Alles eine Frage der Perspektive oder: überall wird von Weihnachten gesungen (Offenbarung 7, 9-12)

Kurz vor Weihnachten entdecken die Printmedien regelmäßig Themen, die nach der Bedeutung der Religion und der Kirche in der Gesellschaft fragen. Das ganze Jahr über interessieren sie sich nicht so dafür, wie wir es als Kirche manchmal gerne hätten. Aber Weihnachten ist ja ein Massenphänomen. Und es lässt sich nicht leugnen, dass dieses Fest, für manche nicht mehr als ein Event, eine zumindest ursprünglich religiöse Bedeutung hat und von daher eigentlich gottesdienstlich gefeiert gehört. Man könnte fragen, was die Menschen eigentlich feiern, wenn sie nicht zu allererst Gottesdienst feiern. (Die Antworten lauten dann meist: das Fest der Liebe, des Friedens oder der Familie). In der FAZ und mit der gleichen Agenturmeldung im Hintergrund ganz ähnlich in vielen Tageszeitungen konnte man in diesem Jahr mit großer Schlagzeile lesen: „Nur jeder fünfte Deutsche (21 Prozent) will zu Weihnachten einen Gottesdienst besuchen. Das ergab eine INSA-Umfrage für die „Bild“-Zeitung (Montag). Gut jeder Zweite (55 Prozent) weiß demnach sicher, dass er am Fest von Christi Geburt nicht in die Kirche geht; der Rest macht keine Angaben.“ „Bei den Unterstützern der Parteien, liegen die Anhänger der Union vorn: Jeder dritte Unionswähler (34 Prozent), jeder vierte AfD- (26 Prozent), FDP- (24 Prozent) und Grünen-Wähler (24 Prozent) gab an, einen Weihnachtsgottesdienst besuchen zu wollen. Das Gleiche tat nur jeder fünfte SPD- (21 Prozent) und nur jeder achte Linken-Wähler (12 Prozent).“
Seltsam: noch vor wenigen Jahren, vielleicht sind es fünf oder zehn Jahre, wurde Jahr für Jahr die steigende Gottesdienstbesucherzahl zu Weihnachten staunend gemeldet und nach der Wiederkehr der Religion gefragt. Ist da etwas passiert, was ich verpasst habe oder kann ich einfach nur die gleichen Zahlen verschieden deuten, je nach dem, wie ich gerade Stimmung wahrnehme oder Stimmung machen will?
Ich kann feststellen: nur 43 % der evangelischen Christen wollten eine Christvesper besuchen, 57 % also nicht.
Ich kann aber auch feststellen: fast jeder zweite evangelische Christ ( ca 10 Mio von 22 Mio) wollte Hlg. Abend in die Kirche und unter den Gottesdienstbesuchern sind 8% der Konfessionslosen und damit eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, die keiner Kirche angehören. Sie suchen etwas und erhoffen sich etwas, wenn sie Heilig Abend in die Kirche gehen. Wenn ich natürlich den Bedeutungsverlust schadenfroh feststellen will, dann lese ich die Zahlen anders. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive, es gibt keine objektive Wahrnehmung des Phänomens „Weihnachten“. Weihnachten kann auch nicht objektiv sein, weil dieses Ereignis mit jedem etwas zu tun haben will: mir und dir zu Gute kommt Gott zur Welt oder er kommt gar nicht. Vermeintlich objektiv ist ein Kind geboren vor ungefähr zweitausend Jahren… Alles andere ist Deutung, Glaube, Erfahrung, Hoffnung…von allem etwas und für jeden etwas anderes, vielleicht gerade jetzt – Weihnachten.
Und was ist bei aller Zahlendeuterei mit den Menschen, die bewusst nicht am Heiligen Abend, sondern zum festlichen Bläsergottesdienst oder zum Chorgottesdienst an einem der Weihnachtsfeiertage gehen oder sich den Besuch zum Jahresabschluss aufheben?
Ich finde es immer wieder erstaunlich und wunderbar, wieviele Menschen sich anrühren lassen von einem eigenartigen und einmaligen Fest im Kalender- und Kirchenjahr und es immer wieder so ist, wie in der Offenbarung mit dem heutigen Predigttext beschrieben:
Offenbarung 7,9-12: Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,  und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Weihnachten ist wie die Botschaft Jesu und letztlich auch die Kirche ein weltumfassendes Phänomen, gewissermaßen eine erste Globalisierung. Aus einem kleinen lokalen Ereignis, nichts anderes versucht ja der Evangelist Lukas mit seiner Einordnung in größere Zusammenhänge deutlich zu machen, aus der Geburt eines Kinder in der Provinz, im hintersten Winkel des römischen Reiches, in Bethlehem, ist eine weltumspannende Bewegung geworden, ausgewandert auf den Handelsstraßen des Imperiums, mit den Menschen, die die damalige bewohnte Welt repräsentierten, eingewandert in die alte Welt. Diese Bewegung ist bis heute weltweit nicht zum Stillstand bekommen. Ein lebendiger und drängender Geist scheint ihr innezuwohnen. Die Klage über den Rückzug des Christentums, über die Säkularisierung, über die Ausbreitung der Gottvergessenheit, ist doch eine sehr lokale, westliche Erscheinung, und keine Situationsbeschreibung zur Zukunft des Christentums in globalem Maßstab, zu dem allerdings auch die globale Verfolgung und Einschränkung der Religionsfreiheit für Christen gehört, die wie keine andere Glaubensgemeinschaft unter der Einschränkung der Religionsfreiheit leiden. So verschieden, wie Menschen sind, so unterschiedlich feiern sie Weihnachten, erzählen, dass Gott auch in ihre Welt, in ihren Alltag, in ihr Leben kommt als Mensch wie sie. Internationale Weihnachtskrippen zeigen, wie Menschen aus allen Ländern und Kulturen, die Menschwerdung Gottes feiern können, weil das Kind in der Krippe Jesus, als einer von ihnen begriffen und dargestellt wird.
Bettina Wegener, die Berliner Liedermacherin, vor allem berühmt durch ihr Lied über die kleinen Kinderhände, die gerade ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert hat, hat schon vor mehr als dreißig Jahren gesungen und provoziert und dabei mehr begriffen als alle, die meinten Weihnachten gehöre ihnen allein:
Denn Jesus war Pole und Jude dazu
Jesus war ein Schwarzer und kam aus Peru
Jesus war Türke und Jesus war rot
(allerdings zog sie daraus die Konsequenz:
Mensch Jesus, bleib oben, sonst schlagen sie dich tot).
Wird Gott Mensch, dann wird er nicht nur für weiße, deutschstämmige Europäer Mensch, sondern vereint alle in ihrer Besonderheit und Eigenheit, in ihrer Vielfalt zu der einen Menschheit Gottes, die ihn liebevoll „Vater“ nennen und seinen mütterlichen Trost erhoffen und erfahren darf. Noch einmal aus dem FAZ-Artikel zitiert: „Je stärker das politische Interesse ist, desto größer ist offenbar die Bereitschaft, einen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen“ – vielleicht weil sie begreifen, dass Weihnachten auch aber nicht nur innerliche Ergriffenheit bedeutet, sondern auch gesellschaftliche und politische Provokation, die jede Generation für sich wieder neu entdecken muss.

„Das Heil ist bei unserem Gott auf dem Thron und bei dem Lamm“ – so ruft der Völkerchor vor dem Thron in dem großen Trostbuch der Offenbarung, mit dem der kleinen verfolgten Christenschar Mut gemacht wird, die Hoffnung nicht fahren zu lassen. Gott setzt sich durch und nicht die lebensfeindlichen Mächte behalten die Oberhand. Herrscher, Diktaturen, Reiche kommen und gehen, Gott aber bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Allerdings ist seine Weise zu herrschen eine ganz andere als die uns vertraute. Nicht mit Machtdemonstrationen und Abschreckungsszenarien, sondern mit Menschlichkeit, Hilflosigkeit und Leidensbereitschaft kommt er und verändert er die Welt und ihre Verhältnisse. Bettina Wegener´s Rat geht ins Leere: „Mensch Jesus, bleib oben, sonst schlagen sie dich tot.“ Das hätten die Gewaltherrscher ja gerne, dass am Ende keiner mehr an die Geknechteten und Leidenden, an die in Gefängnissen, Schuld oder Verzweiflung Gefangenen denkt, sie in Vergessenheit geraten, weil Gott sich verbirgt, im Himmel verkriecht, lieber nicht an der Seite der Leidenden zu finden ist. So ist es aber eben nicht bei Gott, das Bild vom Lamm erschöpft sich nicht in der sprichwörtlichen Ergebenheit eines Lammes, das sich widerspruchslos zur Schlachtbank führen lässt („Lammfromm“), sondern darin, wie Jesus sich dem Leben stellt und nicht vor ihm und seinen Konsequenzen ausweicht, auch nicht vor den Mächten und Gewalten flieht, sondern sich ihnen um aller Leidenden willen stellt. Die Logik von Macht und Gewalt wird radikal durchbrochen. Auch diese Botschaft haben wir wohl immer noch nicht richtig verstanden, weil wir fast ausschließlich den Herrschaftsmitteln vertrauen. Aber das Heil liegt nicht in der Gewalt (zeigt uns das nicht gerade die Gegenwart in den Konflikten und an den Brennpunkten wie Syrien oder Afghanistan?), das Heil liegt in dem Weg, den Jesus zeit seines Lebens gewählt hat. Mit dem Kirchenjahr gehen wir deswegen Jahr für Jahr dieses Weg von Sonntag zu Sonntag nach, in der Hoffnung, dass uns dabei sein Licht aufgeht!
Predigend und hörend sind wir dann auf Spurensuche, aber nicht nur predigend und hörend, sondern auch singend!
Gut evangelisch – und daran darf man Ende des Reformationsjubeljahres ja noch einmal erinnern – ist das Vertrauen in die Kraft des gesprochenen und wohlüberlegten Wortes ( Übrigens deshalb ist es so wichtig, dass der Evangelist Johannes Weihnachten von der Menschwerdung des Wortes spricht!). Gut evangelisch ist aber vor allem das gesungene Gotteslob und der Trost und die Ermutigung der Lieder, die nicht über die Geheimnisse Gottes sinnieren, sondern fröhlich oder nachdenklich das Lob Gottes und die Zuversicht des Glaubens in allen Lebenslagen und zu allen Lebenszeiten besingen.
Und das ist für mich vielleicht in den letzten Tagen das größte Wunder und die stärkste Widerlegung aller Kritiker: das Weihnachtsfest wird wieder besungen. Nach zwei Tagen war die alte Försterei in Berlin mit 28.500 Plätzen zum Weihnachtssingen ausverkauft . In Dresden singen die Kruzianer im ausverkauften Stadion mit den Menschen zusammen die alten wunderbaren Weihnachtslieder und mittlerweile lassen sich die Nachahmer gar nicht mehr zählen. Überall wird gesungen. Wenn ich also nichts mehr weiß, nichts mehr verstehe, singen kann ich immer noch, von der Hoffnung und dem Wunder dieser Zeit und erleben, dass Menschwerdung für mich und in mir passiert. Ich bin Mensch, ich darf Mensch sein, ich darf Mensch bleiben mit Gott an meiner Seite, denn Gott ist Mensch geworden. Jetzt ist die Menschwerdung an uns! Amen

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