Wes Geistes Kind wir doch sind… (Markus 9, 17-27)

Die Bilder verwirren, erschrecken, erregen die umstehenden Zuschauer, Begleiter oder Gaffer: Was passiert da gerade?
Die Umstehenden können es nicht einordnen, sind hilflos und machtlos.
Der junge Mann kann nie vorhersagen, wann es ihn trifft. Es kommt gänzlich unvorbereitet und wirft ihn um. Seine Anfälle sind seltener geworden. Seit er Medikamente nimmt, gut eingestellt ist, wagt er sich wieder wie selbstverständlich in die Öffentlichkeit, trifft sich mit Freunden und führt ein eigentlich normales Leben, nur, dass er bestimmte Orte und Situationen meiden muss, weil sie sein Anfallsrisiko erhöhen. Und der Augenblick eines Anfalls ist nicht nur für ihn gefährlich, sondern wirkt immer auch auf die Umstehenden bedrohlich. Wir können heute viel verstehen und erklären, Leiden lindern, aber nicht alle heilen. Er hat gelernt mit seinem Handicap zu leben.

Ganz anders reagieren die Beobachter im Supermarkt um die Ecke. Schreiend wirft sich das Kind auf den Boden, strampelt mit allen Vieren, ist weder durch gutes Zureden noch durch Drohungen zu beruhigen. Puterrot ist das Gesicht, verkrampft die Mimik. Das Kind kommt aus seinem Wutanfall überhaupt nicht mehr heraus. „Ich weiß gar nicht, was in mein Kind gefahren ist“ sagt die hilflose Mutter und weiß sehr wohl, dass diese Wutanfälle sie nicht nur zur Weißglut bringen, sondern immer häufiger auftreten. Sie fühlt sich so machtlos. Sie hat sich schon oft gefragt, woher diese Ausbrüche kommen und hat genügend Antworten angeboten bekommen, die ihr aber nicht wirklich helfen: Kinder versuchen ihren eigenen Willen durchzusetzen, sie sind manchmal mit den Erwartungen der Großen überfordert, dafür aber körperlich unterfordert, sie dürfen sich nicht austoben, müssen aber die vielen Reize verarbeiten, die in unserer Mediengesellschaft auf sie den ganzen Tag über einstürmen, sie trauen sich womöglich nicht genug zu, weil sie immer ausgebremst werden, sie dürfen nicht sein, wie sind, weil sich die Eltern anderes erhofft haben, sie werden oft mit ihren Bedürfnissen nicht ausreichend wahrgenommen, ihre Signale, Botschaften, Angebote werden übersehen, hingenommen, sie erleben Wut- und Gewaltausbrüche in ihrer Umwelt.
Nur, wie kann sie das ändern?

Die Menge macht beinahe mit Schaum vor dem Mund, zumindest mit Hass in den Augen und Verachtung in der Wortwahl ihrem Unmut lautstark Luft: Haut ab, ihr Pack, ihr Verräter, ihr Lügner. Verschwindet, sonst könnt ihr etwas erleben. Szenen bei der Kundgebung auf dem Marktplatz oder vor den Türen des Flüchtlingsheimes.
Diese Bilder aus dem gerade erst zurückliegenden Wahlkampf verfolgen mich und ich versuche zu verstehen, woher soviel Verachtung in der Gestik und Mimik kommt, warum Menschen nicht mehr argumentieren wollen und für Diskussionen nicht mehr zu gewinnen sind, sondern nur noch abwehrend und abschreckend gewalttätig reagieren. Wieviel Frustration, oder enttäuschter Lebenshoffnung müssen sie erlebt haben, wie lange müssen sich sich in ihren Gefühlen eingegraben und den Schicksalen anderer gegenüber abgegrenzt haben, dass am Ende nur noch die totale und unbarmherzige Erwartung übrig bleibt: jetzt bin ich endlich dran!

Drei völlig verschiedene Situationen, die mich verwirren, die ich zu verstehen versuche und mir doch nicht wirklich so vorstellen kann, das ich ehrlich sagen kann: ich verstehe dich. Ich kann es nur erahnen, aber ich kann es nicht wirklich nachvollziehen.
Was ist jeweils in die Menschen gefahren, dass es sie so aus der Bahn wirft? Körperliche Leiden, seelische Verletzungen, milieugeschädigt, enttäuschte Lebenspläne und Lebenswege?
Es ist gut, wenn wir die Situation jeweils zu verstehen versuchen und nicht ebenfalls mit Abwehr und Ablehnung, oder gar nur noch mit Verurteilung und Verachtung reagieren.
Etwas von dieser Verwirrung, von diesem Erschrecken, aber auch von der erregten Neugier und gespannten Erwartung können wir auch in der Szene um Jesus herum wahrnehmen.
Der namenlose Vater des Sohnes, der zu Jesus gebracht wird, kann sich alles nur mit einem bösen Geist erklären, der seinen Sohn immer wieder befällt und umwirft. Der muss ausgetrieben werden. Da ist er ganz Kind seiner Zeit. Das war damals ihre ihnen mögliche und einzig plausible Weltsicht. Und so fragen wir bis heute: was ist denn nur in ihn gefahren….

Auch die Jünger sind hilflos, es gelingt ihnen nicht gegen diesen Geist die Oberhand zu behalten. Sie sind wie die Freunde, die warten müssen, bis der Anfall vorüber ist, sie sind wie die Mutter, die hilflos neben ihrem Kind steht, den Tränen nahe. Oder wie die Passanten, die sich fragen, wie man die Rufer und Brüller aus ihrer Erregung und ihrem Hass herausholen, sie herunterholen kann, um wieder vernünftig mit ihnen reden zu können.
Und dann richten sich alle Augen auf Jesus. Ob er helfen kann?
Oder anders gefragt: Ist unser Glaube ein Raum, ein Haus, eine Lebenseinstellung, die mir hilft mit solchen Situationen anders klar zu kommen, nie vollkommen, nie perfekt, aber doch immer wieder mit neuem Mut, ganz im Sinne von: Herr, ich glaube, hilf meinem Umglauben?
Oder wieder angesagt: wir sehnen uns nach einem anderen Geist, der sich ganz anders gewaschen hat, mit dem wir buchstäblich an unsere eigene Taufe denkend gewaschen sind, ganz so wie es Wilhelm Wilms in seinem Taufgedicht formuliert hat:
„wir möchten nicht dass unser kind mit allen wassern gewaschen wird wir möchten dass es mit dem wasser der gerechtigkeit mit dem wasser der barmherzigkeit mit dem wasser der liebe und des friedens reingewaschen wird wir möchten dass unser kind mit dem wasser christlichen geistes gewaschen übergossen beeinflusst getauft wird“
Wir möchten solche Menschen sein und damit Wasser für andere, aber nicht Wasser auf den Mühlen des Hasses und Wasser, sondern lebendiges, erfrischendes, zum blühen verlockendes Wasser…
Ich glaube, hilf meinem Unglauben.
Manchmal ist der Glaube nicht größer als ein Senfkorn.
Manchmal ist er nur ein stilles Seufzen, ein zaghaftes Fragen, ein sehnsuchtsvolles Suchen.
Manchmal sind es nur Taten aus der Verzweiflung heraus, die viel zu klein sind, um alle Probleme zu lösen, aber vielleicht einem einzelnen helfen können. Aber allein allein dafür lohnt sich alles!
Ich glaube, aber nicht ich allein…
Da finden sich viele zusammen mit ihren Fragen, ihren Hoffnungen, ihren Erfahrungen, ihrem Glauben, klein und groß, jung und alt, erfolgreich oder immer um Erfolg und Anerkennung kämpfend und sie alles zusammen sind die Menge, die sich um Jesus herum sammelt, gemeinsam in Bewegung ist. Nichts anders ist die Gemeinde, als solch eine gemeinsame Suchbewegung, nichts anderes als eine Gemeinschaft, die mit Taten der Verzweiflung sucht, den Ungeist, der Menschen knechtet, auszutreiben und dabei darauf hofft, dass dies, wenn schon nicht mit eigenen Mitteln, dann wenigstens mit Jesu Hilfe gelingt.

Wir werden nicht alle Krankheiten besiegen können, wir werden nicht alle Fragen nach dem „warum gerade ich?“ oder „warum mein Sohn“ beantworten können. Aber der Glaube stimmt neben der Klage und der ewigen Frage nach dem Warum auch immer das Lob Gottes an. Mit den Worten Fulbert Steffenskis,der sich immer an Psalm 22 klammert: „Eine Antwort gibt es nicht, aber ein Gebet und einen Preis Gottes aus den Tiefen der Untergänge.“ (Chrismon 10/2017 S. 53).
Der Glaube hilft Menschen nicht nur in ihrem Hass oder voller Zorn, zu sehen, sondern dahinter auch immer auf beiden Seiten des Konfliktes ein Geschöpf, ein Kind Gottes zu entdecken, das wahrgenommen, ernstgenommen und vor allem angenommen sein möchte. Und das ist nicht etwas rein Geistliches, sondern bedeutet Teilhabe und Anerkennung aller in einer Gesellschaft ohne Unterschied, es meint Brot und Obdach für die auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Armut. Es meint Gemeinschaft, Zusammenleben und Zusammenstehen in allen Unterschieden, die nicht ausgelöscht werden sollen, sondern ausgehalten werden dürfen. Der gemeinsame Glaube wächst immer aus dem Chor der vielen, die zunächst für sich entdecken: „ich glaube!“, um dann die anderen in ihren Fragen und Hoffnungen zu entdecken!
Der Glaube hilft zu vergeben, wo Menschen sich entschuldigen, wo wir Reaktionen besser verstehen, wo Fehler beim Namen genannt werden.
Er hilft auch dem Trotz die Liebe und die Geduld entgegenzusetzen und die in positive Energie umzuwandeln, die anpackt und Situationen zum positiven verändern kann.
Der Glaube hilft in jedem und jeder von Anfang an das Potenzial zu entdecken, die unzähligen Möglichkeiten wahrzunehmen, die sie als liebevoller Gedanken Gottes immer schon in sich tragen.
Kirche ist von daher immer Kirche mit allen und für alle, nicht aber mit wenigen und nur für wenige. Damit sollten wir uns nicht zufrieden geben.Noch einmal mit Wilhelm Wilms für uns alle gesprochen und das Bekenntnis des Vaters vor Jesus in unsere Gedanken übersetzt:
wir hoffen und glauben
dass auch unsere gemeinde in der wir leben
und dass die kirche zu der wir gehören für unser kind (und für alle Menschen) das klare kostbare lebendige wasser
der gerechtigkeit, der barmherzigkeit, der liebe und des friedens ist
„Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben“ Amen

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