Meine Zeit im Angesicht der Ewigkeit (Lukas 12, 42-48)

Er war älter geworden, aber alt?
Alt fühlt er sich nicht, nur seine Wahrnehmung hat sich im Laufe des Lebens deutlich verändert.
Er konnte sich an eine Zeit erinnern, in der ihm Menschen mit 30 Jahren uralt vorkamen, so als hätten sie das Beste vom Leben schon hinter sich. Heute sagen viele seiner Freunde: man müsste noch mal dreißig sein… aber er weiß nicht, ob er das wirklich möchte. Manchmal wäre es schön, die Zeit anhalten, ja mehr noch die Uhr zurückstellen zu können. Aber dieser Gedanke vermag nicht lange zu faszinieren, da sich ja nichts wiederholen lässt und auch nicht alle Erfahrungen und Veränderungen im Leben nach Wiederholung schreien. Bleibt eigentlich eher das Gute in Erinnerung oder schieben sich die Bilder in den Vordergrund, die er lieber abschütteln und loswerden möchte? Wonach also sollte er sich zurücksehnen?
Schuldgefühle nagen oft nach Jahrzehnten, ebenso der Schmerz als Kind nicht ausreichend geliebt worden zu sein oder die Erfahrung im Beruf nicht die Anerkennung und Wertschätzung erfahren zu haben, die das Selbstwertgefühl im Leben ausmachen. Das Glück mit der Familie, die ausgelassenen Stunden mit Freunden, die unbeschwerte Gedankenlosigkeit, wenn er seinen Hobbies nachging, manchmal drohen all diese Erfahrungen schneller zu verblassen, als die schmerzhaften, die traurigen, die vielen Abschiede von Chancen, Möglichkeiten und Menschen.
Er schlägt die Zeitung auf und wie so oft wandert sein Blick auch zu den Todesanzeigen: manche halten das für ein untrügliches Zeichen des Älterwerdens. Er spürt, dass sich die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod nicht mehr so einfach beiseite schieben lässt wie in den Jahrzehnten zuvor. Es ist nicht mehr die Ewigkeit von fünfzig, sechzig oder siebzig Jahren, die er vor sich hat. Vielleicht noch zwanzig Jahre oder dreißig Jahre, Gelegenheit, den Weg der Kinder und Enkelkinder zu verfolgen, hoffentlich körperlich und geistig fit genug, um nicht abgehängt zu werden.
So geht es ihm durch den Kopf, als er wieder einmal liest von dem einen Kampf in einer Anzeige liest, der verloren gegangen ist und der so viele Menschen ratlos und traurig zurücklässt. Da hat also jemand gegen seine tödliche Krankheit um das Leben gekämpft. Oder wollten die Angehörigen sagen, dass das ganze Leben doch nur ein Kampf sei mit dem Trost, dass dieser nun zu Ende gegangen ist und hoffentlich Frieden nach allem herrscht?
Das Leben kann doch nicht nur Kampf um Liebe, Anerkennung, Erfolg, Glück und Zufriedenheit sein, im Wettstreit mit anderen um den Platz an der Sonne, atemlos nicht nur durch die Nacht, sondern durch das ganze Leben… Wo bleibt da das Spiel, die Musik, die Liebe, das Leichte und Unbeschwerte…? Leben ist mehr als Überleben, ist doch auch Innehalten und Gestalten, ist das Verharren im kostbaren Augenblick.
Dann liest er: „ausgehalten hat sie bis zum Schluss“ und denkt: „ich will nicht nur aushalten und durchhalten, darauf warten, dass ich es endlich , also am Ende geschafft habe. Das habe ich schon oft genug mitansehen müssen.“
Es mag ja sein, dass auch für ihn der Augenblick kommt, wo er spürt, dass alles gut war und dass es Zeit ist, nun loszulasen, aber vorher ist das Leben auch das Geschenk der vielen kostbaren Augenblicke. Er will nicht nur aushalten, er will auch träumen, sich freuen, seine Sehnsüchte spüren, auch die Enttäuschung, wenn sich nicht alles verwirklichen lässt. Er will spüren, dass er lebt – im Auf und Ab, im Wechsel von Licht und Schatten.
Das ist doch keine Frage des Alters, oder?
Treu ist doch nicht nur der, der ohne Murren ausharrt und aushält bis zum Schluss und klug ist doch nicht nur der, der sich in alles widerspruchslos ergibt, um zu ertragen.
Treu ist doch nicht nur der, der sich jedem Kampf stellt und dabei überhaupt nicht mehr sieht, wer und was alles dabei auf der Strecke bleibt, und klug ist doch nicht der, der dabei lieber jeden Gedanken an die Endlichkeit und Vergänglichkeit verdrängt, als könnte er auch diesen Kampf gewinnen, wenn er nur richtig kämpft.
Treu und klug sind auch die Träumer und die Neugierigen, Lebenshungrigen.
Er ist älter geworden, aber alt?
Die Wahrnehmung der Zeit hat sich verändert. Komisch, dass Sekunden, Minuten und Stunden unveränderlich vergehen, sie uns manchmal aber so flüchtig und manchmal so unendlich vorkommen.
Als Kind, so erzählten seine Eltern, konnte er die Zeit beim Spielen vergessen und bekam nichts mehr mit von dem, was um ihn herum passierte, er war ganz aufgehoben in der Gegenwart, die er sich erspielte, erträumte, ganz Kind halt, wie alle glücklichen Kinder, denen Raum und Zeit für das Spiel des Lebens gelassen wird. Später verstand er nicht, warum Zeit manchmal so schnell und manchmal so langsam nur vergehen wollte. Warum war eine Schulwoche so viel länger und anstrengender als eine Ferienwoche und warum wollten vor Weihnachten die Tage überhaupt nicht vergehen und dann war es mit einem Mal aber auch schon wieder vorbei?
Heute, wo er doch auf einige Jahre und Jahrzehnte Lebenszeit zurückschaut, staunt er, wie der Strom der Zeit ihn unentwegt mitreisst und es ihm nur selten gelingt, einmal anzuhalten und einfach nur zu schauen und zu betrachten, ehe er wieder eintaucht in das stete Fließen der Tage und Wochen.
Vielleicht ist das die Kunst des Lebens, ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen Arbeit und Spiel, Fließen und Stillstehen der Zeit, zwischen gelöster Gedankenlosigkeit und Freiheit den Wochen und Monaten und Monaten gegenüber und dem bewussten Auskosten der Momente, die einem geschenkt sind.
Das ist für ihn Treue und Klugheit: nicht einfach gedankenlos in den Tag hineinzuleben, als hätte er immer und ewig alle Zeit der Welt, sondern Arbeit und Aufgaben anzunehmen, und den Augenblick zu leben, den Moment zu empfinden und sich am Geschenk des Lebens zu erfreuen. Die Vergangenheit haben wir nicht mehr in den Händen, bestenfalls ihre Bilder im Herzen, nach der Zukunft strecken wir uns und hören hoffentlich nicht auf, vom kommenden Tag noch etwas zu erwarten, aber wir besitzen sie nicht. Den Augenblick, den Moment, den Blick, die Begegnung, das eine Wort, die berührende Geste, das vertraute Miteinander jetzt und hier und heute, das habe ich und das gehört mir, jetzt gerade in diesem Augenblick. Es ist klug, das zu spüren und es ist treu, damit behutsam umzugehen.
Wüsste ich die Stunde meines Todes, würde sich daran nichts ändern. Eher würde ich verzweifelt der Selbsttäuschung hinterher laufen, möglichst viel noch aufnehmen oder mitnehmen zu müssen, solange ich kann.
Da dieser Augenblick mir aber verborgen bleibt, ich nur ahne, dass er mit jedem Augenblick näher kommt, bleibt mir nur die Wachsamkeit jetzt und hier.
Ich glaube ass diese Gelassenheit nicht erarbeitet oder erkauft werden kann, sondern ein Geschenk ist, dass ich finde, wenn ich mich in Gottes Hände fallen lasse und ihm so die letzte Sorge für mein Leben zukommt. Ewigkeit ist nicht mein Werk, sondern sein Maß und sein Wesen. Meine Sache ist Geborenwerden und Sterben und ich vertraue darauf, dass sich beide Welten, meine und Gottes Welt, im Augenblicke des Todes berühren, dann wenn meine Zeit an ihr Ende kommt und ich Gottes Ewigkeit begegne.
Diese Berührung von Zeit und Ewigkeit ist für mich Gottes Willen, der im Leben manchmal verborgen bleibt, fraglich scheint, weil Leben so unterschiedlich und ungerecht sein kann und Menschen im Kleinen wie im Großen so friedlos und unversöhnlich bleiben. Gerechtigkeit braucht da noch einmal einen neuen Anlauf, damit alle am Ende zu ihrem Recht gekommen sind, dem Recht auf Leben, dem Recht auf Liebe, dem Recht auf Anerkennung und Würdigung ihrer unverwechselbaren Einmaligkeit egal ob im reichen Europa, im bürgerkriegserschütterten Syrien oder im hungernden Simbabwe.
Gottes Willen kann ich am Kreuz finden, nicht weil er das Kreuz will, sondern weil er den Leidenden aufsucht, den ungerecht Leidenden ebenso wie den Traurigen und Einsamen, den Verlorenen und schuldig gewordenen, der die Schatten der Vergangenheit nicht abschütteln kann, aber auch den, der sich keine Zukunft mehr zutraut. Gott holt uns alle in den Tiefen unseres Lebens ab und zeigt uns das Land der Ewigkeit, das vor uns liegt. Am Ostermorgen ist der Stein weggerollt und der Blick in das Zukunftsland wieder frei, der Traum von Gottes Welt erhält neue Nahrung und seine eigenen Bilder, wir haben sie vielleicht noch im Ohr und im Herzen. Und dann wird es mir ganz leicht, meine Verstorbenen, an die ich heute denke, die Menschen mit denen ich mein Leben gerade eben noch teile und auch mich der Ewigkeit Gottes anzuvertrauen. Es muss im Leben mehr als alles geben, ich warte auf Gottes Ewigkeit, die an ihrem Tag und zu ihrer Zeit kommt. Die Klugheit und die Treue solcher Hoffnung und solchen Glaubens möge Gott bei mir finden, an dem Tag, der sein Tag ist und bis dahin möchte ich Tag um Tag sein Geschenk des Lebens wahrnehmen, spüren und als Herausforderung und Aufgabe annehmen. So möge Gott mich finden, so möge er uns finden, wie er die schon gefunden hat, an die wir heute als unsere Verstorbenen denken.
Amen

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