Danke sagen dem Gott, der uns zum Leben verhilft …

Erntedank: Danke. Was bedeutet das eigentlich wenn ich danke sage? Heißt das: o.k., aber damit sind wir quitt. Oder heißt das: Nun stehe ich in deiner Schuld?

Ich denke ‚Danke‘ heißt zuallererst: Ich bin froh, dass es so etwas wie Miteinander gibt, dem ich in diesem Moment etwas zu verdanken habe. Danke unter Menschen heißt dann auch: Wir sind vernetzt. Wir brauchen einander. Ohne Andere wären wir zum Scheitern verurteilt.

Danke Gott, weil wir ohne dich auch zum Scheitern verurteilt wären, weil all unser Tun in einer Sackgasse enden würde. Danke für die vielen Gaben in meinem Alltag – für Brot und Wasser, für Kleidung und Obdach, für Menschen, die mir freundlich gesonnen sind und für Menschen, die mir auch mal den Kopf waschen.

Und danke ist auch etwas, dass ich nicht einfach sagen kann. Danke, das von Herzen kommt, hat auch Folgen für mein Leben. Dankbarkeit schafft etwas Neues. Davon erzählt der Prophet Jesaja, genauer, der dritte Jesaja. Er sieht seine Gesellschaft, in der es große Klassenunterschiede gibt – größer noch als wir sie kennen. Da gibt es Menschen, die haben weder ein Dach über dem Kopf noch etwas zu essen oder anzuziehen und es gibt Menschen, die haben das alles im Überfluss.

7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Der Prophet ermahnt die Menschen, denen es gut geht, die das haben, was sie brauchen. Ihnen erzählt er von dem Grundrecht des Menschen satt zu werden und geschützt zu werden. Und er erzählt, welche Wunder passieren können, wenn wir dankbar sind für das, was wir haben und denen geben, die nichts haben.

Er interpretiert den alten religiösen Begriff des Fastens neu: Für ihn ist Fasten nicht in der Hauptsache Verzicht, sondern Freude: Freude am Teilen, Freude zu sehen, dass es anderen Menschen besser gehen kann, wenn ich ein wenig abgebe. Richtiges Fasten ist diakonisches Leben, ist Danke sagen mit Worten und mit Taten, mit Lippen und mit dem Herzen.

Nicht ohne Grund ist die Diakoniesammlung unserer Kirchengemeinde immer rund um Erntedank angesiedelt. Das ist keine kirchliche Verordnung. Das kommt daher, dass Menschen rund um Erntedank erkennen, wie dankbar sie sein dürfen für die Zuwendungen Gottes und weil sie spüren, dass solche Dankbarkeit sich auch äußern will.

Fasten ist ein Bemühen mit menschlichem Tun der Zuwendung Gottes zu entsprechen. Das ist mit dem Begriff ‚diakonisches Fasten‘ gemeint. Diese Dankbarkeit bekennt, dass mein Reichtum nicht Verdienst ist, sondern Geschenk. Es geht darum, ob wir bereit sind miteinander zu leben, zu teilen – nicht nur am Altar. Es geht darum ob wir leben als Schwestern und Brüder ohne Bedingungen – allein aus Dankbarkeit.

Fasten an sich kann sehr schnell ein leeres Ritual sein, das ich absolviere, weil es im Kalender steht. Ein gutes Fasten ist das, das mit dem ich mir bewusst mache, dass das Leben mit seinen Möglichkeiten Geschenk ist. Denn dann komme ich über das Fasten zum Tun. Die Dankbarkeit bringt mich dahin zu sehen, wo ich Gaben, die mir anvertraut wurden weitergeben kann, wo ich leben kann im Miteinander und Füreinander.

Gerade im Alten Testament gibt es ja immer wieder neue und überraschende Namen für Gott – so auch hier: Gott bekommt hier einen langen, ausführlichen Namen: Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne. Gott ist der, der Möglichkeiten schafft, menschlich zu leben, der wiederherstellt, was Menschen kaputt gemacht haben. Gott können wir immer wieder neu suchen, wo unsere Beziehungen sich verhakt haben, wo unser Miteinander bröckelt, wo jeder nur noch Lücken und Löcher sucht, von denen er profitieren kann. Da ist es Gott, der Löcher stopft und Wege ausbessert, der uns helfen will ein Leben in Liebe und Freundschaft zu gestalten, für das wir dankbar sein können.

Das Heil können Menschen nicht schaffen, aber sie können beginnen nach Gottes Willen zu leben. Und der Erntedanktag kann dazu ein Ansatz sein; denn Erntedank ist bedroht: Er ist vielfach ein Alibi-Tag, der entschädigen soll, dass uns im Rest des Jahres egal ist, wie Lebensmittel erzeugt werden. Auch dass uns egal ist, woher sie kommen. Er ist wie Muttertag ein Tag, an dem wir schnell abhaken wollen, was wir das ganze Jahr versäumt haben: Danke sagen mit Wort und Tat.

Darum lasst uns ein Erntedankfest feiern mit dem Propheten Jesaja. Danke sagen dem Gott, der uns zum Leben verhilft: Heute und an jedem Tag.

drucken