Ausblick nach dem Fest

Themenpredigt: 500 Jahre Reformation

Das Fest ist noch gar nicht zu Ende, die letzten Gäste kommen gerade und reihen sich in die Schar der Gratulanten ein, da brechen die ersten schon wieder auf. Die Vorbereitungen haben sich lang genug hingezogen, die Zahl der Festreden und Würdigungen ist schier unendlich, Müdigkeit macht sich breit: bei den Organisatoren, beim Jubilar, auch bei den Gästen. Auf der anderen Seite: 500 Jahre – das ist doch etwas und wir können später behaupten, dabei gewesen zu sein. Hinter vorgehaltener Hand, vielleicht ja dieser Ermüdung geschuldet, hört man Kritik und Unruhe über fehlende Begeisterung für die Themen des Reformationsjubiläums, mangelnde Aufbruchstimmung unter den Evangelischen und keine Bereitschaft, sich der Krise der Kirche zu stellen und zum Kern der reformatorischen Botschaft vorzudringen. „Wir dürfen uns den Blick aufs Ganze nicht länger verstellen lassen durch den Dampf von Illusionen“. Alles, so die Kritiker, Ausdruck einer grandiosen Selbsttäuschung.
Aber auch die Festreden auf den Jubilar sind zu hören. Natürlich steht da einer besonders im Mittelpunkt, aber doch nur exemplarisch für die vielen bekannten und unbekannteren Mitstreiter: Martin Luther und sein Streben nach Wahrheit, seine Wahrheitsgewissheit und daraus erwachsend sein trotziges Selbstvertrauen.
Provozierend und doch der Schmeichelei unverdächtig, höre ich Sybille Lewitscharoff, Schriftstellerin, die Luther als Sprachereignis bezeichnet und schwärmt: „ein Hartredner war Luther, ein Dickkopf, ein Mann der Wucht, der mit Worten kräftig dreinhauen konnte, dessen eher grober Körper jedoch auch ein zartsinniges Herz besaß – davon zeugen die sanftmütigen und leisen Wörter, über die er ebenfalls in großer Zahl verfügte. Sie konnten sachte in die Ohren des Hörers und ins Gemüt des Lesers dringen. Vielleicht ist gerade dieses Hin und Her aus ungestümer Sprachkraft und feinhörigem Lauschen auf die innersten Seelenregungen, was es diesem Mann erlaubt hat, zu einem deutschen Zyklopen, einer Art Gewitterdämon des Geistes zu werden, ohne als böser Poltergeist zu enden“
Nun vertreibe ich einmal den Dampf von Illusionen, versuche den Nebel etwas zu lichten, und bin am Ende dieses Festes doch beeindruckt von der grandiosen Aktualität der reformatorischen Themen und dem Botschaft. Vielleicht fallen uns beim Aufräumen ja noch einmal Erinnerungsstücke der Reformationsdekade in die Hand. In einem Jahr stand die eine christliche Taufe im Blickpunkt der Erinnerung. Wir sind gleichsam ein ganzes Jahr lang öffentlichkeitswirksam immer wieder hineingekrochen und aus ihr herausgekommen, um zu begreifen, dass wir Gottes Kinder sind und Gottes Kinder bleiben, um allerdings auch ein Leben lang Christen zu werden, denen man ihr Gottvertrauen und Lebenszuversicht abspüren kann. Wir haben Tauffeste gefeiert und uns dabei nicht in unseren Kirchenmauern versteckt. Gotteskindschaft ist nämlich nichts exklusives, nur wenigen vorbehalten, sondern etwas, was Menschen längst, bevor sie glauben, verbindet. Als Mensch bin ich längst Geschöpf und Gotteskind, diese Würde ist universell und unantastbar, die Taufe ist gleichsam öffentliche Beurkundung dieser Erfahrung und Einladung an alle, so auch zu leben. Das ist nicht Dampf oder Nebel , sondern gesellschaftlich höchst relevant. Verpflichtet diese Glaubenseinsicht doch alle zu dem Handeln, allen Menschen gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten einzuräumen. Rassismus und Nationalismus oder Chauvinismus sind mit dem christlichen Glauben unvereinbar!
Wir haben uns an die Bedeutung der Musik seit der Reformation erinnern lassen. Heute singen wir mit Bedacht Lieder, die aus der Reformationszeit, auch aus der Feder Martin Luthers stammen. Aber vor allem sind unsere Kirchen als Orte geöffnet, an denen Musik aus vielen Zeiten erklingt, um die reformatorische Botschaft von Gottes Gnade und Gegenwart inmitten einer gequälten und leidenden Welt zur Sprache zu bringen. Gerade ist die H-Moll Messe Johann Sebastian Bachs zum Weltkulturerbe erklärt worden. Was für ein schönes ökumenisches Zeichen an die eine Welt, dass das katholischste Werk des Protestanten Bach diesen Rang erhielt.
Wie viele Menschen tauchen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen tief ein in die Worte und Erfahrungen von Paul Gerhard, einen der reformatorischen Psalmisten, und finden in ihrer eigenen Sprachlosigkeit dort Worte der Klage, des Lobes, des Dankes, auch des Zweifels und bekommen Nahrung für das zarte Pflänzchen des Glaubens in ihrem Innersten. Wenn all das verstummen würde…, dann wäre nur noch Nebel und Dampf um uns herum…
Die Reformation war kein rein innerkirchliches Phänomen, gesellschaftliche Umbrüche und Verwerfungen gingen mit ihr einher und belasten in der Erinnerung, wie die Konfessionskriege oder gespeist aus Luthers enttäuschtem und verzerrten Blick auf die Juden seiner Zeit der Antisemitismus und die Shoa, eine bleibende Schuld für uns als Christen und Volk. Aber ein Jahresthema war deshalb die Rolle der Christen in der Gesellschaft, das Verhältnis von Staat und Kirche Wir haben uns darin bestärken lassen, dass Christen sich nicht aus der Welt zurückziehen dürfen in eine rein kirchliche Innerlichkeit, sondern ihren Glauben im Alltag der Welt leben, das mahnende prophetische Wort sehr ernst nehmen, sich gesellschaftspolitisch und sozial engagieren und erkennbar Verantwortung in Politik und Gesellschaft übernehmen, wenn sie Armut thematisieren oder sich für Menschen auf der Flucht engagieren. Auf der letzten Landessynode, auch das übrigens ein gutes Erbe in den reformatorischen Kirchen, stand die Friedensthematik im Mittelpunkt, das Ringen um den rechten Umgang mit den Erfahrungen von Krieg, Gewalt und Terror und das Friedenszeugnis der Kirchen. Kirche und Gesellschaft können auf diese Diskussion gar nicht verzichten.
Ist das alles also wirklich nur Dampf einer Illusion, Fanal einer grandiosen Selbsttäuschung, wie, jetzt sei er als Kritiker doch einmal namentlich genannt, Friedrich Schorlemmer lautstark äußert ?
Wir bringen wesentliches, unverzichtbares in das ökumenische Gespräch und in die gesellschaftliche Debatte ein.
Die gut biblischen und fundamental christlichen Kurzformeln reformatorischen Denkens sind da ein hilfreicher Wegweiser.
Allein die Schrift ist Quelle und Maßstab unseres Glaubens und Handelns. Sie gehört nicht ins Bücheregal, sondern in die Hand genommen und gelesen. Das Menschenrecht auf Bildung hat hier einen seiner Ursprünge. Damit die Bibel von allen gelesen werden kann, müssen alle unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Status oder Geschlecht befähigt werden, schreiben und lesen zu können. Und Bildung ist die beste Investition zur Bekämpfung von Armut und Fluchtursachen oder für Frieden und Verständigung. Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche war und ist bis heute ein Sprachereignis, die unsere Alltagssprache prägt und formt. Oder wie Sybille Lewitscharoff sagt: „Sie ist würzig, ist manchmal derb, das haut rein, ist zuweilen auch zart, und steht einem heutigen Leser auch deshalb als Faszinosum vor Augen, weil die Bibel in dem nicht mehr ganz und gar geläufigen Deutsch als eine etwas befremdliche Schönheit wie neu entsteht, mit deren Sinn er sich ganz frisch befassen muss, eben weil die Sprache nicht nur in der gewohnten Geläufigkeit dahergaloppiert.“ Manchmal kommt die Sprache karg daher, manchmal aber auch poetisch, sie ist aber mehr als Poesie, weil Poesie Dichtung ist, die Bibel aber ist Weisung, Anweisung und Hinweis zum Leben. Weil Gott sich in Wort und Schrift offenbart, brauchen wir gesprochene und geschriebene Worte. Gott bindet sich an Menschenworte, die Unausprechliches zu Gehör bringen und Undenkbares wagen: von Gott zu reden. Das ist Leben pur, was ich in der Bibel finde, weil Menschen erzählen, wie sie sich im Gegenüber zu Gott erfahren und was sie mit Gott erleben. Sie verstehen und deuten die Welt, als ob Gott ist und können sie sich nicht anders vorstellen. Mein Nachdenken und mein Reden von Gott speist sich aus dieser unerschöpflichen, manchmal schwer zugänglichen, aber unversiegbaren Quelle.
Eine Grunderfahrung begegnet mir dabei immer wieder: der Glaube an Christus gibt dem Leben Halt und dieses Vertrauen, dieser Halt ist Gnade, ein Geschenk, das ich nicht auf dem unbegrenzten Markt der Möglichkeiten kaufen kann. Im evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen wirft der Schriftsteller Friedrich Christian Delius Martin Luther vor, die Reformation am Ende versemmelt oder vergeigt, zu haben, weil er nicht mit dem radikalen Sündenverständnis der Alten Kirche gebrochen habe. Schluss mit der Sünde (bzw. einem falschem Verständnis davon) fordert auch der Theologe Klaas Huizing in dem Leitartikel „der Kirche“ und viele werfen uns Christen eine pessimistische Sicht auf den Menschen vor, wenn behauptet wird, dass er sich nicht aus eigener Kraft aus dem Kreislauf von Schuld und Versagen befreien kann. Ich(!) empfinde aber gerade die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und allein aus Glauben enorm befreiend. Sie macht Schluss mit dem allgemeinen Perfektionswahn, als könnten wir uns äußerlich und innerlich optimieren und vervollkommnen, nach Bildern und Maßstäben, die wir selber entwickeln oder die uns vorgegaukelt werden, oder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf herausziehen. Menschen und Welt aber auch nüchtern und realistisch in ihrer Unvollkommenheit zu sehen, entlastet von allen vergeblichen Bemühungen um letzte Antworten und letzte Lösungen. Meine eigenen Grenzen und meine eigenen Schwächen machen mir zu schaffen, aber mehr macht mir zu schaffen, nicht aus meiner Haut zu können. Ungerechtigkeit und Hass, Gewalt und Krieg machen mir zu schaffen, aber mehr noch die Erfahrung, dass alle Bemühungen nur kleine, nie endgültige Fortschritte bringen. Mein Glaube sagt mir dann: Erlösung und Befreiung ist Gottes Werk und Gottes Aufgabe. Menschliche Allmachtsphantasie stößt schnell an ihre Grenzen. Aber ich kann kleine Schritte gehen und den Rest von Gott erwarten. Diese Grenzerfahrung auszuhalten, ist gut evangelisch, ebenso wie die Erfahrung, Gott in Christus an seinem Kreuz in diesen alltäglichen Abgründen zu suchen und zu finden. Er sieht mich an. Einzig auf dieses(!) Ansehen kommt es an. Der Gott der Christen, so das Feuilleton der SZ gegen die Wellnessreligionen der Neuzeit, ist „der gnädige Gott als der gekreuzigte, leidende Gott, grausamstmöglich hingerichtet und erniedrigt, aller Menschenwürde beraubt. Es ist der Gott an der Seite der Krepierenden, Ertrinkenden, Krebszerfressenen und Bombenzerfetzten, der keine menschenverständliche Antwort hat, außer vielleicht: verdammte Scheiße.“ Aber gerade darin ist erππ „ein feste Burg“. Damit sind wir gut evangelisch und höchst aktuell mitten im Leben und mitten in der Welt. Das bleibt, wenn der Dampf der Illusion und der Nebel der berauschten Feiern vorbei ist. Und das ist ein unendlich kostbarer Schatz, dieses Evangelium.
Amen

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