Der Himmel ist anders

Reichlich Weihnachtslieder singen wir heute noch einmal. Aber halt! Das Lied eben war doch überhaupt kein Weihnachtslied! „Geist des Glaubens, Geist der Stärke“, da ging es um Märtyrer. Die Zeugen und Bekenner des christlichen Glaubens, die unter Lebensgefahr sich zu Jesus bekannt haben. Von Stephanus handelte die Strophe eben: „Schenk gleich Stephanus uns Frieden mitten in der Angst der Welt, wenn das Los, das uns beschieden, in den schwersten Kampf uns stellt.“

Heute ist Stephanustag, 26. Dez. Stephanus war Diakon in der ersten Christengemeinde in Jerusalem. Er hat auch gepredigt. Mit großer Resonanz. Und unter großem Widerspruch. Bei seiner letzten Predigt waren die Zuhörer total ergriffen. Und zugleich aufgebracht, denn er hatte ihren Unglauben kritisiert. Da sind die ausgerastet. Es heißt: „Als sie das hörten, gings ihnen durchs Herz. Sie knirschten mit den Zähnen über ihn. Sie schrien laut, hielte sich ihre Ohren und stürmten einmütig auf ihn ein, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.“

Stephanus, der erste Märtyrer. Was waren seine letzten Worte? „Der Herr wird es euch heimzahlen? Gott wird mich rächen?“ O nein! Es war ein Ausruf des Staunens! „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen!“

Darum soll es jetzt gehen. Um den Himmel. Darum ging es eigentlich schon andauernd in der Zeit vor und an Weihnachten. Aber der Himmel war dabei meist nur Kulisse. Ist nur Abklatsch: GlöckCHEN, EngelCHEN. Trotzdem hält sich der Kern von Weihnachten stabil gegenüber allem Kitsch, allem Konsumgriff. Denn stark ist die Sehnsucht  nach einer Welt voll Harmonie, ohne Streit und Krieg. Wir möchten das nicht nur für ein paar Tage haben, sondern immer. Hinter der Sehnsucht nach der harmonischen, friedvollen Weihnacht steht die Ahnung, dass die Welt Gottes vollkommen ist. Und dass es doch wahr sein möge, was wir insbesondere in den Krippenspielen am Heiligen Abend miterleben. Wie in jener Nacht von Bethlehem die himmlische vollkommene Welt mit unserer irdischen Misere  in Berührung gekommen ist.

Drei Fragen wollen wir nachgehen:

Die erste: Wie stellst du dir den Himmel vor?….

Die zweite: Was wurde dir über den Himmel erzählt?

Die dritte: Wenn es im Himmel so schön ist, warum sind wir dann noch hier?

Auf die 1. Frage, wie stellst du dir den Himmel vor, hat der bayrische Heimatdichter Ludwig Thoma die wohl bekannteste Antwort gegeben.

Er erzählt vom Münchner im Himmel. Da ist der Münchner Dienstmann Alois Hingerl. Er erledigte einen Auftrag mit solcher Hast, dass er vom Schlag getroffen zu Boden sank und starb.

Im Himmel eröffnet ihm Petrus, dass er von jetzt ab »Engel Aloisius« heißt. Petrus erklärt ihm auch gleich, wie es im Himmel zugeht: »…von morgens 8 Uhr bis mittags 12 Uhr: frohlocken; von mittags 12 Uhr bis abends 8 Uhr: Hosianna singen.« Das wird dem Alois bald zu fad, zumal er weder Bier noch Schnupftabak bekommt. Und er fängt an, immer wütender Halleluja zu singen: »Hahleluja – Luhja – Luhja sag i – Hahleluja – Luhja!!!«

Schließlich beschwert er sich beim lieben Gott, und der hat ein Einsehen und sagt: »Mit dem können wir hier nichts anfangen. Nun, für den habe ich eine andere Aufgabe – er soll meine göttlichen Ratschläge der Bayerischen Regierung überbringen.« Das ist dem Alois recht, auf die Weise kommt er ja wenigstens einmal in der Woche wieder nach München. Er bekam auch gleich den ersten Brief und flog los. Aber in München geht er erstmal in Hofbräuhaus und trinkt eine Maß und noch eine und noch eine, und darüber vergisst er seinen Auftrag und sitzt da heute noch.

Und so wartet die Bayerische Staatsregierung bis heute vergeblich auf die göttlichen Eingebungen.

Was sagt diese Geschichte über den Himmel? Es ist ein langweiliger, eintöniger Ort. Und wenn man wählen kann, dann ist die Erde besser, wo wenigstens noch was los ist. Hier auf der Erde tobt das Leben, der Himmel ist dagegen so eine Art langweilige Seniorenresidenz.

Du sagst vielleicht, das ist doch Quatsch mit dem Münchner im Himmel, der Ludwig Thoma hatte ja keine Ahnung. Im Himmel werden wir bei natürlich Jesus sein.

Gut. Aber was wird dort passieren? Wird dort überhaupt noch etwas passieren? Oder wird dort die ewige Ruhe ausbrechen?

Also davor hab keine Sorge, vermutlich werde ich überwältigt sein von den vielen Eindrücken. Erst mal würde ich Leute begrüßen, die ich kenne. Weggefährten, die nicht mehr leben, die ich vermisse. Ich würde den Paul fragen, ob er dort auch Posaune bläst oder ob er es genießt, nicht vorne stehen zu müssen und den Takt angeben. Ich bin gespannt auf Gertrud Heitmann, die mir immer so würdig assistiert hat beim Abendmahl. Wird sie mich weiter siezen, Herr Pastor Musiolik? Meine Schwiegereltern würd ich natürlich fragen, hey, habt ihr euch gefreut, dass wir in den Frankenwald gezogen sind, das habt ihr doch sicher gleich mitbekommen?

Spannend wird das sein. Da ist es schon erstaunlich, wie der Seher Johannes, der hier im Himmel hinter den Vorhang gucken darf, es anders macht. Dem fallen als erstes nicht die Bekannten auf, die Lieben die er vermisst. Die unbekannten fallen ihm auf. Wer sind diese, fragt er.

Der Himmel ist offenbar anders als wir es erträumen. Die Frommen, egal aus welcher Religion, denken ja immer, sie stoßen auf Ihresgleichen. Die Sunniten erwarten die Sunniten, die Schiiten müssen ja in der Hölle schmoren. Die Schiiten erwarten es umgekehrt. Die Zeugen Jehovas sagen im Blick auf die 144.000, von denen Offenb Kap 7 kurz vorher handelt: Das sind natürlich wir. Die Evangelikalen sagen, in den Himmel kommen die Bekehrten und Wiedergeborenen. Nur die Jecken sehen das ganz entspannt: Die singen wir kommen alle, alle in den Himmel.

Gewiss, es sind unübersehbar viele. Eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Aber es sind eben doch nicht die vereinten Nationen. Die dort im Himmel zusammen kommen, sind nicht durch ihren guten Willen vereint. Sondern in ihrer Hingabe an Gott.

Es ist gut, dass wir den Menschen um uns nicht an der Nasenspitze ablesen können, der gehört dazu, den wird Gott auch im Himmel loben. Mit vielem was Jesus tat und gesagt hat, ist er angegangen gegen unser Schubladendenken. Bei Zachäus kehrt er ein, von der Frau am Brunnen lässt er sich bewirten. Dem Gehenkten neben sich am Kreuz verspricht er das Paradies. Die Arbeiter im Weinberg, schweißnass von der Plackerei eines langen Tages, bekommen keinen Cent mehr als der kurz vor Abpfiff´eingewechselte Minijobber.

Der Himmel ist voller Überraschungen. Aber es geht fair zu. Das Heil Gottes ist kein Glücksspiel. Gott macht keine Weihnachtsverlosung. Wer Jesus hat, der hat das Leben. Daran halte ich mich. Wie Gott mit den anderen umgeht, ist seine Sache.

Ich freu mich auf den Himmel. Schon wegen der Musik. Die Offenbarung ist ja das Buch mit den vielen Liedern. Da wird geschmettert vokal und instrumental. Und endlich dürfen wir richtig mit dabei sein.

Hier ist das ja beschränkt. Du hörst den Jugendchor und würdest gerne mitsingen, aber die singen gerade ein Vortragsstück. Du hast nicht mitgeübt und bist eh zu alt dafür. Im Himmel stimmen alle ein, vielleicht sogar ohne üben zu müssen.

Da hörst du hier in einer Kirche Frau von Kieseritzki orgeln. Vielleicht das tolle Vorspiel aus dem Messias. Jetzt ein Solo dazu von Anna Netrebko gesungen. Im Himmel müsstest du dafür nicht mal für eine Karte anstehen. Hoffentlich kommt die Frau in den Himmel! Denkst du. Und dann merkst du auf einmal: Hey, der tolle Klang hier im Himmel, das kommt ja gar nicht von Opernstars und Profimusikern. Es sind ganz einfache Leute, die von Herzen singen und unplugged musizieren und es klingt phantastisch. Sie stimmen innerlich überein. Sie sind erfüllt von Freude an Gott, sie sind miteinander verbunden durch Jesus, und das geht quer durch die Konfessionen und Kulturen.

Frage zwei: Was wurde dir über den Himmel erzählt? Vermutlich sehr, sehr wenig. Außerhalb der Kirche, innerhalb der Kirche. Sehr, sehr wenig.

In der Welt ist das völlig normal. Trotz Weihnachten. Gerade an Weihnachten. Die Welt ist irdisch gesinnt. Wenn ich um diese Jahreszeit mit meinem Vater über Weihnachten spreche, stellt er meist zwei Fragen: Wie teuer war der Baum? Was habt ihr gegessen? Das ist ganz typisch.

Die Welt weiß wenig vom Himmel und deshalb hat sie keine Ahnung, wie man ein christliches Fest feiern soll. Da können drei Feiertage nacheinander richtig lang werden.

Aber die Kirche weiß um den Himmel. Ihr sind diese Geheimnisse anvertraut. Man sollte erwarten, das ist in ihr der Himmel häufig Thema ist und sie davon schwärmt in den höchsten Tönen. Schön wärs.

Auch die Kirche zeigt sich himmelsmäßig weitgehend unkundig, wenig interessiert. Vom Himmel erzählen, gar für den Himmel werben, das hat sie den Sekten, den Muslimen, den Esoterikern überlassen. Sie muss sich ja kümmern um Mitgliederpflege, Denkmalschutz, Kulturprogramme, Kinderbetreuung. Es gibt Ausnahmen, gerade hier im Frankenwald, aber im kirchlichen Alltagsgeschäft taucht der Himmel wenig auf. Um ein Haar hätte die Kirchenzensur sogar damals das Buch der Offenbarung aussortiert, als es darum ging, welche Bücher sollen in die Bibel. Die Offenbarung des Johannes stand schon auf dem Index. Weil die Sektierer sich auf dieses Buch beriefen. Die alte Kirche sah diese Gefahr. Aber sie sah vor allem was uns fehlen würde, wenn wir dieses Buch nicht dabei hätten. Wir wüssten viel weniger über den Himmel.

Aber  – – 3. Wenn es im Himmel so schön ist, warum sind wir dann noch hier?

Zur Vorbereitung. Wir sollen andere vorbereiten, wir sollen uns selber vorbereiten.

Wir sollen andere vorbereiten Warnend. Warnend vor der Illusion, dies Leben hier sei alles und dann geht das Licht aus und es kommt nichts mehr.

Diese Warnung wird kraftvoll nicht mit Drohen vorm Höllenfeuer. Sie entfaltet Kraft, wenn man dir die Sehnsucht abspürt nach dem Himmel. Wenn man dir die gewisse Hoffnung auf den Himmel abspürt.

Die Zeit, die wir noch hier verbringen müssen, dient auch unserer eigenen Vorbereitung.

Unser Leben hier ist die Probe, dort die Aufführung. Da gibt es dann kein Zurück mehr. Samstag war die Probe fürs Krippenspiel. Da konnte das Kigoteam Stop sagen, umstellen, Fehler korrigieren. Schon in einer Probe gib es tolle Augenblicke und bewegende Momente. Aber wenn die Szene dann hier aufgeführt wird, dann kommen erst die richtigen Glanzlichter.

So haben auch wir die strahlende Uraufführung unseres Lebens noch vor uns. Wir sind hier zu üben und zu lernen. Deshalb müssen wir überhaupt keine Sorge haben, etwas zu verpassen.

So viele Menschen schauen zurück und sagen: O Mann, mein Leben ist ja schon fast rum! In zwei Jahren bin ich dreißig! Ich muss mich ranhalten, wenn ich noch alles schaffen will, was zu einem richtigen Leben gehört! Ich war noch nicht auf den Seychellen. Ich habe die große Liebe erst zweimal gefunden. Ich war noch nie im Fernsehen. Und unsere Wohnung war noch nie richtig aufgeräumt.

Mit jedem Geburtstag wächst die Torschlusspanik. Und Menschen machen verzweifelte Versuche, noch rechtzeitig das zu erleben, was zu einem »richtigen« Leben gehört. Und am Ende hoffen sie nur noch darauf, die Konfirmation des Enkels noch zu erleben oder das Ehejubiläum.

Aber die Uraufführung kommt erst noch, und wir werden unser begonnenes Werk erst im Himmel fertig bekommen. All das, was wir jetzt so gerne hätten, das wartet auf uns. Wir müssen es nicht mit aller Gewalt jetzt schon haben.

Wir üben für das große Leben, das vor uns liegt. Wie viele deiner Pläne rechnen mit der neuen Welt? Du bist dazu berufen, mit Jesus Planetensysteme zu regieren – warum sitzt du dann herum und häkelst Topflappen und schaust dir das unsägliche Fernsehprogramm an und löst Kreuzworträtsel? Sieh zu, dass echte Spannung in dein Leben kommt! Unterscheide das Wichtige und das Überflüssige! Fang an den Einfluss auszuüben, den du jetzt schon hast, wenn die Kraft Gottes in dir ist. Nutz den Verantwortungsbereich, den Jesus dir jetzt schon anvertraut hat, ob er groß ist oder klein.

Manche haben nur ganz wenig Kraft, ihr Verantwortungsbereich ist winzig klein. Aber den wahrzunehmen muss man wollen. Das kostet in dieser Welt Mühe und Arbeit. Also: runter vom Sofa! Hör auf, darüber nachzudenken, was andere für dich tun müssten. Denk lieber darüber nach, was dein Job ist! Das kann richtig anstrengend sein! Der eine muss immer noch üben, wie man einen ungezogenen Hund erzieht. Oder ein missratenes Kind. Oder wie man einen chaotischen Schreibtisch aufräumt. Dabei lernen wir Geduld, Umsicht, Barmherzigkeit. Bereiten uns vor auf den Himmel.

Wie wird der Himmel sein, hatten wir gefragt.

Johannes erzählt von Palmenzweigen, Thron, weiße Gewänder. Klar. Er beschreibt mit seinem Vorstellungsvermögen. Aus dem 1. Jahrhundert. In zwei jüngst erschienenen Berichten erzählen zwei Mädchen mit einer Nahtoderfahrung was sie gesehen haben während ihres kurzen Himmelsaufenthalts.

Währenddessen versuchte die Feuerwehr die eine aus einem hohlen Baum zu bergen nach ihrem 9m Sturz. Bei der anderen rangen die Ärzte um das kleine Leben während der riskanten OP. Die Himmelsdetails, die beide später schildern, erinnern an Disneyland. Die Kinder leben halt in Amerika. Daneben ist viel Überraschendes in ihren Berichten. Eine trifft im Himmel ihre kleine Schwester, von der sie nichts wusste. Die war bei der Geburt gestorben, die Eltern hatten nichts davon erzählt. Im Himmel begegnet sie ihr und sie trägt den Namen, den die Mutter einst ausgesucht hatte.

Hier ist das Überraschende die große Menge aus allen Erdteilen, Sprachen, Kulturen. Jesus ist wirklich der Erlöser der ganzen Welt. Wir werden staunen, wie wenig deutsch oder christlich abendländisch der Himmel sein wird. Trotzdem werden wir uns zu Hause fühlen. Es wird uns nicht grausen wie auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt abends am Adventssamstag, erdrückt und geschoben von lauter Fremden. Und Jesus ganz fern und klein wie der Papst am Fenster vom Vatikan. Es wird anders sein, persönlich, himmlisch halt.

Und das andere Erstaunliche, es wirkt hier gerade nicht wie ein Klassentreffen der Rechtgläubigen. Unüberschaubar ist die Schar derer, die hier zu kurz gekommen sind, sich aufgerieben haben, herum gestoßen wurden. Dazu Millionen aus Ausschwitz, aus den Gulags in Sibirien und Nordkorea, Vertriebene aus Nordafrika und Burma. Ungeborene und Behinderte, die nur störten. Jesus kennt ihre Not, er gedenkt, was sie getan haben oder ihnen angetan wurde.

Den Himmelsblick wollen wir mitnehmen am Ende der Weihnachtstage. Wie bei Stephanus. Umringt von Widersachern sorgt er nicht, was werden die mir als Nächstes Schlimmes antun. Er wünscht ihnen sogar Gutes. Er blickt auf Jesus. Und sieht so hinter dieser Welt den Himmel schon offen. Diesen Durch-Blick wünsche ich mir und uns.

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