Nun sag mal, Jesus

 

 Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr 2017

So, jetzt mal unter uns Jesus: Wie hast du es wirklich gemacht, damals? Das mit den Heilungen und so? Deine Zeitgenossen vermuteten teilweise wohl, dass du im Bunde mit dem Teufel stündest. Aber an den Teufel glaubt heute ja kein Mensch mehr. Längst überwundener Aberglaube. Wir glauben heute an die Wissenschaft und brauchen vernünftige Erklärungen. Also sag: Wie hast du das gemacht? Denn irgendwas muss ja wohl gewesen sein. Sonst hättest du nicht überall so einen Auflauf erzeugt und so viele Anhänger gewonnen. Das waren doch sicher irgendwelche Taschenspielertricks, oder? Hattest du ein paar gute Schauspieler in deiner Truppe, die die Kranken mimten? Aber das wäre natürlich früher oder später aufgeflogen, so was. Und der enttäuschte Mob hätte dich schon vorzeitig gekreuzigt. Oder hattest du einfach so eine besondere suggestive Kraft, wie manche Ärzte, die einem wirkungslose Pillen verschreiben und man wird trotzdem gesund? Placeboeffekt nennt sich das. Scheint immer mal wieder zu funktionieren. Weil es wohl die Selbstheilungskräfte mobilisiert. Aber dass man damit bei Stummen, Blinden und Gelähmten Erfolg gehabt hätte, habe ich jetzt auch noch nicht gehört. Also, jetzt sag schon: Wie hast du es gemacht?

Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

 

Was soll das denn jetzt? Mit solchen geschraubten Formulierungen konntest du vielleicht deine Zeitgenossen beeindrucken, aber doch nicht uns! „Mit dem Finger Gottes“ – was soll das denn heißen? Gott hat doch keine Finger! Völlig kindliche Vorstellung. Soll ich vielleicht noch an den alten Mann mit Bart glauben, der auf einer Wolke sitzt? Lächerlich.

Oder meinst du das eher im übertragenen Sinn? Der Finger des Machthabers, mit dem er seine Anweisungen erteilt? Geh dahin und tue dies kraft meiner Autorität? Das klingt schon einleuchtender. Aber das wirft die Frage auf, wer du eigentlich bist oder warst. Für was hast du dich selbst gehalten, Jesus? Für einen Wunderheiler? Aber nein, dann hättest du nicht so oft Schauwunder abgelehnt. Geistheiler und dieses ganze esoterische Gesocks lebt doch von der Publicity. Die würden so was nicht ablehnen, wenn sie`s könnten. Manche haben dich mit „Rabbi“ – „Lehrer“ angesprochen. War das dein Selbstbild? Lehrer der Thora? Oder ein Lehrer höherer geistlicher Einsichten? Aber ein Lehrer arbeitet mit Wissen und Argumenten, nicht mit Heilungen und Gastmählern. Nun verrat’s mir schon: Wofür hast du dich gehalten?

Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

 

Na. toll. Das hab ich ja schon mal gehört. Aber was soll mir das denn sagen? Dass du im Auftrag Gottes unterwegs warst? Wie die Blues-Brothers? Ach so, kennst du nicht. Waren nach deiner Zeit. Aber war das deine Überzeugung? Dass du im Auftrag Gottes unterwegs bist? Wer heute so etwas von sich behauptet, ist entweder Komiker oder landet in der Klapse, weißt du das? Bei dem stimmt irgendwas nicht im Oberstübchen. Religiöse Psychose nennt sich das. Solche Leute sind dann ganz schnell weg vom Fenster. Naja, ist ja auch klar. Die sind ja auch nicht mehr allein lebensfähig. Hören dauernd irgendwelche Stimmen, die gar nicht da sind. Meinen, sie müssten irgendjemanden umbringen, weil er in Sünde lebt. Ganz schräge Vögel. Aber so warst du ja – nach allem was wir wissen – eigentlich nicht. Und warst trotzdem überzeugt, im Namen Gottes unterwegs zu sein? Hm. Eigenartig. Die Propheten, Jesaja, Jeremia und so weiter, dachten das ja auch. Hast du dich für einen Propheten gehalten? Aber Propheten haben sich meist nur in aktuellen Krisen zu Wort gemeldet. Als Sprachrohr Gottes sozusagen. Haben den Reichen und Mächtigen ordentlich die Leviten geblasen, wenn sie sich wieder mal mit einem Anschein der Rechtmäßigkeit auf Kosten der Armen bereichert haben. Die Paradise Papers lassen grüßen. Ein paar solche Propheten könnten wir eigentlich heute auch wieder ganz gut gebrauchen, finde ich …

Aber dein Anspruch ging schon irgendwie noch weiter, will mir scheinen. „Wenn ich mit dem Finger Gottes …“, also nicht nur mit dem Mund. Worte zielen auf Einsicht, der Finger trifft Entscheidungen und setzt sie durch. Also warst du wohl einfach so ein frommer Weltverbesserer, oder? Die gibt’s ja bei uns auch noch zuhauf. Hocken in selbst gestrickten Pullovern in Eine-Welt-Läden herum und verkaufen bitteren Kaffee aus Nicaragua. Und glauben in ihrer Naivität, den Managern in ihren chromblitzenden Limousinen etwas entgegenzusetzen zu haben.

Warst du einer von denen?

Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

 

Das passt dir jetzt nicht, oder? Naiver Weltverbesserer. Gutmensch. Das ist dir zu wenig, oder? Die haben ja nur ihre eigenen Finger, aber du hattest den Finger Gottes, nicht wahr? Also gut. Dann lass uns über die Hoheitstitel reden, die man in der Bibel findet. Messias, Sohn Gottes, Menschensohn-Weltrichter, Kyrios und wie sie alle heißen. Da will ich dir aber gleich sagen, dass die wissenschaftlichen Theologen unserer Tage in ihrer Mehrheit meinen, dass man dir diese Titel erst nachträglich angedichtet hätte. Als man überzeugt war, dass da an Ostern irgendwas Besonderes mit dir passiert sein soll. Du selbst hast angeblich diese Titel gar nicht für dich verwendet.

Und das ist dann ganz schön ins Kraut geschossen. Zuerst behaupteten die jüdischen Christen, du seist der erhoffte Messias. Mussten aber gleich dazu sagen, dass du ganz anders wärst, als der erhoffte Messias. Nicht so weltlich. Nicht so politisch. Kein König. Mehr Diener. Und dein Reich sei auch nicht Israel in den Grenzen von Davids Großreich, sondern überhaupt nicht von dieser Welt.

Gebildete Christen aus den Heidenvölkern trieben es dann noch weiter. Sie brachten dich Zusammenhang mit dem Logos, der Weltvernunft, die die ganze Schöpfung durchdringen soll. Kraft ihrer hätte Gott am Anfang aller Zeiten unsere Welt geschaffen. Also musstest auch du schon von Anbeginn an irgendwie von der Partie gewesen sein. Wie kommst du dann in die Welt? Indem du inkarnierst, Mensch wirst. Behauptet Johannes in seinem Evangelium. Und mit ihm die frühe Kirche. Wie das gehen soll, bleibt ein Geheimnis. Bei Gott sind schließlich alle Dinge möglich. Schlimmer war, dass man nun irgendwie zwei Götter hatte: Den Schöpfergott und den Christus-Logos. Weil man es inzwischen für unabdingbar hielt, dass wirklich Gott Mensch geworden ist – denn nur Gott kann den Menschen aus seiner Sünde und Gottesferne befreien – blieb als eine Lösung, dass der Schöpfergott eben selbst Mensch geworden ist – auf Zeit sozusagen. Dann wäre aber, während du Anhänger um dich sammeltest und Dämonen vertriebst, der Himmel leer gewesen. Warum hättest du dich dann zum Beten zurück ziehen sollen, wie berichtet wird?

Nein, man musste wohl davon ausgehen, dass da zwei irgendwie doch eins sind. Gott Vater und Sohn – natürlich nicht biologisch gedacht – zwei Personen, aber ein göttliches Wesen. Später packte man da auch noch den Hl. Geist mit hinein und sprach von der Dreieinigkeit Gottes. Eine wirklich schwer zu denkende Konstruktion. V.a. wenn man sich dann fragen musste: Warst du dann auch wirklich ganz Mensch und hast am Kreuz gelitten? Wie kann das gehen, Gott und Mensch zugleich? Doch geht, sagten die Theologen. Gott der Sohn hat menschliche Natur mit göttlicher verbunden. Wobei diese Naturen unvermischt und ungetrennt gedacht werden müssen, aber doch im Austausch miteinander stehen. Nun sag mal ehrlich: Kannst du dich darin wiederfinden?

Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

 

Was soll das jetzt heißen? Ja oder nein? Warum redest du nicht Klartext? Versteckst dich da hinter dem Finger Gottes und dem Kommen des Gottesreiches. Apropos: Das ist ja auch schon wieder sowas: Das Reich Gottes. Was hast du dir darunter vorgestellt? Führst du ja ständig im Munde, dieses Reich Gottes. An einen irdischen Gottesstaat, wie ihn jetzt wieder diese islamischen Gotteskrieger wollen, hast du ja offenbar nicht gedacht. Was aber dann? Meintest du den Himmel, in den die Frommen zu kommen hoffen? Und den sie mit irgendwelchen paradiesischen Vorstellungen in Verbindung bringen? Aber du sagst ja, dass dieses Gottesreich schon zu deinen Zeitgenossen gekommen sei, als du die Dämonen vertrieben hast und Armen das Evangelium vom versöhnungswilligen Gott gepredigt hasst. Und dann soll es wieder erst noch kommen. In seiner vollen Gestalt vielleicht. Aber es fängt jetzt schon schleichend an. Da wo sich Gott durch dein Tun und Reden Platz verschafft in unserer Welt. Da wo er in deinem Handeln den Mächten der Zerstörung entgegentritt.

Habe ich das richtig begriffen?

Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

Aber dann hieße das ja doch, dass du Gott irgendwie zur Welt gebracht hast. Und zwar anders als Propheten und Lehrer. Nicht nur Worte von Gott, sondern Gott selbst hast du gebracht. Zu uns gebracht. Und warst doch auch Mensch wie wir. Das ist aber auch wirklich schwer zu verstehen. Aber wenn es stimmt, dann ist das irgendwie schon eine Sensation. Du lebst ein echtes Menschsein. So wie sich Gott Menschen wahrscheinlich vorgestellt hat. Und gleichzeitig kommt in dir Gott zu uns, gerade zu den Armen und Stummen und Verlorenen, um sie an sein Herz zu drücken. Um aus dem Zerwürfnis wieder eine Liebesgeschichte zu machen. Mit Aussicht auf ein echtes Happyend. So müsste man doch deinen Satz vom Finger Gottes verstehen. Habe ich Recht?

Nun, was ich sage, ist: Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Und selig ist, wer an meinen Worten keinen Anstoß nimmt. Selig ist, wer glaubt, auch wenn er nicht bis ins Kleinste verstanden hat. Der wird Gott schauen.

 

AMEN

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