Glauben und Zweifel

Predigt über 1. Joh 5, 4 und Mk 9, 17-27

Liebe Gemeinde,
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4)
So lautet der Wochenspruch aus dem 1. Joh. Brief.
Vielleicht ist dieser Spruch mit einem oder einer von Ihnen verbunden: als Taufspruch, als Konfirmationsspruch, als Trauspruch?

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Können Sie diesem Vers zustimmen? Können Sie sagen: Ja, genau so ist es! So habe ich es selbst erlebt!
Ich muß sagen, bei mir löst dieser Satz einige Fragen aus. Wie kann man sich so sicher sein? Und: Geht es denn darum: Sieg oder Niederlage? Ist Glaube denn etwas, das ein für allemal feststeht, wie ein Sieg in einer Arena oder auf einem Schlachtfeld?

Manchmal wünsche ich mir auch, daß mein Glaube mir hilft, alles zu überwinden, was es mir schwer macht im Leben: Einsamkeit, Unsicherheit und Zweifel.
Und der Glaube an Gott hilft ja auch, manche Durststrecke zu durchschreiten.
Doch irgendwann taucht die nächste auf und die nächste … und die nächste.

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Das klingt so endgültig. Vielleicht kann man das am Ende eines Lebens sagen. Doch wenn man noch unterwegs ist, ist mir diese Aussage zu vollmundig, zu gewiß.

Da finde ich mich eher in dem Satz wieder, den wir eben im Evangelium gehört haben: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24b).
Der Vater des Jungen schreit diesen Satz Jesus zu. Sein Sohn leidet schon seit vielen Jahren an Epilepsie. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“, schreit der Vater, als Bekenntnis, daß beides in ihm ist, in ihm ringt: Glauben und Unglauben, Gewißheit und Zweifel, Hoffnung und Verzweiflung.
Ich denke, wer mit einer chronischen Krankheit lebt oder einen Menschen betreut, der an einer Krankheit leidet wie dieser Junge, der kennt beides: Hoffnung und Verzweiflung, Gewißheit und Zweifel, Glauben und Unglauben.

Der Vater bittet Jesus, seinem Sohn zu helfen. Die Anfälle seines Sohnes werden als Besessenheit gedeutet. Ein böser Geist hat das Kind in Besitz genommen, tut mit ihm, was er will, bedroht seine Gesundheit und sein Leben.
Der Vater bittet Jesus, seinem Sohn zu helfen – obwohl seine Jünger zuvor nichts ausrichten konnten.
Wie viele Menschen zweifeln auch heute an Gott, weil sie mit dem „Bodenpersonal“ schlechte oder enttäuschende Erfahrungen gemacht haben?
Der Vater aber wendet sich an Jesus, mit seiner Bitte. In ihr schwingen Hoffnung und Glaube, aber auch Enttäuschung und Zweifel mit: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ (V 22b)
Jesus antwortet – ja, wie? Herausfordernd? Schroff? Einladend?
„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“(V 23b), sagt Jesus.
Wieder so ein steiler Satz.
Der Vater aber wendet sich nicht ab, sondern schreit als Antwort dieses Bekenntnis: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
Er braucht offenbar diese Aufforderung, zu vertrauen, zu glauben, um es noch einmal zu versuchen, noch einmal zu wagen. Noch einmal das Vertrauen über den Zweifel hinauswachsen zu lassen. Noch einmal zu riskieren, enttäuscht zu werden.

Mich erinnert das an einen Versuch, den ich in einer Sendung über frühkindliche Entwicklung gesehen habe. Es ging um Kinder im Krabbelalter. Sie wurden auch eine Kiste gelegt und sollten auf ihre Mütter zu krabbeln, ihnen in die Arme. So weit, so gut. Vergnügt setzten sie sich in Bewegung. Doch in die Kiste war eine Glasscheibe eingesetzt, unter der sich ein tiefer Absatz auftat. Sobald die Kleinkinder an die Stelle kamen, wo sie diesen Abgrund vor sich sahen, stockten sie, sahen hinab, dann umher, dann auf die Mutter, dann wieder hinab. Die Mutter lockte, ermutigte, sprach gut zu.
Alle Kinder setzten ihren Weg fort, manche früher, manche brauchten mehr Ermutigung. Doch alle krochen über die Glasplatte, die über dem Abgrund lag und in die Arme der Mutter.
Große Freude. Und auch Stolz, daß sie dieses Wagnis gemeistert hatten, daß das Vertrauen großer war als die berechtigte Furcht.

Vertrauen ist immer ein Wagnis. Glauben ist immer ein Wagnis. Der Vater wendet sich an Jesus. Er bekennt beides, seinen Glauben und seinen Zweifel. Und Jesus hilft ihm und dem kranken Sohn.

Bin ich fähig zu solchem Glauben, solchem Vertrauen? Oder lassen mich die Erfahrungen, die ich bereits gemacht habe – die schlechten, die enttäuschenden – zweifeln?
Das Bekenntnis des Vaters kann mein Gebet werden: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
Den Zweifel zu benennen, der zum Glauben und zum Vertrauen dazugehört, räumt ihm seinen Platz ein. Zugleich wird er nicht übermächtig.

Noch einmal zu unserm Wochenspruch:
„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“
Ich glaube, dieser Satz hat seine Berechtigung, wenn wir das erste Wort beachten: Unser Glaube – nicht: mein Glaube. Manchmal – wenn Zweifel oder Verzweiflung groß sind – trägt mich der Glaube der Gemeinschaft. Das Wissen, da denkt jemand an mich, da betet jemand für mich, da zündet jemand ein Licht für mich an. Da vertraut jemand, wo es mir schwer fällt.
Mit diesem Wissen kann ich noch einmal den Zweifel und die Durststrecke durchschreiten, getragen und geleitet von unserm gemeinsamen Glauben.

Amen

Und der Friede Gottes,
Der höher ist als unsere Vernunft,
Bewahre unsere Herzen und Sinnen
In Christus Jesus.
Amen

Lied Lebensweisen 22 Ich steh vor die mit leeren Händen
ODER EG 596 (Nieders.) Ich möchte Glauben haben

Die erwähnte TV-Sendung: ARD: Hirschhausens Check-up (3): Wie der Start ins Leben gelingt

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