Predigt zum Bußtagsmotto 2197

In den letzten Wochen konnte man da und dort in den Straßen Plakate sehen, die auf den heutigen Tag und sein Thema aufmerksam machen: Um Gottes willen – war darauf zu lesen. Als jemand, der mehrere Jahre seines in verschiedenen Sprachregionen zugebracht hat, klingt mir dieser Satz Oberbayrisch in den Ohren. Man würde ihn dort mit: Um Goods Wuin, aussprechen. Das O in „Good“ wird dabei deutlich gedehnt. Man verwendet diesen Ausspruch in der Regel als Spontanreaktion, wenn man ein Missgeschick, Unglück, Unbill – früher sagte man Malheur – , befürchtet, beobachtet oder davon erfährt. So könnte man beispielsweise sagen bei kalter Witterung sagen: Um Goods wuin, ziags dem Kind amol a Jackn o, des dakäid si no.“ Es geht dabei um die kleinen und großen Alltagsereignisse, die dazu angetan sind, einem für einen Augenblick den Atem stocken zu lassen. Es geht um Ereignisse, von denen wir sagen würden: „Alles, nur das nicht.“, oder „das wird knapp“, oder „gerade noch mal gut gegangen.“ Dass dieser Ausspruch irgendetwas mit Gott zu tun hat, ist dabei kaum im Bewusstsein. Aber was bezweckt man damit, wenn man in schwierigen, riskanten oder ernsthaft bedrohlichen Situationen Gott und seinen Willen ins Spiel bringt? Es ist in etwa so, dass man sich Rückendeckung holt für etwas von dem man sagt: Das darf nicht sein. Das darf nicht geschehen. Das darf es nicht geben. Um Gottes Willen. Und das ist dann nicht die eigene persönliche Meinung. Es ist die formelhafte Überzung: Es darf deshalb nicht sein, weil Gott es auch nicht will. Es ist eine Hoffnung, eine Bitte ein Flehen: du Gott, kannst das doch nicht wollen!

Das Plakat für den Buß- und Bettag zeigt einen Mann, der völlig in sich versunken ist. Draußen auf der Straße würden ihm die Leute vielleicht ausweichen wie er daherkommt, mit den kräftigen Oberarmen und den Tätowierungen. Es hat ihn in eine Kirchenbank verschlagen und da sitzt er nun, nein er kauert. Es drückt ihn etwas nieder, nicht einmal sitzend ist sein Rücken noch aufrecht. Die Hände hat er gefaltet. Die Hände ruhen auf den Knien, der Kopf ist auf die Hände herabgesunken. Was beschwert diesen Menschen. Was treibt ihn ins Gebet. Was ist geschehen – um Gottes Willen! Vielleicht  geht es um ihn selbst. Er könnte möglicher Weise unverschuldet in eine ausweglose Lage geraten sein. Um Gottes Willen, was ist mit mir passiert? Oder er ist tatsächlich schuldig geworden und er wird sich seiner Verantwortung bewusst. Um Gottes Willen, was habe ich angerichtet? Es kann auch um eine andere Person gehen, einen wichtigen und geliebten Menschen. Um Gottes Willen, lass ihr oder ihm nichts zustoßen.

Das darf nicht sein – um Gottes Willen. Es geschieht vieles in der Welt, was Gott nicht will. Wenn überall sein Wille geschehen würde, wie im Himmel so auf Erden, müssten wir nicht in jedem Vaterunser darum bitten.

Wir können viele Beispiele finden von Vorgängen in der Welt über die wir sagen: Das darf nicht sein – um Gottes Willen. Wer ehrlich ist, weiß, die Liste ist lang und man weiß im Grunde nicht, wo anfangen und wo aufhören. Ich habe es mir inzwischen abgewöhnt, im Fernsehen Nachrichten anzuschauen. Nicht wegen der Probleme und Nöte in der Welt. Was mich stört, ist die Art und Weise wie mit den Problemen, die jeder kennt und die seit mehr als einer Generation diskutiert werden, umgegangen wird. Es werden keine Lösungen angeboten. Man hat oft nicht einmal den Eindruck, dass Lösungen ernsthaft gesucht werden. Stattdessen wird vieles nur mit der Brille der eigenen parteipolitischen Interessen oder den Interessen irgendeiner Lobby wahrgenommen. Damit ist nichts erreicht im Blick auf die Probleme unserer Welt, die sich bei allem Fortschritt unermesslich türmen. In der Summe ist das so niederdrückend wie die Last, an der der Mann auf dem Bußtagsplakat zu tragen hat. Die Toten der Kriege und des Terrors, die Hungernden in der Welt, die Armen in den reichen Ländern, die Ertrunkenen im Mittelmeer, Folter und Unterdrückung  und und und und und. Das darf nicht sein – um Gottes Willen.

Aber bedenken wir auch die anderen Erfahrungen. Jene bei denen wir auch sagen: das darf doch nicht sein – um Gottes Willen. Nämlich dann, wenn wir selbst oder jemand, der uns nahe steht ein schweres Schicksal zu tragen hat. Tod, eines geliebten Menschen, Tod unter tragischen Umständen, Opfer von Naturkatastrophen. Jene Erfahrungen bei denen wir fragen: kann das der Wille Gottes sein? Und wir möchten am liebsten sagen: Das darf nicht sein – um Gottes Willen! Und vielleicht haben wir damit sogar recht. Klären können wir diese Frage nicht. Aber wir dürfen es diesem Gott klagen: Das darf nicht sein – um deinet, Gottes willen.

Aus der Tiefe rufe ich zu dir. So heißt es im Psalm 130. Wir haben ihn als Introitus miteinander gesungen. Aus der Tiefe der Not, des Entsetzens, der Verzweiflung, ja sogar der Schuld. Sind wir es, die da rufen. Ist es unser Schrei? Bringen wir vor Gott, was uns in dieser Welt und in unseren Tagen den Atem stocken lässt? Was sind die Dinge und Themen, die uns niederdrücken? Der Buß- und Bettag kann dafür ein Ort sein.

Der Psalm 130 zeigt uns einen Weg, wie wir mit all dem, von dem wir sagen: Um Gottes Willen, das soll nicht sein, umgehen können. Bei dem, was um herum in unserem Leben, im Leben anderer, in der Welt geschieht, sind wir immer beides zugleich, Zeugen dessen, was geschieht und Beteiligte, wenn nicht sogar Verursacher oder Täter. Das ist dem Psalmbeter klar. Sonst würde er nicht beten: Herr, wenn du willst Sünde zurechnen, wer wird bestehen. Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Noch einmal geht es um den Willen Gottes. Und wir fragen, was ist sein Wille für uns? Was erfahren wir aus dem Psalm: Der Wille Gottes ist die Veränderung zum Guten. „bei dir ist die Vergebung“ „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“  Bei Hesekiel heißt es: „Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe.“ Der Wille Gottes, ist die   vollzogene und gelungene Umkehr des Menschen. Um Gottes Willen soll die Menschheit nicht im Verderben enden. Um Gottes Willen soll die Menschheit des 21. Jh in den Überlebensfragen die Kurve kriegen. Darin liegt Hoffnung. Um uns darüber zu vergewissern feiern wir Buß- und Bettag. Um Gott nicht zu verlieren, wenn ein hartes Schicksal uns ereilt, klagen wir Gott unsere Not und unsere Last. Damit sein Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden.

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