Familie über Kreuz / Familie unterm Kreuz

Letzte Woche war Klassentreffen im Sportheim Schwarzenbach. 4 Abschlussklassen von 1972, Realschule Naila. Einige davon haben sich zuletzt gesehen, als sie 16 waren.

Meine Frau gehört dazu. Nach dem Abholen frag ich sie auf dem Heimweg, wie es abgelaufen ist. Sehr schön, lecker Essen, locker Plaudern. Hattet ihr eine Vorstellungsrunde, wo jeder erzählt, wer er ist und was er jetzt macht? Nein. Sie hätte das gut gefunden. Aber mancher aus der Runde war bestimmt froh darüber, nichts preisgeben zu müssen.

Warum? Vor 30 Leuten das Wort ergreifen kann doch nicht so schlimm sein, man war doch Jahre zusammen. Das wohl. Aber nach der Schule lief bei manchen eben nicht alles rund. Und wenn man nicht mithalten kann mit dem Erfolgsbericht des Vorredners an Vorzeigbarem a la mein Haus, meine Frau, meine Kinder.

Wie war das bei dir letzte Weihnachten, letzter Geburtstag? Opa, Kinder, Enkel, waren die ausnahmslos vereint vor der Geburtstagstorte, unterm Tannenbaum? Oder hatte der Sohn wieder mal keine Zeit? Aber wenigstens ein Päckchen wird er geschickt haben. Früher vielleicht, jetzt schon lange nicht mehr. Dann wenigstens einen Brief? Das war mal. Eine Karte? Das war mal. Ein telefonischer Gruß muss reichen. Dabei gilt doch die Familie als Hort, als letzte Bastion von Miteinander, Zusammengehörigkeit, Zuhausesein. Hohe Erwartungen, ernüchternde Realität. Immer öfter zeigen sich Risse am Denkmal Familie, mitunter ist es bloß noch ein Torso. Aber selbst wenn, leider, ausgerechnet in der eigenen Familie so weit gekommen ist. Es muss ja nicht nach außen dringen. Um so ärgerlicher ist es dann, wenn ausgerechnet der Pfarrer beim Beerdigungsgespräch hartnäckig nachhakt. Den Finger legt auf das schwierige Jahrzehnt aus der Familiengeschichte, über das doch alle Stillschweigen vereinbart hatten.

Das Bild auf der Titelseite ist eine Szene aus dem Spielfilm „Plötzlich Papa“. Mancher von uns kennt den Hauptdarsteller aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“ in der Rolle eines Krankenpflegers, der seinen steinreichen Chef vom Rollstuhl in den Maserati hebt. In diesem neuen Film spielt er einen lebenslustigen Stuntman. Nach dem Dreh zieht er durch die Kneipen Londons und landet in fremden Betten. Das hat ein Ende, als eine seiner Verflossenen ein Kind, sein Kind, bei ihm ablädt und abtaucht. Rasch schließt er die Tochter ins Herz und zieht sie alleine groß bis zur Pubertät. Um die Illusion von Familie aufrecht zu erhalten, erzählt er ihr, die Mutti hätte viel zu tun in New York, käme aber wie versprochen bald auf Besuch. Bis dahin schreibt sie, genauer gesagt er, täglich eine Mail. Eine Fakemail. So geht das ein Dutzend Jahre lang. Als die Kleine in die Pubertät kommt und der Vater sich gerade entschlossen hat, die Kleine am nächsten Tag aufzuklären, geschieht das Wunder. Eine echte Nachricht trifft ein! Die Mutter kündigt ihr Kommen an. Ihr Ziel ist nicht Wiedervereinigung, sie will die Tochter in die USA holen und dafür das Sorgerecht einklagen. Noch weiß das Mädchen nichts davon. Die Mutter ist gerade eingetroffen. Stolz geht das Mädchen mit beiden Eltern in die Schule.

Was anderen Teenies oberpeinlich wäre, am Händchen der Eltern vor jedermanns Augen in die Schule geführt zu werden, ist für die Kleine ein Triumphzug. In der Szene sieht man das strahlende Mädchen, wie sie abwechselnd mal zu Mutti, mal zu Vati hochblickt. Dann ein Kameraschwenk, die Gruppe wird von hinten gefilmt, wie die drei eine Silhouette auf den Schulweg werfen. Es sieht aus wie heile Familie, aber eigentlich ist es. Familie über Kreuz.

Es geht dann übrigens gut aus. Ist es in deiner Familie gut ausgegangen bisher? Wenn ja, danke Gott und erbitte weiter seinen Segen und Schutz. Wenn nicht, rechne weiter mit seinem Eingreifen.

Das Modell Familie ist alt, aber bewährt. In Krisenzeiten merken wir, was wir aneinander haben. Und doch ist die Familie bedroht. Von innen schon immer. Und in unserer westlichen Kultur vor allem von außen.

Familie wird schlechtgeredet als spießig, bürgerlich, Auslaufmodell. Inzwischen seien die Formen des Zusammenlebens völlig beliebig, heißt es. Familie sei nur eine Form von vielen, weder erstrebenswert noch besonders. Der fieseste Angriff ist die Neudefinition. Familie sei nicht, wie herkömmlich verstanden, Vater Mutter Kind. Sondern überall, wo verschiedene Generationen sich in Liebe zugewandt sind, füreinander sorgen, sei Familie.

Damit wird jeder Familie, in der es eine Krise gibt, das Existenzrecht bestritten. Das was ist, wird an das funktionierende Miteinander gebunden. Am Ende kommt jemand von der Qualitätskontrolle und zertifiziert, Familie vorhanden oder nicht. Was für ein Durcheinander! Bis tief hinein in das kirchliche Leben greift die Verunsicherung. Bis hinein in die Denkschriften aus der höchsten Kirchenetage. Wo man nicht mehr darlegen kann, was ist Familie, und sich nicht mehr traut, die klare biblische Sicht darüber zu bekennen.

Sobald aber die Jamaica Koalitionäre verhandeln über Flüchtlingspolitik, über Familiennachzug. Da benutzen auf einmal wieder alle den klassischen Familienbegriff. Eltern und Kinder. Die Kernfamilie. In diesem Klima der Ratlosigkeit, der Verunsicherung, des Umbruchs, sehnen wir uns nach Mutmachern. Nach einer stabilisierenden Kraft. Von außen. Machtvoll.

Wie sie nur Jesus bringt. Da werden zerrissene Familien heil. Wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Da findet ein Playboy ins geregelte Leben zurück. Der abgerissene Kontakt zum vermissten Sohn kommt wieder zustande.

Feindliche Brüder beginnen, ihre Beziehung neu zu justieren. Jesus, der Friedefürst, bringt einen neuen Geist, neue Chancen, macht Totes lebendig.

Wieso aber sagt er dann hier: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen sondern das Schwert. Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“

Wie passt das zusammen? Es geht um die Prioritäten. Denk an die 10 Gebote. Drei davon schützen die Familie. Ehre Vater und Mutter. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Haus ist das biblische Wort für Familie. Aber das 1. Gebot steht vornean. Gott zuerst. Nicht Familie geht vor. Sondern der Vater im Himmel.

Jesus will Frieden bringen. Das ist seine Absicht. Er will Fuß fassen in den Familien. Da ist der Grufti bei den Grabhöhlen von Gerasa. Eine Gefahr für sich und andere. Von allen guten Geistern verlassen. Jesus heilt ihn. „Und als er in das Boot trat, bat ihn der Besessene, dass er bei ihm bleiben dürfe. Aber er ließ es ihm nicht zu, sondern sprach zu ihm: Geh hin in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, welch große Wohltat dir der Herr getan hat und wie er sich deiner erbarmt hat!“

Wie werden die es aufnehmen? Vielleicht wie die Familie von Yassir Eric, dem 19jährigen Studenten im Sudan? (aus Yassir Eric: Hass gelernt, Liebe erfahren, adeo Verlag 2017)

…Wie üblich trafen sich mein Vater, sein Bruder, der Imam und ich zum täglichen Männergespräch. Wir kamen auf Onkel Khaled zu sprechen. Seit seiner Hinkehr zum Christentum gehörte er nicht mehr zu unserer Runde. Ich verteidigte ihn: „Wir haben ihn alle geliebt und respektiert und plötzlich soll er ein schlechter Mensch geworden sein?“ – „Bist du wie Khaled geworden? Sprich die shahada!“ (das islam. Glaubensbekenntnis)

„Ich bin Christ Ich sage die shahada nicht und ich glaube auch nicht mehr an Mohammed!“ presste ich leise heraus. Um meinem Großvater Respekt zu zeigen, schaute ich ihn dabei nicht direkt an. Entsetztes Schweigen. Für alle Anwesenden stand fest, dass ich meine Familie und meine Tradition verlasse. „Schau, das ist deine Erziehung“ polterte Großvater, an meinen Vater gerichtet. Als Reaktion schlug mich Vater mit voller Wucht ins Gesicht. Damit wollte er allen zeigen, dass er auf Großvaters Seite stand. „Nehmt das Ganze nicht so ernst“, versuchte einer der Onkel zu vermitteln. „Er ist nocht jung und ihr wisst wie sehr er an Onkel Khaled hängt.“ Keiner ging darauf ein. Dann tat Großvater, was ich noch nie zuvor erlebt hatte. Er erhob sich schweigend und ging, ohne sich zu verabschieden. Diese Geste entehrte meinen Vater. Auch mein Onkel eilte ihm nach. Ich stand mit meiner Bibel in der Hand in der Mitte des Wohnzimmers. Vater schwieg. Ich ging wortlos in mein Zimmer. Wenige Minuten später klopfte es an der Tür.

Mein Cousin, von Vater geschickt, holte mich zurück ins Wohnzimmer. Vater sagte: „Wenn du so bist, dann bist du nicht mehr mein Sohn. Und weil du nicht mehr mein Sohn bist, gehörst du nicht mehr zu uns.“

Das meint Jesus mit dem Schwert. Es scheidet. Entweder oder. Familie über Kreuz oder Familie unter dem Kreuz.

Konfirmandenfreizeit am Plöner See. 5 Tage Bibelarbeit, Sport, Geländespiel, Stadttour, neue Lieder., Begegnungen mit Jugendlichen, nur wenige Jahre älter, die mit Jesus unterwegs sind. Wir laden die einzelnen ein, besser, fordern sie heraus, persönlich Stellung zu beziehen. Ansage nach dem Frühstück: Heute Abend ist nach der Andacht Gelegenheit zum Gespräch unter 4 Augen. Du kannst mit einem aus dem Leiterteam, zu dem du Vertrauen hast, beten und dich zu Jesus bekehren. Wir wollen dich nicht überrumpeln. Überleg dir die Sache!

Selina und Sarina, Zwillinge, rufen zu Hause bei der Mutter an. Mama, was meinst du, sollen wir uns bekehren? Bekehrung? Was ist das denn? Die beiden berichten, worum es abends gehen soll. Wer hat euch dazu aufgefordert? Pastor Musiolik und Daniel, der Diakon. Wenn das von denen kommt, kann das nichts Schlechtes sein. Und wenn ihr das gemacht habt und ihr seid morgen wieder zu Hause, erzählt ihr mir, wie das geht. Damit ich weiß, wie ich mich auch bekehren kann.

Familie über Kreuz oder unterm Kreuz. Manchmal ist daskein Gegeneinander, sondern ein Nacheinander. Wie bei Martin Luther. Deshalb das Bild auf der Innenseite. Der Vater wollte einen guten Juristen aus ihm machen. Das Gewitter vor Stotternheim bringt die Wende. Luther wechselt das Fach. Mehr noch, er spricht das Mönchsgelübde. Der Vater, aufstrebender Bergmann, rast. Was soll aus dem Unternehmen werden? Jahre später ist Luther verheiratet, 5 Kinder, die ersten benannt nach Oma und Opa. Die tüchtige Katharina hat aus dem schwarzen Kloster einen Musterbetrieb gemacht. Eine Mischung aus Bauernhof, Wirtschaft, Studentenwohnheim, Denkfabrik. Eine vorhandene Familie, die Luthers, hat Erneuerung erfahren. Zugleich ist eine neue Familie entstanden, mit ständig wechselnder Besetzung. Das Bild auf dem Programm zeigt Luther und Katharina am Tisch mit den Studenten. Jesus ist der Mittelpunkt dieser neuen Familie. Blutsbande halten sie zusammen, aber nicht das Blut der Ahnen.
Es ist das Blut Jesu.

Daran werden wir erinnert, mehr, in diese Verbindung treten wir ein beim Abendmahl. Da trifft sich die Familie der Christen. Und wie in irdischen Familien, gerade wenn man sich gut kennt. So ist das auch in Kirchengemeinden, gerade auf dem Dorf. Es ist einem nicht jeder sympathisch. Aber das soll jetzt keine Rolle spielen. Jesus ruft uns zusammen, da dürfen wir fröhlich kommen und müssen nicht heile Welt markieren. Weil es nicht darauf ankommt, wie gut wir uns vertragen, wie sehr wir uns mögen. Jesus ist die Mitte.

Und auf einmal prägt er das Miteinander. Unsere Vorbehalte dürfen ruhen. Es geht nicht mehr um uns, sondern um ihn. Und auf einmal sehen wir alles entspannter.

Zu dieser Familie darf ich gehören. Zu dieser Familie will ich gehören. Ich wünsche uns eine Sehnsucht danach.

Wie bei der kleinen Tracy. Vorschulkind. Aus Ghana. Sonntags kam sie zum Kindergottesdienst. Am ersten Sonntag im Monat war Abendmahl. Was in der Kirche bei den Erwachsenen abging, wurde ins Gemeindehaus übertragen. Hoffentlich war das Kinderprogramm fertig, bevor das Abendmahl losging. Das klappte nicht immer. Dann zogen, nein liefen die Kinder in die Kirche und stellten sich dazu. Brot und Kelch gab es für sie nicht, aber einen persönlichen Segen mit Handauflegung. Und oft noch ein Bildchen dazu. Selig war Tracy, wenn es schon begonnen hatte und sie hatte es noch geschafft in die letzte Tischrunde. Zwischen jung und alt, hoch und niedrig, arm und reich, schwarz und weiß. Gemeinde unter dem Kreuz.

Du darfst dazu gehören. Und gespannt sein, wer einst im Himmel alles neben uns steht. Was für Aussichten!

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