Obergrenzen

Prolog

Zank und Streit,

Krankheit, Verzweiflung,

Not und Elend zerreißen die Welt.

Und am Kreuz hängt die ganze Last dieser Welt

mit ihrer Angst, ihrer Not, ihrem Elend, ihrem Versagen,

mit all ihrer Schuld.

Und wir singen gleich, hoffentlich dankbar und bestimmt auch ein bisschen peinlich berührt:

„Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd‘ der Welt, erbarm dich unser“.

 

Herr, erbarm Dich unser und hilf uns!

Die Jünger sind nicht zu blöd.

Sie können es einfach nicht!

Weil Menschen eben nicht alles können.

Also auch nicht uneingeschränkt glauben.

Leider machen die Jünger und der Vater des erkrankten Jungen diese Erfahrung zusammen.

Stoßen an die Grenzen ihres Gottvertrauens.

Lernen gemeinsam auf schmerzhafte Weise,

dass du deine ganze Kraft,

deinen ganzen Willen,

dass du alles was du hast einsetzen kannst

und trotzdem die Vergeblichkeit der Glaubensbemühung erleben musst.

Weil die menschlichen Möglichkeiten begrenzt sind.

Und der sprachlose Geist triumphiert.

Wieder mal.

Schüttelt den Jungen erneut, reißt ihn um, lässt ihn auf die Erde fallen oder starr werden –

ganz nach Belieben.

Und die Jünger stehen daneben und hören, wie der Vater Jesus sein Leid klagt:

„Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht.“, sagt der Vater.

Und Jesus ist sauer.

Nein, er ist genervt!

„O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?“

 

Da stehen die Jünger. Und konnten’s nicht.

Und ich stehe neben ihnen und ich verstehe, dass Du genervt bist, Jesus.

Was auch sonst? (Mit Dank an Ferenc Herzig!)

Wie könntest du auch nicht genervt sein, wenn du dich umschaust?

London, Berlin, Nizza und Stockholm. Jetzt Las Vegas.

Und immer der Jemen und Afghanistan,

Syrien und die Ukraine und Nordkorea und das Mittelmeer und und und…

Herr, erbarm Dich unser und hilf uns!

 

Und dann diese sogenannten Populisten, die uns erzählen wollen, dass die Menschen, die sich in Schlauchboote zwängen oder sich zu Fuß auf den Weg zu uns machen, Sozialschmarotzer und Wohlstandstouristen sind und uns ausnutzen wollen.

Und dann diese menschenverachtende Hasspostings auf facebook, weil man eine andere Meinung hat als sein Gesprächspartner.

Und dann dieser Pfarrer, der beim Klingeln die Tür öffnet und dem eine Gruppe vermummter nach dem Öffnen erbarmungslos ins Gesicht schlägt.

Und dann sind da die, die Andere jagen möchten, während die Gejagten den Anderen lieber gleich in die Fresse hauen.

Und dann ist da das Kind, das tränenüberströmt und mit erstickter Stimme am Fenster steht und nach Hilfe ruft, weil seine Mutter gerade im Nebenzimmmer verhauen wird, während unten die Nachbarn stehen und erstmal eine rauchen.

Und die aufwendige Operation am Rücken war umsonst.

Und die Chemotherapie hat nicht den gewünschten Erfolg gebracht.

Und weil zwei junge Männer ein Autorennen fahren, stirbt eine junge Frau.

Herr, erbarm Dich unser und hilf uns!

 

Und der sprachlose Geist?

Der triumphiert.

Und die Jünger? Die haben eine Grenze erreicht.

Und Jesus? Ist genervt.

Und das zu recht.

Und ich verliere die Fähigkeit über all das zu trauern worüber ich trauern müsste.

Man kommt ja kaum noch hinterher, jedes Mal sein Profilbild bei facebook zu ändern, wenn irgendwo auf der Welt etwas Schreckliches passiert ist.

Selbst da gilt es schon, eine Auswahl zu treffen.

Wundert es dich dann noch bei all dem, wenn einige mit der Welt da draußen nichts mehr zu tun haben wollen?

Wenn sie starr werden und stumm und sprachlos.

Herr, erbarm Dich unser und hilf uns!

 

In diesen Tagen trauern wir um die Opfer in Las Vegas und letztes Jahr zu Weihnachten haben wir um die Menschen in Aleppo und in Berlin getrauert. Und immer über die in der Ukraine, und im Jemen, und in Afghanistan, und in Brüssel und und und …

Und wir wissen, dass hinter jedem jedem verlorenen Leben ein Name steht, eine Geschichte, eine Hoffnung, eine Geschichte – und jetzt eine unerfüllte Zukunft.

Jedes verlorene Leben hinterlässt zudem geliebte Menschen, die trauern und die nicht verstehen, dass dieser geliebte und jetzt tote Mensch einfach keine Zukunft mehr hat.

Aus Gründen die überhaupt nicht zu verstehen sind.

Und ich stehe bei den Jüngern und wir können es nicht fassen.

Ich stehe starr und sprachlos, bin selber hin- und hergerissen, finde keine Worte, um diesen Schmerz, diese kollektive Trauer und Wut zu erfassen.

Und ich sehe das Versagen und höre den Vater des Jungen trotzdem fragen:

„Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“

Und ich denke, dass wünsche ich mir auch gerade.

Herr, erbarm Dich unser und hilf uns!

 

Und Jesus?

Der ist genervt!

„Wie lange soll ich euch, muss ich das ertragen?“

Und was muss ich tun, um euch endlich verständlich zu machen, was meine Hoffnung ist?

Jesus blickt jetzt in die Menge, in die Augen der Jünger und wendet sich dann an den Dämon.

Wendet sich an diesen sprachlosen Geist, der mit dem Jungen macht was er will.

Und treibt ihn aus.

Ganz nach Belieben.

 

Epilog

Es gibt Zeiten und Momente in denen fühle ich mich völlig machtlos.

Da kann ich es nicht.

Darum, lieber Gott,

inspiriere die Phantasie,

inspiriere die Hoffnung,

inspiriere die Heilung,

inspiriere den Widerstand,

inspiriere etwas Neues und etwas Kühnes und etwas Großartiges.

Herr, erbarm Dich unser und hilf uns!

Ich will etwas Besseres als das.

Es sei Frieden auf Erden und lass es mit mir anfangen,

gib mir deine Hand und richte mich auf.

 Amen.

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