Der Glaube, der Frieden schafft (Matthäus 10, 34-39)

Er war lange stumm und sprachlos, kein Wort kam über seine Lippen.
Hatte ihn lange Zeit der unerfüllte Kinderwunsch hilflos und ohnmächtig dastehen lassen, war es dann das ungläubige Staunen über das Wunder der späten Elternschaft – gegen alle Vernunft und gegen Wahrscheinlichkeit, – dass ihn buchstäblich in die Stille führte. Manche sagten: Gott hat ihn stumm gemacht, ihm den Mund verschlossen, weil aus ihm nur Zweifel und Gegenrede kam. Vielleicht war es aber auch eine Mischung aus beidem: die Umstände des Wunders und Gott.
Und dann war das Kind da: ein Sohn – und alles brach aus ihm heraus: Freude, Dankbarkeit, Hoffnung für sein Kind und alle Menschen, ein großartiges Loblied Gottes voller Sehnsucht nach Bewahrung und Frieden: wer will nicht, dass seine Kinder in Sicherheit und Frieden aufwachsen. Was riskieren Eltern nicht bis heute alles, damit die Kinder überleben, leben, es besser haben. dazu muss ich nicht erst, aber auch nach Syrien, Eritrea, oder andere ärmste afrikanische Länder schauen. Und so singt er, Zacharias, Vater des späteren Täufers Johannes, im Augenblick der Geburt: „Uns wird das aufgehende Licht aus der Höhe besuchen, denen zu erscheinen, die in Finsternis und Schatten des Todes sitzen und unsere Füße auf den Weg des Friedens richten“ (Lukas 1, 79) Eigentlich sogar mehr noch Gebet und Bitte: „richte doch unsere Füsse auf den Weg des Friedens.“
Das Gebet Zacharias hat Eingang gefunden in die Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie, die EKD, versteht sich als Anwältin und Botin des Friedens. Und der Monat November ist besonders in den östlichen Gliedkirchen geprägt von der Friedensdekade und den Friedensgebeten, deren Macht sich in der Ohnmacht der Betenden, den Händen der Mächtigen ausgeliefert, einst in den Herbsttagen 1989 erwiesen hat. Es waren am Anfang die Gebete und Lichter nur weniger, die sich ausbreiteten und Mauern zum Einstürzen brachten, eine friedliche Revolution einleiteten, an deren Ende Freiheit und Aufatmen, Freudentaumel und Tränen standen: „wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden“. Gebete, wie das Gebet Israels im Exil, werden manchmal erfahrene Wirklichkeit, also Wunder und Sternstunden der Geschichte denen, die dabei sein dürfen!
Aber was am Anfang nach dem Ende des Krieges schmeckte und Hunger und Durst nach mehr Gerechtigkeit und Frieden weckte, ist mittlerweile wieder versunken in einer Spirale von Misstrauen und Angst, von Waffentrotzender Gewalt und unsicherem, ängstlichen Innehalten, ob nicht doch bald wieder Krieg die Oberhand gewinnt. Der Kampf gegen den Terror hat die Spirale der Gewalt angetrieben, Terroranschläge, Selbstmordattentate , Sicherheitsfanatismus, Abschottungsparolen, neue Mauern in den Köpfen , in den Herzen und an den Grenzen scheinen die einzigen Antworten zu sein, die Menschen einfallen. Nur zaghaft betet es noch hier und da: richte doch unsere Füsse auf den Weg des Friedens.
Mittendrin schreien Menschen aber auch: im Namen Gottes. Und mittendrin sehen sich viele als Kämpfer und Krieger Gottes, als könnte er nicht allein für seine Sache streiten…
Und ein Verdacht macht sich wieder breit: Religionen sind nicht die Lösung des Problems, sondern die Ursache.
Allen Friedensappellen religiöser Führer zum Trotz bleiben ihre schärfsten Kritiker dabei: Religion ist potentiell intolerant und gewalttätig, weil sie keinen relativen, sondern einen absoluten Wahrheitsanspruch hat. Alles Träumen vom Frieden ist nicht Ausdruck der Sehnsucht nach gleichberechtigter Existenz verschiedener Lebens- und Glaubensweisen, sondern der Sieg der einen Wahrheit über die anderen Unwahrheiten.
Der Glaube an den einen Gott, so die Stimmen der Kritiker, duldet eben keinen anderen Gott neben sich und aus verletzter Eitelkeit schon gar keine Ignoranz und keine Gottlosigkeit. Und dann berufen sie sich auf Jesus. Wie die Pazifisten, die aus der Bergpredigt zitieren und auf den widerstandslosen Tod des Gerechten am Kreuz verweisen, halten uns die Verächter der Religion Jesu Worte vor, die wir heute als Predigttext gehört haben und die zunächst wirklich nur schwer auszuhalten sind: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert, Menschen zu entzweien.
Gewalt, so scheint es, ist nicht nur das Problem eines intolerante, ja militanten Islams, der leider immer mehr Anhänger findet, sondern auch eine blutige Spur in der Geschichte der Christen. Aus den ersten Märtyrern und Opfern wurde die Täter, die Kreuzritter, die Inquisitoren, die Feinde in den Konfessionskriegen, die Täter in der Shoa, und heute womöglich die selbsternannten Retter des längst nicht mehr christlichen Abendlandes, die keine klare Grenze mehr zwischen verbaler und physischer Gewalt ziehen..
„Das kann doch nicht Jesu ernst sein“ denken viele.
Hoffentlich stoßen sie dann auf Menschen, die mit ihren Geschichten erzählen können, dass es ja gar nicht um die Gewalt geht, die von Christen ausgeht. Sie sind eine große Schuld in unserer Geschichte und Krieg und Terror darf um Gottes Willen nicht sein. Es geht mehr um die erlittene Gewalt derer, deren Herz und Gewissen gefangen ist in dem Vertrauen auf den ohnmächtigen Gott am Kreuz von Golgatha.
Was mein einziger Halt im Leben und im Sterben ist ( so beginnt die erste Frage im Heidelberger Katechismus), kann ich doch nicht an der Garderobe abgeben und verleugnen, sondern muss zu dieser Überzeugung unabhängig von den Konsequenzen stehen. Manche kostet das Freundschaften, als Christ verlacht zu werden und dennoch zu glauben. Andere hat es Schulabschluss und beruflichen Erfolg gekostet, nicht zur Jugendweihe gegangen zu sein. Wieder andere hat es das Leben gekostet, dem Rad des Krieges und seines Terrors um Christi willen in die Speichen gegriffen zu haben, als sie ohne Rücksicht auf die eigene Schuld versuchten größeres Blutvergießen auch durch ein Attentat, den Führer- oder Tyrannenmord, verhindern zu wollen, um dabei am Ende selbst ums Leben zu kommen. Selbst Luther stand in Worms im Angesicht des Todes und stellte der Überlieferung nach fest: hier stehe und kann nicht anders: Gott helfe mir, Amen.
Und es war nicht ausgemacht, dass er nicht wie Jan Huss 100 Jahre zuvor auf dem Scheiterhaufen landete. Und es war nicht sein Ziel die Christen in einen Konfessionskrieg zu stürzen, selbst wenn seine späten Gedanken gegen Juden unversöhnlich und hasserfüllt und unerträglich waren.
Das mag fast alles Vergangenheit sein. Die Gegenwart schmeckt mehr nach Gleichgültigkeit in der säkularen Welt, in der Christen belächelt werden, oder Anregungen, wie die für einen dauerhaften bundesweiten Reformationstag, als Anachronismus verstanden werden, weil man den Kirchen keine gesellschaftsprägende Kraft mehr zutraut. Vielleicht sind das die Konfliktlinien, die Streitfelder, auf denen wir heute um Christi willen mit anderen (hoffentlich nur) verbale Konflikte in der Sache austragen.
Stärken müssen wir das Friedenspotential und die Friedensbotschaft, die unlösbar verbunden sind mit dem Glauben an Gott: an den Gott, den Jesus Vater nennt, der auch der Gott Abrahams, Israels und Jakobs ist; vielleicht auch an den Gott, den Muslime den Allerbarmer nennen.
Vom Frieden dürfen wir nicht nur reden, wir müssen ihn herbeisehnen, von ihm träumen, um ihn heute schon leben zu können. Den Frieden müssen wir uns schenken lassen, so wie er uns in jedem Gottesdienst zugesprochen wird.
Wenn wir uns um des Glaubens willen auf einen Wettstreit einlassen, dann doch nur auf den Wettstreit der Friedenskräfte, der Versöhnungskräfte und der Leidenschaft für die Gerechtigkeit . Diese Potentiale sind noch lange nicht abgerufen. Wer meint, Gott egoistisch für seine Motive missbrauchen zu können, der hat ihn längst verloren und keinen Anspruch, sich dabei auf Christus zu berufen.
Gefährlich ist und bleibt ein Glaube, der die Welt einteilt in gut und böse, drinnen oder draußen, gläubig oder ungläubig.
Gefährlich ist ein Glaube, der meint Gottes Wahrheit und Anspruch mit Gewalt durchsetzen zu müssen, obwohl Gott die Ohnmacht des Kreuzes gewählt hat.
Gefährlich ist ein Glaube, der sich im Besitz ewiger Wahrheit wähnt, die nicht hinterfragt oder angezweifelt werden darf.
Gefährlich ist ein Glaube, der sich dem Wahn hingibt, Nationalismus sei Ausdruck von Frömmigkeit. Wer schreit: „Gott mit uns“ behauptet zugleich, Gott sei gegen andere. Das ist die Quelle und Wurzel der Gewalt und der Intoleranz.
Befreiend ist ein Glaube, der sich nach Frieden und Gerechtigkeit sehnt, der das Leiden der Schöpfung hört und sieht, der in den Menschen nah und fern vor allem den Bruder/die Schwester sieht und, wie der barmherzige Samariter, wagt, einem anderen zum Nächsten zu werden.
Tröstend ist ein Glaube, der sich leere Hände von Gott füllen lässt und sich zugleich im Leben und im Sterben in Gottes Hände fallen lässt.
Segensreich ist ein Glaube, der den Wunsch lebt: richte doch unsere Füsse auf den Weg des Friedens. Solchen Glaube schenke uns Gott!

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