Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen

Predigt für den ökumenischen Gottesdienst am Buß- und Bettag, den 16.11.2016 in der katholischen Kirche St. Clemens Kaldenkirchen:

 Liebe ökumenische Gottesdienstgemeinde am Buß- und Bettag!

„Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“. Unter dieser Überschrift steht das gemeinsame Wort der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland zum 500jährigen Reformationsjubiläum 2017.

Und damit wird schon deutlich, dass dieses 500jährige Jubiläum der Reformation unter ganz anderen Vorzeichen begangen werden wird als in den Jahrhunderten zuvor.

1817 und 1917 standen die Reformationsjubiläen noch ganz im Zeichen des konfessionellen Gegensatzes – ja oft sogar der feindseligen Abgrenzung der beiden großen Kirchen voneinander. Da wurde das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus tatsächlich zu einem „Sperrzeichen“, zu einem schier unüberwindlichen Trennungsbollwerk zwischen katholischen und evangelischen Christinnen und Christen.

Das ist heute – Gott sei Dank! – anders geworden. Viele Dinge haben dazu beigetragen. Die Aufklärung und im Gefolge der französischen Revolution die Forderung nach allgemeiner Gewissens- und Glaubenstoleranz haben die konfessionellen Gegensätze hinterfragt und aufgebrochen.

Der Bevölkerungsaustausch innerhalb Deutschlands im Gefolge des 2. Weltkriegs hat die Konfessionslandschaft bunter gemacht. Vormals rein katholische oder rein evangelische Gebiete veränderten sich zu einem Konfessionsmix. Wie viele evangelische Menschen aus den Ostgebieten Deutschlands haben hier am vornehmlich katholischen Niederrhein eine neue Heimat gefunden!

Das 2. Vatikanische Konzil und die ökumenische Bewegung haben seit den 60er Jahren viele Mauern zwischen uns eingerissen.

Und die Entwicklung, dass die Gruppe der Konfessionslosen in Deutschland immer größer wird, ermahnt uns als christliche Kirchen mehr denn je dazu, dass wir das Evangelium von Jesus Christus gemeinsam verkündigen und auch mutig gemeinsam handeln.

500 Jahre Reformation – das ist ein gutes Datum, um aufeinander zu hören, Vorurteile abzulegen, Gemeinsames zu betonen, und die nach wie vor bestehenden Unterschiede ehrlich zu benennen, aber sich durch sie nicht von dem Weg der Ökumene abbringen zu lassen.

Ich persönlich bin der Überzeugung, dass wir in einer immer stärker entkirchlichten und multireligiösen Gesellschaft einander immer mehr brauchen werden, wenn wir denn wollen, dass das Evangelium von Jesus Christus in unserem Land die Menschen erreichen soll. Zu einem ökumenischen Miteinander unserer Kirchen gibt es für die Zukunft keine Alternative.

Das muss nicht zwangsläufig auf eine organisatorische Wiedervereinigung der Kirchen hinauslaufen, aber ganz sicher auf einen respektvollen, hörbereiten Umgang miteinander – eine Art versöhnte Verschiedenheit, die die Gemeinsamkeiten betont und die bleibenden theologischen Unterschiede als eine Bereicherung ansieht und aushält.

Gerade heute, am Buß- und Bettag, müssen wir uns sagen lassen:

Unversöhnlichkeit ist kein Weg, der uns erlaubt ist. Denn unser christlicher Glaube soll ja dem Frieden dienen. Nur so kann unser gemeinsames Zeugnis von Jesus Christus glaubwürdig sein für die Menschen, die dem christlichen Glauben fernstehen.

500 Jahre Reformation ist ein gutes Datum, um nach wie vor schmerzende Erinnerungen zu heilen. Viele Wunden sind vielleicht mittlerweile zugewachsen, aber die Narben schmerzen noch immer.

Martin Luther wollte mit seinem Protest, seinen 95 Thesen gegen die Ablasspraxis der spätmittelalterlichen Kirche ganz sicher keine Kirchenspaltung bewirken. Dass es schließlich so kam, ist historisch erklärbar, aber nichtsdestotrotz eine schmerzhafte Erinnerung. Eine Wunde, deren Narbe immer noch weh tut.

Zu den schmerzhaften Erinnerungen gehört ganz sicher auch, dass Reformation und Gegenreformation Auslöser der furchtbaren Schrecken des 30jährigen Krieges waren.

Es gibt aber auch Erinnerungen an persönliche Verletzungen, wie ich sie oft im Gespräch mit älteren Menschen gehört habe: Ausgrenzungserlebnisse in der Schulzeit, Zerwürfnisse in Familien, weil man einen anderskonfessionellen Partner heiraten wollte und es nicht durfte, Konflikte um die Taufe der Kinder u.v.a.m.

Erzählen wir also einander unsere jeweiligen schmerzhaften Erinnerungen – und sorgen wir dafür, dass Hörbereitschaft, Empathie und Respekt das künftige Miteinander unserer Kirchen bestimmt!

Die gegenseitigen Verurteilungen der Reformationszeit haben sich – Gott sei Dank! – überlebt. Auch für Katholiken ist Martin Luther heute nicht mehr ein „übler Ketzer“, und für Protestanten ist der Papst nicht mehr der „Antichrist“.

Und die katholische Kirche heute ist natürlich eine gänzlich andere als die spätmittelalterliche Kirche vor 500 Jahren.

Grundanliegen der Reformation wie

  • die Lehre von der Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade,
  • die Verwendung der deutschen Sprache in der Gottesdienstliturgie,
  • die Übersetzung und Verbreitung der Bibel, damit alle Christen die Quellen des Glaubens lesen und verstehen können,
  • die Beteiligung der Laien an der Leitung der Kirche u.v.a.m.

sind heute nicht mehr kirchentrennend, sondern in weiten Teilen konsensfähig geworden.

Die Kirchen haben sich in ihrer Unterschiedlichkeit wechselseitig beeinflusst und befruchtet. Und dieser Prozess geht auch heute noch unvermindert weiter. Das ist gut so.

Natürlich wäre es falsch, nach wie vor bestehende Unterschiede und Hindernisse zu verschweigen, insbesondere

  • beim Kirchen- und Amtsverständnis,
  • bei der Frage einer wechselseitigen eucharistischen Gastfreundschaft,
  • beim Papstamt,
  • oder auch beim Thema Frauenordination.

Bei diesen und anderen schwierigen Fragen müssen wir weiter im Gespräch bleiben – ohne Rechthaberei, ohne Sieger und Besiegte schaffen zu wollen, sondern indem wir schlicht versuchen, einander immer besser zu verstehen und unsere Unterschiedlichkeit als bunte Vielfalt und als Reichtum zu begreifen.

Vor allem aber sollten wir uns klarmachen: Es gibt zwischen den beiden großen Kirchen so viel Gemeinsames, auf das wir uns besinnen können – das ist weitaus mehr als das, was uns immer noch voneinander trennt.

So lassen Sie uns in diesem Jahr des Reformationsjubiläums das Gemeinsame betonen – vor allem unseren Auftrag, die frohe Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Beim ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 wurde die sogenannte „Charta Oecumenica“ unterzeichnet – eine Selbstverpflichtung, die in der Konferenz Europäischer Kirche erarbeitet worden war. Darin heißt es:

„Im Geiste des Evangeliums müssen wir gemeinsam die Geschichte der christlichen Kirchen aufarbeiten, die durch viele gute Erfahrungen, aber auch durch Spaltungen, Verfeindungen und sogar durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägt ist. Menschliche Schuld, Mangel an Liebe und häufiger Missbrauch von Glaube und Kirchen für politische Interessen haben die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses schwer beschädigt. Ökumene beginnt deshalb für die Christinnen und Christen mit der Erneuerung der Herzen und der Bereitschaft zu Busse und Umkehr. In der ökumenischen Bewegung ist Versöhnung bereits gewachsen. Wichtig ist es, die geistlichen Gaben der verschiedenen christlichen Traditionen zu erkennen, voneinander zu lernen und sich so beschenken zu lassen.“

Wir müssen nicht darauf warten, bis unsere Kirchenleitungen oder theologische Kommissionen Kompromissformeln finden, die die Ökumene weiterbringen.

Auf der Ebene der Ortsgemeinden können wir auch eine Menge tun. Vor allem können wir schon heute miteinander beten und miteinander verantwortlich handeln.

Ich möchte an die ja schon viele Jahre in Kaldenkirchen lebendige Einrichtung des „Ökumenischen Friedensgebetes“ erinnern, die jeden Dienstagabend um 19.00 Uhr in der evangelischen Kirche stattfindet. Katholische und evangelische Christinnen und Christen treffen sich dort seit vielen Jahren zum Gebet für den Frieden. Viele sind mit dieser wöchentlichen Einrichtung älter und alt geworden. Wie schön wäre es doch, wenn neue Gesichter dazukämen – Menschen, die der Wunsch nach einem gemeinsamen Beten katholischer und evangelischer Christinnen und Christen eint!

Wir können auch an der einen oder anderen Stelle gemeinsam handeln. Ich nenne die gemeinsamen Anstrengungen für die Bedürfnisse der Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr in unser Land und auch in unseren Ort gekommen sind.

Und ein schönes ökumenisches Zeichen ist es auch, dass unsere beiden Gemeinden seit kurzem in gemeinsamer Trägerschaft und Kooperation die Spielmobilarbeit in Nettetal verantworten.

Die evangelische Kirche im Rheinland hat das Reformationsjubiläum – frei nach Hanns Dieter Hüsch – unter das Thema gestellt: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit!“

Und die niederrheinischen Kirchenkreise Krefeld-Viersen, Gladbach-Neuss, Jülich und Aachen haben sich zusätzlich noch ein eigenes Festmotto gegeben: „Gottes Wort kehrt nicht leer zu ihm zurück.“

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit!“ und „Gottes Wort kehrt nicht leer zu ihm zurück.“

Diese Perspektive auf den Glauben hat nichts exklusiv Evangelisches, sondern sie verbindet uns als katholische und evangelische Christinnen und Christen.

Lassen Sie uns in dieser Richtung weiter gemeinsame Schritte tun und das betonen, was uns im Glauben an Jesus Christus verbindet.

Nach dem Johannesevangelium betet Jesus folgende Fürbitte für alle, die ihm nachfolgen: „Ich bitte für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 17, 20f)

 Amen.

 

Pfarrer Andreas Grefen, Kaldenkirchen

 

 

 

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