Unperfekt schön

Es ist eine der ältesten Erinnerungen, die ich habe: Weihnachten bei uns zu Hause.

Meine Großmutter steht in der Küche,

klappert mit dem teuren Porzellan und rührt nochmal durch den Kartoffelsalat.

Opa sitzt währenddessen im Wohnzimmer,

raucht noch schnell eine selbstgedrehte und schaut fern.

Der Weihnachtsbaum – zugehangen mit Lametta.

Wahrscheinlich eine verkappte Reminiszenz an die schlechte Zeit,

die meine Großeltern auch noch nach Jahrzehnten des Wohlstandes nicht vergessen können.

Und so geht es jahrein, jahraus.

Es geht auch um das richtige Feiern.

Und ich erinnere mich genau daran,

wie sehr ich mich auf diese Tage gefreut habe.

Es war schier nicht zum Auszuhalten.

Heute bin ich nüchterner. Nicht gelassener.

Früher wollte ich beim Krippenspiel immer der Engel sein, oder mindestens Josef.

Heute reihe ich mich klaglos bei den Hirten ein.

Die hocken ja des Nachts bei den Hürden.

Sitzen im Matsch, riechen nach Schnaps und erwarten nicht mehr viel.

Heute bin ich eher ein Hirte.

Und ich höre Last Christmas, um mich in Stimmung zu bringen.

Aber das gelingt mir nur schwer.

Und ich warte auf die Lichter.

In den Straßen und Fenstern.

Und denke, früher war das doch mehr.

Und ich hadere mit mir und der knappen Zeit.

Und ich denke an Weihnachten und wünsche mir Ruhe.

Und Frieden.

Und Schlaf.

Und einen Sinn in alledem.

Und dann fällt mir wieder ein, was noch alles zu tun ist.

Und dann ärgere ich mich über mich selbst,

weil ich das eben auch jedes Jahr tue und nehme mir wieder mal vor,

im nächsten Jahr wird es besser.

Unweigerlich denke ich an Opas seltsam eingepackte Geschenke.

Keine gerade Kante. Nirgendwo.

Ich sehe Oma in ihrer Kittelschürze mit einer Zierperlenkette um den Hals,

sie trägt das Meißner-Porzellan ins Wohnzimmer,

Opa, nach kaltem Rauch riechend,

trägt die Würstchen und den Kartoffelsalat.

Und unter dem Lamettabaum, mit den bunt blinkenden elektrischen Kerzen, steht die Krippe.

Jesus ist gerade geboren worden.

Mitten hinein in die Szene, die von Hirten, einem Esel, dem ein Ohr fehlt,

weil meine Schwester es letztes Jahr abgebrochen hat, und Ochsen bevölkert ist.

Es ist eine unperfekte Idylle.

Aber eine Idylle.

Und bevor es endlich die Geschenke gibt, wird erst das Licht gelöscht.

So dass nur die bunten Kerzen und das reflektierende Lametta das Wohnzimmer sanft erhellen.

Es sah immer ein bisschen unwirklich aus.

Auch ein bisschen unheimlich.

Aber nie bedrohlich.

Bestimmt auch, weil das Wohnzimmer jedes Jahr bis zum Anschlag geheizt war.

Und mein Vater war immer der Erste, der seinen neuen Wollpullover

wieder ausziehen musste.

Gott hätte Spaß gehabt, bei uns.

Wissend, dass diese Idylle trügerisch ist.

Die Fallhöhe war hoch.

Und das oft aus den falschen Gründen:

Gefallen den Kindern die Geschenke?

Dein Geschenk ist viel mehr wert als meins.

Jetzt wird’s gemütlich. Und wenn nicht?

Menschen. Gott. Die Welt.

Es ist stets ein fragiles Miteinander.

Das Fest rund um die Krippe steht immer auf der Kippe,

weil die Erwartungen so groß sind.

An diese Zeit. An die Menschen. An mich.

Dabei sind die handelnden Personen weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Ähnlich wie wir.

Verlotterte Hirten riechen streng nach Schweiß und nach Frust.

Ein mit der Situationen hadernder, nicht-biologischer Vater.

Eine Kindsmutter.

Ein uneheliches Kind.

Heruntergekommen, wie die Szenerie.

Ein Stall.

Stinkende Tiere.

Aber in diesem Moment ist das die heilige Familie.

Es ist eine unperfekte Idylle.

Aber eine Idylle.

Die Hirten haben nichts erwartet.

Kommen von den matschigen Wiesen.

Bringen nichts mit. Keine Erwartungen. Keine Geschenke.

Aber Widersprüche und viele Fragen.

Und auch ein Stück der Klarheit des gestrigen Abends überbracht in einem Text aus dem 1. Johannesbrief.

[TEXT]

Ein kleines, schwaches Kind als Zeichen dafür, dass christliches Leben,

christliche Hoffnung ein bisschen so aussehen kann wie Opas Weihnachtsgeschenke:

Viel Tesafilm, keine klaren Kanten. Manchmal guckt noch eine Ecke raus,

weil das Papier nicht gereicht hat oder weil es von Anfang an zu knapp bemessen war.

Oder beides.

Das Tesafilm des christlichen Glaubens ist die Hoffnung. Die Hoffnung daran, dass Gott wirklich herunter kommt. Und tatsächlich: Diese erbärmliche Krippe birgt in sich, worauf sich die Hoffnung so vieler Menschen letztlich richtet: Ruhe und Sinn, Heil und Frieden. Und etwas perfektes. Der Schriftsteller Navid Kermani hat im Sommer 2017 eine Reise durch Europa gemacht. Im Gepäck die Frage: Was ist eigentlich das allerwichtigste in einem Menschenleben?

Kermani fasste die gesammelten Antworten so zusammen: Alles „läuft auf die üblichen Wünsche hinaus: Gesundheit, Familie, Arbeit, einen Partner, der verlässlich ist und einen zurückliebt; Geld nicht, aber doch ein Auskommen, von dem man in Würde leben kann; Freunde. In manchen Ländern ist das Wichtigste noch schlichter: sauberes Wasser, genügend Nahrung, ein Dach überm Kopf….Manche würden noch Gott anführen, der ihnen näher als die eigene Herzschlagader sei, die jenseitige Existenz…“

Da ist sie, die Hoffnung. Den Menschen ins Herz eingeschrieben.

Dieser Wunsch ward Fleisch und wohnte mitten unter uns.

Und ist immer noch da. Gott ist da.

Verbindet sich mit unseren Wünschen.

Macht es möglich: Das Perfekte im Unperfekten.

Es ist halt ein Werden.

Wie mein Leben und mein ganzes Streben nach Sinn.

Nach Ruhe und Frieden.

Meine Sehnsucht nach einer heilen Welt. Einer Idylle.

Gott verschenkt heute wieder Liebe. Und ich darf teilhaben.

Gänzlich unvorbereitet, immer mehr Hirte als Engel, absolut unperfekt.

Heißwürstchen auf Meißner Porzellan.

Zigarettenrauch und Kartoffelsalat.

Zierperlenkette und Kittelschürze.

Kitschiger Baum aber Geschenke mit Liebe.

„Noch glüht und glänzet nicht alles, es bessert sich aber alles!“

Es ist eine unperfekte Idylle.

Aber eine Idylle.

Heute noch. AMEN!

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