Was wir von den Kindern lernen können (Jesaja 58, 7-12)

„Lässt du mich von deinem Eis kosten?“ schallt es laut über den Spielplatz. Der Junge hält eine große Eistüte in der Hand mit mindestens drei Kugeln Eis. Das Mädchen daneben schaut ihm mit leuchtenden und begierigen Augen beim Naschen zu. Der grinst und antwortet: „Nö, kauf dir doch selber eins, das gehört ganz allein mir.“ Er dreht sich ab und geht weg. Das Mädchen bleibt traurig stehen. Sie weiß, sie braucht ihre Mutter gar nicht fragen. So ein Eis ist eben nicht immer drin. Dabei haben die beiden eben noch gemeinsam gespielt. Jeder hatte etwas dabei und da hatte es keine Rolle gespielt, wem was gehört. Sie haben alles einfach zusammengeschmissen.
Ich fühlte mich beim Beobachten ertappt und in meine eigene Kindheit zurückversetzt. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich gerne geteilt habe, eher wohl nicht. Kinder fangen ja früh an, erst einmal alles für sich zu reklamieren. Noch bevor sie „alles meins“ sagen können, zeigen sie es anderen, vergessen es aber auch schnell wieder. Ich war kein Kindergartenkind. Aber wenn es ein oder zweimal im Jahr zu den Cousins oder Cousinen ging, war das durchaus ein Thema: wem gehört was?
Aber auch: wer darf oder muss wo bei wem schlafen? Räumt einer sein Bett für den Besuch, oder bekommt der Besuch die Luftmatratze am Boden? Egal, wie gut wir uns, fast gleich alt, verstanden haben: gewisse Eifersüchtelein gehören in meiner Erinnerung dazu. Und ich weiß gar nicht woher sie kamen.
Natürlich sammeln Kinder alles um sich herum. Sie müssen „mein“ und „dein“ erst unterscheiden lernen. Erst dann sind sie in der Lage ,bewusst etwas für sich zu behalten und nicht abzugeben, oder doch mit anderen zu teilen. Sie lernen so „geben“ und behalten“, denn: „Du willst doch auch mal mit seinem Auto spielen. Dann musst du ihm auch mal deinen Ball geben.“ Verzweifelt stehen so manchmal Eltern neben den streitenden Kindern und versuchen mit Engelszungen diese von der Notwendigkeit des Teilens zu überzeugen.
Aber müssen Kinder wirklich in der Art, wie wir Erwachsenen immer meinen, so unterscheiden lernen? Davor, bin ich mir sicher, kamen sie eigentlich ganz gut damit aus, zu erleben: was jetzt gerade mir gehört, ist im nächsten Augenblick für mich gar nicht mehr interessant und du kannst es haben. Erst die Unterscheidung der Großen von „mein oder dein“ lässt sie entdecken: Du willst es doch nur haben, weil es mir gehört, und darum bekommst du es nicht.
Manche halten dies für die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies, dass nicht mehr allen alles gehörte, weil sie es zum Leben benötigten, sondern Unterschiede gemacht wurden. Aus dem Geben und Nehmen wurde ein Besitzen und Wünschen, ein Gönnen oder Verweigern, entstanden Gräben zwischen den Habenden und Nichthabenden, wuchs die Kluft zwischen Besitzenden und Bedürftigen, und damit dann auch Eifersüchteleien, Streit, Entwendung.
Und schlimmer als das Gefühl, das einem etwas vorenthalten wird, dass man etwas entbehren muss, worauf man ein Anrecht hat, ist vielleicht nur die Erfahrung nicht akzeptiert, nicht geliebt zu werden.
Ich glaube nicht, dass das ein Naturgesetz ist. Sondern eine Kultur und Konvention, die Kinder erst lernen und die ja auch darin ihren Sinn hat, den Lebensraum und die buchstäblichen Lebensmittel eines jeden zu respektieren. In den Zehn Geboten hat sich dieses kulturelle Wissen, was eine Gesellschaft, was das Zusammenleben von Menschen braucht, sehr früh schon und kulturübergreifend ausgedrückt. Keiner stellt das in Frage: „Du sollst nicht stehlen und du sollst nicht begehren des anderen…“
Aber am Anfang nehmen Kinder ganz unbefangen, was sie wollen und was sie brauchen und fragen nicht, ob sie es dürfen. Sie gebrauchen ganz selbstverständlich alles. Sie sagen nicht bitte und nicht danke und bis zu einem bestimmten Alter nimmt ihnen das keiner Übel.
Sie sind neugierig, sie entdecken, sie freuen sich, sie probieren aus, sie staunen, sie kosten, und ehe wir uns versehen, teilen sie auch, sie machen keine Unterschiede, sie trennen nicht in arm oder reich, weiß oder schwarz, mit oder ohne Handicap, aus vornehmen Elternhaus oder eher einfachem. Sie müssen noch nicht einmal eine Sprache sprechen und verstehen sich doch. Sie schauen einander an und nehmen einander wahr – meist jedenfalls. Denn natürlich können und müssen sie auch streiten, kämpfen, sich behaupten, sich wehren und durchsetzen, anderen den Rang streitig machen und sich in den Mittelpunkt stellen. Aber das kann auch im nächsten Augenblick schon wieder vergessen sein.
Warum erzähle ich das so ausführlich?
Weil alles, was der Prophet Jesaja anmahnt, eigentlich so selbstverständlich ist, dass wir es schon erlebt haben, zumindest in unserer Kindheit. Da haben wir die Kekse und noch ganz anderes miteinander geteilt, sind unter die gleiche Bettdecke geschlüpft und haben unsre Kleidungsstücke zum Leidwesen der Eltern getauscht. Das teure Geschenkt von der Oma wurde einfach weiterverschenkt, weil der Junge neben mir so traurig war , es eigentlich auch nicht gefiel und vieles mehr…Aber dann haben wir die Konventionen und Spielregeln der Großen gelernt und man hat uns beigebracht, nicht so zu träumen und so naiv zu sein.
Im Leben gelten anscheinend andere Regeln: wenn du dich anstrengst, dann schaffst du etwas. Wenn du etwas bist, dann kannst du dir etwas leisten: Haus, Kleidung, Auto – das sind heute Statussymbole und nicht mehr nur Grundbedürfnisse, die bekommt man ja mit Grundversorgung irgendwie geradeso gedeckt, so zumindest der Anspruch des Sozialstaates.. Aber selbst was und wie wir essen hat mittlerweile Statuscharakter. Der Ort und die Ware meiner Einkäufe sagen viel über mich und meinen Lebensverhältnisse aus.
Und: Wer nichts oder nur wenig hat, der muss doch etwas falsch gemacht haben und dafür auch verantwortlich sein. Das sagt so natürlich keiner, aber es empfinden viele so – währnd die anderen sich eben abgehängt und ausgegrenzt fühlen: in der eigenen Familie, in der eigenen Nachbarschaft, im eigenen Land, im Osten und manchmal auch im Westen. Diese Wut auf die Verhältnisse erleben wir gerade schmerzhaft. Aber auch global erleben wir diese Unruhe, wo mit einem Mal die Armut und die Verzweiflung zu uns kommt und wir sie nicht mit geschlossenen Grenzen, Zäunen oder Mauern werden stoppen können. Die Not und das Elend gehen so tief, wie wir es uns nicht mehr vorstellen können. Sie schlagen mitten unter uns ihre Zelte auf. Es ist Zeit, diese Gefühle und diese Situation beim Namen zu nennen. Aber dann auch uns an das Kind in uns zu erinnern, das keine Probleme hat, wenn es einfach so prophetisch lebt: mit dem Hungrigen das Brot zu brechen, die im Elend unter das eigene Dach zu holen, Bedürftige einzukleiden, weil menschliches Elend Gestalt annimmt, weil es mit einem mal ein Gesicht und einen Namen hat, wir die Geschichte kennenlernen und so nicht ungerührt bleiben.
Damit ist Erntedank dann nicht nur das Erntefest nach der Arbeit eines Sommers, sondern auch Erinnerung an das bleibende Kind in uns, dass sich freuen kann und eigentlich nicht mehr danke sagen muss. Ihm sieht man die Dankbarkeit längst an; ein Kind, welches das andere Kind einfach so wahrnimmt, wie es ist und in den Arm nimmt, egal ob es den Eltern gefällt oder nicht, Verständigung auch ohne gemeinsame Sprache schafft. Kinder sehen die Welt mit anderen Augen, sie sehen nicht nur, was ihnen fehlt, sondern vor allem, was es alles zu entdecken gibt. Sie staunen und strahlen. Das ist die Morgenröte von der Jesaja spricht und die Dunkelheit, die heller als Licht leuchtet und Wasser, das den Garten ergrünen lässt. Wunderschöne Bilder für den Segen, der mitten unter uns möglich ist und  Dank, Solidarität oder Geschwisterlichkeit heißt.
Ein kleine Geschichte als Vorbild und Schmunzeln über das Teilen und vielleicht ja auch über die Freude neben dem Argwohn zum Schluss: Eine ältere Dame hatte in einem Bistro ihre Tasche und ihre Jacke über einen Stuhl gehängt, sich eine Suppe geholt und als sie zu essen beginnen wollte, bemerkt, dass ihr der Löffel fehlte. So stand sie noch einmal auf. Als sie mit dem Löffel wiederkam, da saß ein junger schwarzer Mann am Tisch mit dem Teller Suppe vor sich. „Na so was“ dachte sie bei sich. „Soweit ist es jetzt also schon. Nimmt sich einfach meine Suppe“ setzte sich trotzig an den Tisch und begann aus ihrem Teller zu essen. Der junge Mann tat es ebenso und lächelte die Alte Dame dabei einfach und fortwährend an . Als sie gemeinsam aufgegessen hatten, stand die Dame auf und brachte Geschirr und Besteck zur Abgabe. Als sie wiederkehrte, war ihr Tisch leer, der junge Mann war gegangen. Sie wollte auch aufbrechen und nach Tasche und Jacke greifen, fand sie aber nicht: „Das habe ich mir doch gedacht“, „den kann man doch nicht trauen, hat einfach meine Jacke und meine Tische genommen.“ schoss es ihr durch den Kopf. Sie drehte sich schnell um, wollte nach hinter dem Jungen Mann herrufen: du Dieb, als ihr Blick am Nachbartisch hängen blieb. Da stand ein Teller Suppe drauf und über dem Stuhl am Tisch hing ihre Jacke und ihre Tasche. Sie hatte am falschen Tisch Platz genommen.

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