Wahnsinn

Predigt Matthäus 10,34-39, 21. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

Jesus spricht zu seinen Jüngern:

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.


Liebe Gemeinde,

diese Jesusworte sind eine Zumutung für seine Jünger damals und heute. Kompromisslos fordern sie zum Glauben auf und machen deutlich, dass es Nachfolge Jesu nicht ohne Bereitschaft zur Trennung geben kann, nicht ohne Bereitschaft zur Trennung von allem, was uns besonders lieb und teuer ist. Wie ein Schwert fährt das Evangelium hinein zwischen die, die gerne singen: „Wir wollen niemals auseinandergehn.“ Auch in kirchlichen Kreisen kann man immer wieder diese „Harmoniesucht“ spüren. Der rechte Ton und die rechte Art und Weise werden zum obersten Gebot erhoben, mit dem jeder Streit als gemeinschaftszersetzend gebrandmarkt und jedes Argument von vorn herein erledigt und zum Schweigen gebracht wird.

Nur damit kein Missverständnis aufkommt. Mit einem Aufruf zum Heiligen Krieg haben die Worte Jesu nicht das Geringste zu tun! Wer das Schwert in die Hand nimmt, soll durch das Schwert umkommen, sagt Jesus unmissverständlich. (Matthäus 26,52) In der geistlichen Waffenrüstung kämpft der Christenmensch „sine vi, sed verbo“, ohne Gewalt, sondern durch das Wort.

Trotzdem bleiben diese Jesusworte nicht nur eine Zumutung, sie machen Angst. Verlustangst, Trennungsangst ist ein großes Thema unseres Lebens. Wie schrecklich ist der Gedanke, den Menschen zu verlieren, den man liebt. Wie schwer fällt es Eltern, ihre Kinder gehen zu lassen und sich nicht länger in ihr Leben einzumischen. Schwiegermütter, die das nicht schaffen, werden zu bösen Schwiegermüttern. Und wie schwer fällt es herangewachsenen Kindern, sich von Vater und Mutter zu lösen. Die Sehnsucht nach Freiheit und die Angst vor dem Verlust der Geborgenheit führen einen erbitterten Kampf, den mancher heute jenseits der 30 im Hotel Mama immer noch nicht entschieden hat.

Vielleicht lachen wir über diese Nesthocker, weil wir es schon lange geschafft haben unseren eigenen Weg zu gehen. Und dann wissen wir, dass es manchmal im Leben nicht ohne Trennung, nicht ohne Verlust und Trauer abgeht, damit überhaupt neue Lebensmöglichkeiten entstehen können.

Beispielhaft ist hier die uralte Geschichte von Abraham und Lot (1.Mose 13). Das Land ertrug es nicht, dass sie beieinander wohnten, heißt es. Zank und Streit waren an der Tagesordnung. Und da trennen sie sich im Frieden und der eine geht links und der andere rechts. Ich habe diese Geschichte einmal einer Gruppe Jugendlicher erzählt, die nach vielen gemeinsamen Jahren nicht mehr miteinander zurechtkamen und es nicht christlich fanden, auseinander zu gehen. Manchmal ist eine Trennung das einzig Richtige und das einzig Gute. Auch wenn es Tränen beim Abschied gibt.

Jesus erspart seinen Jüngern Trennungsängste und Abschiedsschmerzen auf dem Weg des Glaubens nicht. Wie ein Kreuz sind sie, das wir nur widerwillig schultern und doch sind sie die Geburtsschmerzen für ein neues, anderes, besseres Leben; ja für das wahre Leben überhaupt. Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Scheiden tut weh. Sich unterscheiden tut auch weh. Christen unterscheiden sich zwangsläufig von anderen, weil sie nicht auf der Seite der Mehrheit und auch nicht auf der Seite der moralischen Mehrheit stehen, sondern an der Seite des Christus. Weil sie nicht die Meinung der Mehrheit vertreten, sondern Sprachrohr ihres Herrn sein sollen. Weil ihnen nicht das Vaterland, die Parteiraison, die Familienehre oder ihr guter Ruf heilig ist, sondern allein das Wort ihres Herrn. Jesus lässt seine Jünger nicht im Unklaren darüber, dass das schmerzliche Konsequenzen haben kann.

Schmerzliche Konsequenzen, die aber allemal besser sind, als ein fauler Kompromiss und ein falscher Frieden. Der stinkt immer zum Himmel. Und das liegt daran, dass Beziehungen und Bindungen nicht wirklich zerbrechen können. Ein Glas kann zerbrechen oder ein Kristall. Aber Beziehungen und Bindungen sind etwas Lebendiges. Sie können nur absterben und verrotten, was ein sehr anrüchiger Vorgang ist. Hinter faulen Kompromissen und falschem Frieden stecken verrottete Verhältnisse, die nichts und niemand helfen. Sie gehören beerdigt.

Nur eine Bindung lässt Jesus heilig sein: Die zu ihm selbst. Und nur diese Bindung gibt die Kraft für klare Verhältnisse für Trennung und Unterscheidung. Wir fallen nicht ins Nichts, auch wenn keiner mehr auf unserer Seite steht. Eine Glaubenserfahrung, die uns Martin Luther auf seinem gefahrvollen Weg zur Reformation immer wieder eindrücklich bezeugt hat. Freilich, auch heute gibt es in unserer Kirche Strömungen, die den Erhalt der Kirche dadurch sichern wollen, dass möglichst niemandem weh getan wird. Man möchte alle umarmen und hereinholen. Kirche soll wieder Mehrheit sein.

Solche Mehrheit kann Kirche aber nur dann sein, wenn sie den Menschen das Evangelium schuldig bleibt. Denn wenn das Evangelium aller Welt gepredigt wird, wird deutlich, wo es sich von der Welt unterscheidet. Wo Menschen zum Glauben kommen, wird deutlich, worin sie sich von anderen Menschen unterscheiden. Glauben heißt auch unterscheiden. Volkskirche kann die Kirche deshalb gerade nicht sein, indem sie im Volk und seinen Parteien aufgeht oder sich vereinnahmen lässt. Gottes Willen ist nicht Gegenstand eines demokratischen Meinungsbildungsprozesses, auch nicht in der Kirche. Gott sitzt im Regimente. Gott regiert!

Manfred Josuttis schreibt: „Die Volkskirche kann Kirche für das Volk nur sein, wenn sie zum Volk und zu den Volksparteien immer auch auf Distanz geht. Sie kann sich nicht den Gesetzen einer Gesellschaftsreligion unterwerfen, die für Feierabend und Feierlichkeiten besinnliche Unterhaltung und andächtige Stimmung liefert. Sie kann auch nicht nach den Regeln der Marktwirtschaft operieren und mit Sonderangeboten und Schlussverkaufspreisen an den Mann oder die Frau bringen wollen, was den Einsatz des ganzen Lebens verlangt. Sie kann und darf nicht unterschlagen, dass es im Glauben um die Begegnung mit einer heiligen, heilvollen und heilenden Macht geht, die andere Mächte in der Gesellschaft bedroht und begrenzt.“ (Manfred Josuttis, GPM, Heft 4, 1993, S. 411)

Christen reden ihrem Herrn Jesus Christus nach dem Mund und sonst keinem. Wer etwas anderes will, hat in der Kirche nichts verloren. Denn immer wenn die Kirche es in ihrer Geschichte anders gehalten hat, hat sie sich der Lächerlichkeit preisgegeben oder schwerste Schuld auf sich geladen.

Sicher, Trennung, Unterscheidung und Streit sind kein Selbstzweck. Wer sein Kreuz auf sich nimmt, tut das nicht um sich selbst zu quälen. Glauben ist keine Qual. Und wenn er’s ist, ist er ein falscher Glaube. Selbstverständlich sollte unter Christen hoch im Kurs stehen, was König David in den 133. Psalm geschrieben hat: Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! (V 1)

Aber nicht um jeden Preis. Und nicht um den Preis, dass das Evangelium zugekleistert wird; abgleitet in die private Moral, in Banalität und Beliebigkeit, in den jeweiligen Zeitgeist. Und wir brauchen auch nicht immer Barfußlaufen, gestaltete Mitte und die buddhistische Klangschale, um das Evangelium zum Klingen zu bringen. Denn Klinge ist Gottes Wort allemal. Es will uns herausschälen aus falschen Bezügen und falschen Motiven. Bis wir dort sind, wo unser Platz ist:

Bei und in unserem Herrn Jesus Christus. Was uns auf dieser Welt lieb und teuer ist, wird vergehen. So sollten wir es behandeln. Aber sein Wort bleibt in Ewigkeit. Und apropos Verlustangst: Die Kinder Gottes dürfen darauf vertrauen, dass sie ohne den Willen ihres Vaters im Himmel nicht einmal ein einziges Haar verlieren (Apg 27,34). Wahnsinn! (vgl. Manfred Josuttis, aaO., S. 412)

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