Wenn das Leben ein Buch mit sieben Siegeln bleibt… (Offenbarung 5, 1-5)

Das Leben ist wie ein Buch mit sieben Siegeln…
Sie saß da, das Gesicht in den Händen verborgen, gebeugt, eigentlich eher zusammengesackt, zaghaft und leise klang es von ihr her, ihr Weinen war zu ahnen, aber es berührte mich tief. Das war zu viel in den letzten Wochen und Monaten, zu viel an Streit und Konflikten, zu viel an Enttäuschungen und Verletzungen. Sie konnte und sie wollte nicht mehr und jetzt hielt sie die Todesanzeige in den Händen. Warum gerade sie, die Gute? Was soll aus den Kindern werden? Sie hatte doch gerade erst wieder neu angefangen und war so voller Zuversicht! Und jetzt soll das alles vorbei sein? Das macht doch keinen Sinn!
Manchmal versteht sie die Welt nicht mehr…

Seit Jahren engagiert er sich schon in einer der vielen, zahllosen Bürgerkriegsregionen, weil er dem Elend so vieler namenloser und hilfloser Menschen nicht tatenlos zusehen wollte. Er organisierte Spendenaktionen und Hilfsprojekte, besonders im Bereich medizinischer Versorgung. Aber den Kämpfenden war alle Hilfe ein Dorn im Auge; so wurden die Helfer in ihrer Arbeit behindert und immer wieder Ziele von Anschlägen. Sie hatten persönliche Opfer zu beklagen: Verletzte, Verwundete, Getötete, die alle nur helfen wollten; Menschen, die ihm vertraut und lieb geworden waren, sie waren Freunde. Er war kurz davor zu resignieren und aufzugeben….: macht das alles denn noch Sinn? Wird es überhaupt eine friedliche Zukunft geben? Momentan konnte sich keiner mehr ernsthaft vorstellen, wie man aus dieser Spirale von Gewalt und Hass, von Verblendung und Fanatismus, vor allem aber aus diesem brutalen Kampf um die Macht , der ohne Rücksicht auf menschliche Verluste und Tragödien geführt wurde, wieder rauskommen sollte. Er verstand die Welt nicht mehr.

Die Diagnose der Ärzte hatten sie befürchtet. Die Verhaltensauffälligkeiten und Veränderungen der Persönlichkeit waren so unübersehbar, dass die Diagnose der Ärzte beinahe schon eine Befreiung war. Jetzt wussten sie Bescheid und konnten ihr Leben darauf einstellen. Sie hatten ihren Lebensabend eigentlich anders geplant. Sie hatten viel gearbeitet, sich vieles für das Alter aufgespart, wollten reisen, Enkelkinder aufwachsen sehen, Musik und Theater genießen, unbeschwerte Jahre am Ende eines reichen Lebens erwarten: und dann kam alles anders und sie waren nicht wirklich darauf vorbereitet. Warum ist das Leben so? Glück, Zufriedenheit, Gesundheit, Wohlstand, und Lebensfreude sind so unterschiedlich verteilt. Es geht so ungerecht auf der Welt zu. Und den Plan dahinter, die Zusammenhänge haben sie bis heute nicht verstanden. Nach Gott haben sie im Leben eher selten gefragt.
Und doch ist das die am Ende alles entscheidende Frage, ob es hinter allem eine ordnende, sinnstiftende Hand gibt, ob sich einer, der es doch eigentlich gut meinen sollte, dabei etwas gedacht hat.
Ansonsten zeigen Welt, Menschen und Schicksal eigentlich ununterbrochen, dass es keinen Plan und keinen Sinn gibt: Jeder müsste dann vor allem an sich denken und unterwegs mitnehmen, was er bekommen kann, denn später vergilt es einem niemand mehr…

Manchmal erscheint der Alltag und die Nachrichtenlage wie die lautstarke Widerlegung einer höheren, ausgleichenden Gerechtigkeit und damit eines gerechten und gütigen Gottes. Und doch singen und träumen wir von einer besseren Zeit und nennen sie Gottes Retter und Gottes Reich.

Ich könnte noch eine ganze Weile weitererzählen, von den Fragen, die das Leben aufwirft, von den Dingen, die wir nicht verstehen, obwohl wir doch so vieles mittlerweile im Griff haben und beeinflussen können. Wir lesen in den Geheimnissen der Welt wie in einem offenen Buch, wir schreiben den Bauplan des Lebens um. Wir dringen in die Tiefen der Psyche ein und entdecken damit innen und außen Welten, die immer noch unerreichbar weit entfernt scheinen, aber das Leben bleibt am Ende doch wie ein Buch mit sieben Siegeln. Alle Erklärungsversuche, egal ob Gott in ihnen Raum findet oder ob ich ohne diese Arbeitshypothese auskomme, vermögen nicht wirklich zu überzeugen.
Da ist von menschlicher Freiheit und Verantwortung die Rede, deren Folgen wir ertragen und erdulden müssen, aber auch von der Tragik menschlicher Sündhaftigkeit, wir wissen von der Verführung der Macht und der Ohnmacht der Liebe, wir leben in Wohlstand und haben Angst vor denen in Not, die Zuflucht bei uns suchen, wir spüren die Sehnsucht nach Leben und die Angst vor dem Tod, wir möchten festhalten, was wir lieben und was uns gut tut, und müssen es doch loslassen, wir haben unsere Träume und wachen enttäuscht auf. Wir meinen alle Zeit der Welt zu haben und spüren plötzlich, wie uns die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Eine Zeit lang können wir wegschauen, verdrängen, leben als ob alles nichts mit uns zu tun hat und eines Tages werde wir doch von dem eingeholt, was wir nicht wahrhaben wollen.
Das Leben bleibt für viele ein Buch mit sieben Siegeln…
Mir hilft in diesen Augenblicken das Gespräch mit der Bibel, die ja für viele das eigentliche Buch mit sieben Siegeln ist. Sie hat ihre ganz eigene Sicht auf die Welt und den Menschen. Sie will mir, während ich fragend umherirre, helfen, mein eigenes Leben und Handeln im Horizont Gottes zu sehen und zu begreifen. Sie lädt mich ein, Leben im Vertrauen auf Gott zu wagen. Wo sie uns verschlossen und versiegelt scheint, da haben wir miteinander die Schlüssel zum Verstehen. Ich erlebe in Gesprächen, bei denen Menschen sich auf die biblische Texte einlassen, wie sich ganz neue Perspektiven auftun, wie Dinge angesprochen worden, die mancher lieber für sich behalten hätten. Ich erlebe, wie im Lichte Gottes Wahrnehmungen der eigenen Zeit und der eigenen Verhältnisse sich ändern. Aber das ist ein mühsamer und langsamer Prozess. Schnelle Antworten und Einsichten darf ich nicht erwarten. Die Bibel ist kein Handbuch für schnelle Lösungen, sondern ein Erfahrungsbuch. Es will gelesen werden, die Erfahrungen wollen in mir Wurzeln schlagen und dann wachsen. Ich kann nicht einfach, wie in einer Bedienungsanleitung nachlesen und loslegen.
Mir gehen in diesen Tagen viele Menschen Weise nach, die in ihrem Leben verzweifeln: an ihren Lebensumständen, aber auch an den Schmerzen oder Kränkungen ihrer Seelen. Ich habe Angst, ihnen mit zu schnellen Antworten zu begegnen, die eigentlich nur meine eigene Hilflosigkeit überspielen. Ich kann vieles bis heute nicht verstehen, obwohl mich mein Leben und mein Glaube auch schon vieles gelehrt haben. Unsere Welt, das Leben, selbst die Menschen, die ich liebe, sind schön und im nächsten Augenblick bedrohlich, auch im Advent 2017 und auch, wenn wir erwartungsvoll und erwartungsfroh heute in drei Wochen Weihnachten feiern und uns für einen kurzen Augenblick dem Gefühl hingeben, jetzt wird alles gut. Denn das verheißt ja die himmlische Schar allen: Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.
Denn in dem Buch mit den sieben Siegeln lese ich vom guten Ausgang, vom guten Ende aller Dinge , nach dem ich mich so sehr sehne!
Wenn ich denke, Gott lässt sich nicht in die Karten schauen, es bleibt alles offen und mein eigenes Risiko…, dann stimmt das nicht.
Ich entdecke Antworten und Gewissheiten, die zunächst/zumindest mich fröhlich machen und leicht durch das Leben tragen – und nur so, leicht und fröhlich, können wir uns gegenseitig bestärken, auf einen guten Ausgang zu hoffen.
Ich muss nicht auf alles eine Antwort haben, ich muss nicht mein ganzes Leben und meine ganze Hoffnung allein verantworten. Ich muss nicht unter Tränen am Leben verzweifeln unter der Last von Schuld und Schicksalsschlägen zerbrechen. Die berührendsten Worte des Predigttextes sind ganz schlicht: weine nicht! Weine nicht, weil Gottes Herz doch längst ein offenes Buch ist: der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids sind dem Seher Bilder wie für uns das Kind, das bald in der Krippe liegen wird. Das Kind ist der Trost der ganzen Welt, die Antwort Gottes auf die vielen Fragen, die wir mit durch das Leben schleppen, die Antwort auf unsere Sehnsucht und der Ankerpunkt unsere Hoffnung. Sein ganzes Leben, auch sein Sterben und Auferstehen erzählen nur davon, dass Gott uns gut ist und dass das Leben einen guten Ausgang finden wird.
So legt sich die Botschaft des Ältesten am Anfang des Adventes wie ein wärmender Mantel um die Frau, die um ihre Freundin trauert ebenso wie um den in seinem Engagement resignierenden Streiter für Frieden und Gerechtigkeit oder das seiner Zukunftsplanung beraubte altgewordene Paar: auch wenn ihr nicht alles versteht…gebt nicht auf und weint nicht.
In den ersten Wochen des neuen Kirchenjahres werden wir viel von Vergebung und Neuanfang, von Würde und Wertschätzung, von Frieden und Gerechtigkeit lesen und hören und einen Blick tief in Gottes Herz wagen. Wahrlich kein Grund zu Trauer, sondern zu Freude.
Amen

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