal vielleicht dieses Gefühl kennen, warum denn die göttliche Macht nicht mit Blitz und Donner dazwischen fährt: weil die Befreiung und Befriedung letztlich nicht mit Gewalt Bestand haben. Die Konfliktgeschichte ist ja mit dem Auszug nicht vorbei. Der Existenzkampf nicht nur des Gottesvolkes in der Welt geht weiter, er geht eigentlich erst richtig los und die Geschichte wird erst durch die Geschichte Jesu, die auch in der Wüste beginnt, aber in Ohnmacht und mit Gedanken der Vergebung am Kreuz endet, eine wirkliche innere Kehrtwendung nehmen.
Israel zieht aus und bewegt sich am Rand der Wüste; das Volk Gottes muss seinen Weg durch die Wüste hindurch nehmen.
Ich kann deswegen niemanden versprechen, dass das neue Jahr blühende Landschaften und paradiesische Verhältnisse bringen wird. Ich kann jedem für sein Jahr Heilung und Frieden für Körper, Seele und Geist wünschen, darum beten, dass seine Lebensverhältnisse und Lebensbeziehungen gut und versöhnlich seien. Aber wenn es anders kommt als erhofft, ist das keine Widerlegung Gottes, als könnte er sein Dasein nur dadurch erweisen oder legitimieren, dass er mir Gutes tut, wie ich es mir wünsche.
Israel bewegt sich auf dem Weg in die Freiheit am Rande der Wüste. Vielleicht ist das ja ein entlastendes, weil realistisches Bild für die nahe Zukunft, die uns heute mit dem Jahreswechsel vor Augen steht. Solange die Erde steht und wir nicht im Reiche Gottes leben, sind wir am Rande der Wüste unterwegs in die Freiheit, aber noch nicht in letzter Sicherheit. Unser Leben bleibt bedroht, wir sind immer noch unterwegs, wir haben nur eine Ahnung, wohin die Reise geht, wir können planen und träumen, Mächte können verhandeln und Verträge schließen, wir können Frieden wagen und für Gerechtigkeit streiten und sie manchmal dann erstreiten. Aber wir bleiben unterwegs mit dem Ziel, dem Versprechen, aber auch dem geglaubten Wagnis des gelobten Landes vor uns.
Alles was wir unterwegs haben, ist die Zusage, und im Glauben die Gewissheit, dass Gott diesen Weg mit uns geht. Er ist nicht abwesend, aber er traut und mutet uns zu, dass wir uns bewegen, unterwegs bleiben. Dann will er da sein, dabei sein, mitgehen, Zeichen für seine Gegenwart setzen: Wolken- und Feuersäule. Wir werden nicht ans Ziel getragen, sondern auf die eigenen Beine gestellt mit einem Weg, der vor uns liegt.
Gott hat sich bis heute nicht unsichtbar gemacht. Nur dass uns keine Wolken- oder Feuersäule den Weg weist. Wir haben sein Wort. Wir können miteinander Orientierung darin suchen. Ich traue das dem biblischen Wort zu. Die Jahreslosung wird so ein Licht sein, die Losungen der Herrnhuter Brüder sind es ebenso, die biblischen Lesungen und Gedanken aus den Kalendern, die Andachten in den Zeitungen und hoffentlich die vielen Gottesdienste, die wir miteinander feiern in der Erwartung, dass Gott uns nicht nur dazu einlädt, sondern mitten unter uns ist, um uns zu berühren, zu bewegen und zu begleiten.
Wir haben Wegzehrung für unterwegs: Brot und Wein sind Zeichen dafür, dass wir nicht allein sind und auf dem Weg finden, was wir zum Leben brauchen. Deswegen ist es gut oft Abendmahl zu feiern.Wir bitten Gott um seinen Segen und lassen uns anrühren von ihm. Darum eine herzliche Einladung auch zum morgigen Gottesdienst, wo Segen wie in den letzten Jahren in einer Salbung ähnlich sinnlich erfahrbar sein kann wie im Abendmahl.
Wir dürfen staunen und singen und aufbrechen: heute in eine neues Jahr: Gott zieht vor uns her. Amen

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