Noch einmal Kind sein…. (Jesaja 9,1-6)

Tief aus dem Brunnen der Vergangenheit, aus dem gefühlten Paradies glücklicher Kindheit, steigen Bilder auf, ganz gegenwärtig und lebendig. Es ist wieder Heilig Abend. Wie innig haben wir gewartet, Tage gezählt, die Ferien herbeigesehnt und nun war Heilig Abend. Den Nachmittag bis zur Bescherung verbrachten wir gemeinsam im Kinderzimmer. Unendlich lang erinnere ich diese Zeit am Nachmittag, Stunden, von denen ich gar nicht mehr weiß, ob sie wirklich so lang waren. Wir schauten in die hereinbrechende Dunkelheit, manchmal fiel leise Schnee, wir lasen noch einmal in die Gedichte hinein, die wir mühsam wie jedes Jahr gelernt hatten. Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr, aber in einem ganz bestimmt, murmelte ich leise mit Joseph Eichendorf vor mich her:
Markt und Straßen stehen verlassen
still erleuchtet jedes Haus
sinnend geh ich durch die Gasse
alles sieht so festlich aus
So fühlt sich Weihnachten bis heute an: friedliches Dunkel umfängt am Abend alle, die Menschen sind in ihren Häusern, man sieht die Lichter durch die Fenstern schimmern, keiner eilt oder hetzt mehr hin und her (wobei ja heute mehr die Packetboten hetzen als die Einkaufsfreudigen in den Einkaufsstraßen). Ich spüre Sehnsucht und wohlig wehmütige Erinnerung sich ausbreiten: so sollte es immer sein und so war es für einige wenige Momente doch auch – Jahr für Jahr.
Ich bin nicht allein mit dieser Erinnerung und Sehnsucht. Sie wird am Leben gehalten, sie wird stets neu bedient oder wieder geweckt, die Medien- und Werbewelt ist ja nicht dumm, sie versteht sich auf den Menschen: Weihnachten im Kreis der Familie, lichtgeschmückte Städte, Straßen, Häuser, Menschen, die Liebe und Frieden zulassen und einmal vergessen, was das ganze Jahr über trennt, gegenseitig vorgehalten oder an Verletzungen gepflegt wird. Jeden Abend zumindest in einem der liebenswerten Weihnachtsfilme. Es ist also Weihnachten: in meiner Erinnerung, in meiner Sehnsucht und in den Bildern, die mir vorgehalten werden, von denen ich mich ablenken lasse und so gerne eintauche..
Deswegen schrecken die anderen Bilder auf, die sich immer wieder in den Vordergrund drängen, sie stören und schmerzen, Bilder, an denen sich seit der Zeit des Propheten Jesaja nicht wirklich etwas geändert hat: die Stiefel der Soldaten dröhnen auf den Straßen und in den Gassen, Blut getränkte Mäntel erzählen von unendlichem Leid, von Gewalt und Krieg, von Tod und Elend, von Menschen verschuldet oder unschuldig erduldet. Damals die militärische Gewalt der Besatzer, die jeden Widerstand und Aufstand gewaltsam unterdrückten und versuchten, Frieden durch Androhung von Gewalt zu erzwingen,
( vor hundert Jahren der weltumfassende Krieg, der ins vierte Jahr ging und dazwischen hier und da Weihnachten auf dem Felde, zwischen den Fronten, vor achtzig Jahren noch in trügerischer Sicherheit für die, die nicht zu den Verfolgten, Ausgegrenzten, vom Rassenwahn Abgestempelten gehörten, vor siebzig Jahren Weihnachten im vom Krieg zerstörten Deutschland, in denen die Stiefel der Soldaten, die Ketten der Panzer noch nachzuhallen schienen zwischen den Ruinen in ausgebombten und in Schutt und Asche gelegten Städten, ein Frieden, dem noch nicht alle wirklich trauen mochten )
und heute: übervolle Flüchtlingslager, abgeschottete Grenzen, Gewalt und Terror nach den frühlingshaftem Gefühl von Freiheit in den arabischen Diktaturen und auf den belebten Plätzen und Straßen unserer westlichen Welt, wie vor einem Jahr in Berlin. Unsere Angst scheint denen, die Terror, also Angst und Schrecken verbreiten wollen, längst schon zu gehören, und dann Bürgerkriege, an die wir uns schon gar nicht mehr erinnern, obwohl sie kein Ende gefunden haben. Oder es bebt die Erde, brennen die Wälder, es stürmt und reißt alles nieder, worin Menschen sich bergen können: Dunkelheit, die alles andere als idyllisch ist, sie macht uns Angst, weil wir kein Licht am Ende des Tunnel zu sehen meinen. Es ist nicht die Dunkelheit, durch die ich am Weihnachtsabend gerne gehen und mich meinem Gefühl hingebe, es ist eher die Angst vor dem Dunkel , dass das Kind in mir im Keller so fürchtete.
Weil die Sehnsucht in uns mit den vermeintlich so viel stärkeren Bildern der sogenannten Wirklichkeit um uns herum im Streit liegt, empfinden wir die Zerrissenheit in diesen Tagen stärker und finden uns mit ihr weniger ab als sonst. ( Zu keiner Zeit im Jahr ist die Spendenbereitschaft der Menschen so groß wie in der Weihnachtszeit. Brot für die Welt wird zu einer Massenbewegung und nicht nur zum Steckenpferd einiger weniger unbelehrbarer Träumer. Gott sei Dank! )

Und auch das hat sich seit den Zeiten des Propheten des Propheten nicht wirklich geändert: Gegen die Dunkelheit helfen nur Bilder der Hoffnung. Ein Licht geht auf, strahlt in die Dunkelheit hinein. Ich kann plötzlich wieder sehen, Konturen erkennen, in ein freundliches, warmes Licht getaucht verliert Vieles seine Ecken und Kanten, seinen Schrecken, wird weichgezeichnet wie im freundlichen Licht einer Kerze: Ein Kind ist geboren. Alle guten Empfindungen in uns werden wach. Sorge, Fürsorge oder Hilfsbereitschaft melden sich. Ein Lächeln verzaubert das Gesicht, Frieden liegt auf den kindlichen Zügen, die noch keine Bosheit und keine Niedertracht kennen, noch nicht enttäuschen oder getäuscht wurden. Die Zukunft ist noch ganz offen, alles ist möglich. Wie wäre es, wenn ich noch einmal ganz neu anfangen und alle Schatten der Vergangenheit abschütteln könnte? Ich bin doch vielmehr als das, was andere schon immer über mich gewusst oder gedacht haben. Bei einem Kind ist noch alles möglich. Bei einem Kind spielt die Hautfarbe, die Abstammung, der Glaube noch keine Rolle, da fallen alle Mauern und Grenzen, alle sozialen und kulturellen Schranken, die wir so pflegen und hochziehen. Und weil wir Weihnachten die Geburt eines Kindes feiern, ist Weihnachten zeitlos das Fest, dass dieser Sehnsucht in uns immer wieder Nahrung gibt.
Ja, da ist ein Licht in der Nacht im Dunkel von Leid, Schuld, Krieg, Armut, Vorurteilen und Hass aufgegangen, ein Kind, das verbinden und nicht trennen will, ist zur Welt gekommen, eine Freude, die allem Volke widerfahren soll, also allen Völkern; Gott kommt als ein Menschheitskind, im besten Sinne des Wortes ein Menschenkind! Wir dürfen unseren Gefühlen trauen, die dieses Kind in uns auslöst.
Wir dürfen ihn bei seinem Namen nennen; bedeutungschwer sind sie, wie übrigens fast alle Namen,  von seinem Wesen und seinem Leben erzählen sie.
Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedefürst.
Mit den Fragen des Lebens nach Ursprung und Ziel, nach Anfang und Ende, nach Neuanfang und Umkehr kann man Rat bei diesem Kind finden.
Es wird in uns ein Bild von Gott wecken, der diese Welt nicht sich überlasst, sondern sich ihr ausliefert. Unsere Lebenswelt ist nicht gottlos, denn sie wird diesen Gott nicht los, er ist und bleibt ein Menschenkind,, Kind unter Menschen, dieses Gotteskind aus Bethlehem bis zum letzten Atemzug. Es macht Menschen stark und mutig, weil es ihnen Aufmerksamkeit und Würde schenkt und zuspricht.
Es ermutigt, Gott nicht als fernes unfassbares Schicksal zu betrachten, sondern beim ihm liebevoll Zuflucht zu suchen, sich in ihm zu bergen, wie bei einem liebevoller Vater, einer fürsorgliche Mutter, wo Angst und Sorgen abgeladen werden dürfen.
Und wir dürfen Frieden bei ihm lernen, Frieden, der in uns anfängt wenn wir uns annehmen, für unser Leben und mit Gott Frieden gefunden haben und wenn wir einander, egal woher wir kommen, egal wer wir sind, mit den Augen des Kindes als Menschenkinder wie Geschwister anschauen, also gleich gültig und würdig sein lassen.
Jetzt verliert er sich in seinen Träumen, mag mancher denken. Vielleicht träume ich, aber ich verliere mich nicht. Ich folge vielmehr dem Licht des Sterns. Es ist ein weiter Weg, den ich mit ihm gehen muss und dieser fängt auch heute noch immer erst an. Der Stern, der in dieser Nacht aufgeht, beendet nicht einfach die Dunkelheit um mich herum, ist kein grelles Neonlicht, dass in die Dunkelheit knallt und doch nur ein kaltes Licht erzeugen kann. Er dringt behutsam mit seinem Licht in das Dunkel hinein und zeigt mir seinen Weg, der sich vor mir auftut. Nur: ich muss ihn auch gehen. Die Dunkelheit verliert ihren Schrecken. Das Kind in der Krippe ist nicht das Ende allen Leidens und Schreckens, aber es ist der Beginn, ein Neuanfanges für alle Menschen guten Willens. Es spricht die guten Seiten in uns an, es weckt die Kräfte des Friedens und des Heils in uns. Deswegen müssen wir uns nicht fürchten und nicht verzweifeln. Gott lässt uns nicht im Dunkel, der Stern, das Licht seines Kindes bleibt über uns.
Tief aus dem Brunnen der Vergangenheit steigen die Erinnerungen und die Sehnsucht auf. Und wenn ich dann in die Lieder und in die alten Worte eintauche, wenn der Jubel und die Freude von mir Besitz ergreift, dann spüre ich: Gott kommt wirklich zur Welt. Er ist doch gerade mit Händen zu greifen; spürst du es nicht auch?
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im dunkeln Lande, scheint es hell: Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist gegeben.
Es ist Weihnachten – frohe Weihnachten – gesegnete Weihnachten

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