Keine Fake-News

„Fake-News“ könnte zum Wort oder Unwort des Jahres werden. Das Wort hat sich ganz schön gemausert in diesem Jahr 2017. Dank Trump und Twitter, dank Rechtsradikalen und Linken wird jede seriöse oder unseriöse Nachricht von irgendwem gleich gekontert mit dem Hinweis, das seien ja gefälschte Nachrichten oder eine falsche Sicht der Fakten. Aber woran erkenne ich denn nun Fake oder Wahrheit, postfaktisch oder faktisch? Und sind es wirklich immer nur die Anderen, die Bösen, die falsche Nachrichten produzieren?

Buß- und Bettag ist ja eigentlich ein Tag der Freude. Ich darf mich freuen darüber, dass ich immer wieder umkehren darf, immer wieder neu anfangen, dass es immer neue Chancen gibt bei Gott, mein Leben neu zu gestalten.

33 Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. 34 Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. 35 Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.

Ein Beispiel aus einer Zeit, in der niemand Bäume pflanzte wegen ihrer Schönheit. Die Mandelblüte war uninteressant und wenn der Baum dann keine Mandeln hervorbrachte, war er wertlos, er musste weg. Aber auch heute noch gibt es Bäume, die werden abgehackt wegen ihrer Früchte. Sei es, weil sie schlecht sind, oder schlicht die Regenrinne verstopfen oder nicht mehr gebraucht werden – oder auch nur weil der Baum an sich Sonne nimmt oder sein Laub zu viel Mühe macht. Mit seinem Bild verteidigt sich Jesus gegen KritikerInnen. Er nennt sie Otterngezücht – Schlangenbrut. Weil sie ihre Kraft damit vergeuden, ihn zu diffamieren anstatt selber etwas Gutes hervorzubringen. Aber natürlich kränkt er damit auch Menschen, die ihm zuhören, weil er sie interessiert. Da ist Jesus ein wenig unbarmherzig und unfreundlich. Vielleicht gerade in einer Zeit, in der alle möglichen Anbieter immer wieder versuchen uns zu umschmeicheln, schockierend, aber notwendig. Ich brauche das ja auch manchmal, dass mir jemand den Kopf wäscht, mir deutlich sagt, wo ich stehe.

Zum Bußtag gehört: sich das gefallen zu lassen, ohne gleich die Anderen gemeint zu wissen. Ich will aufhören mit dem Finger auf Andere zu zeigen und will mein eignes Tun und Lassen bedenken.
In einem alten württembergischen Konfirmandenbüchlein heißt es: „Buße tun, heißt umkehren in die Arme Gottes!“ In der Buße darf ich mir selber und Gott eingestehen, dass mein Weg manchmal ein Holzweg ist. Und auch zugeben, dass ich manchmal Reden schwinge, die Menschen verletzen, Sätze sage, die Seelen beschädigen. Auch geschickt ausgesprochene Wahrheiten können zu schlimmen Sätzen werden, weil sie zerstören, kaputt machen, Menschen beschädigen. Fake News sind manchmal auch Fakten, die in falsche, zerstörerische Zusammenhänge gestellt werden.

Otterngezücht, Schlangenbrut, der Vorwurf beschreibt Bosheit, berechnende Heimtücke. Jesus sagt den Menschen sehr deutlich, was er von ihnen hält. Heiliger Zorn spricht aus diesem Text. Heiliger Zorn, das ist der Zorn innerhalb einer liebevollen Beziehung, das ist Zorn der heilen will und dessen Explosion mitunter als heilend erfahren wird. Schmerzhaft bleibt es trotzdem: Jesus möchte mit dem Wort vom Otterngezücht die Menschen zurechtrücken, ihnen helfen zu erkennen, wer sie sind, wie sie sind und wie sie anders werden können.

Das Bild von Frucht und Baum taucht öfter in den Evangelien auf. Und immer wieder in diesem Zusammenhang: Ihr könnt, wenn ihr ehrlich bleibt selbst erkennen, wer ihr seid. Nur schwer wird das schon. Ich muss Hindernisse überwinden in mir. Das ist ja relativ einfach einen Baum über Jahre zu beobachten und zu sagen. Das wird nichts. Die Äpfel sind entweder faul oder fallen vom Baum bevor sie reif sind oder wenn sie reif werde, schmecken sie nicht gut.

Wesentlich schwerer ist es, so mit mir selber umzugehen, in den Spiegel zu schauen und zu sagen: Ich bin nicht der, der ich eigentlich sein könnte. Von mir gehen viele faule Früchte aus, in meinem Handeln ist viel Wurmstichiges. Es gibt Menschen, die haben scheinbar alles, was sie zum Leben brauchen, aber keine Liebe. Ihre Gier wird unerträglich, ihr Argwohn und ihr Hass machen sie unausstehlich – und sie selber können sich schon lange nicht mehr leiden. Und ich muss mich fragen, inwieweit ich zu diesen Menschen gehöre. Der Samen zur guten Frucht in uns ist gelegt. Wir müssen ihn nur leben: Glaube, Liebe Hoffnung. Jetzt ist die Zeit zur Umkehr. Und zu dieser Umkehr lädt Jesus ein.

Wir sagen manchmal: ‚Niemand kann aus seiner Haut‘ Jesus widerspricht deutlich. Der Baum kann nicht aus seiner Haut bzw. seiner Rinde, kann nicht von sich aus die Qualität der Früchte ändern, kann keinen Schalter umlegen. Der Mensch mit dem freien Willen kann das. Er kann sich komplett ändern, sich umdrehen und ein neuer Mensch werden. Andere sagen: ‚Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm’. Mit solchen Sätzen werden Menschen abgestempelt, werden in eine Schublade gesteckt. Jesus erlaubt bildlich gesprochen, den Bäumen und den Früchten sich zu emanzipieren. An den Früchten erkennt man den Wert des Stammes nicht umgekehrt. Und weil Gott uns mit einem freien Willen ausgestattet hat, können wir auch aus freiem Willen leben. Wir können nicht unsere Herkunft verändern, aber wir können uns verändern. Wir müssen nicht zwangsläufig in den Fußstapfen unserer Vorfahren laufen und wir sind auch nicht Opfer unserer genetischen oder gesellschaftlichen Disposition.

Buß- und Bettag ist ein Tag der Freude, weil ich spüre, ich bin ein freier Mensch mit freiem Willen und darum kann ich mich ändern, kann das abstellen, was ich als falsch erkannt habe. Ich kann mich immer wieder neu erfinden, einen neuen Start wagen. Er erlaubt das. Jesu lädt mich dazu ein. Aber machen muss ich selber. Aus eigener Kraft durchstarten zu neuen Ufern. Ich darf leben wie ein Baum festgewurzelt im Glauben und darf anders als der Baum in meinem Garten daran mitarbeiten, dass ich Früchte mit Qualität bringe.

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