Was kostet Nachfolge? (Lukas 18, 28-30)

Der letzte Umzug war wirklich eine Herausforderung…
Nicht, dass die anderen früheren Umzüge leichter gewesen wären. Aber diesmal hatte ich mit allem Ernst und Nachdruck beschlossen, mich jetzt – bei dieser Gelegenheit – von allen Dingen zu trennen, die ich nicht wirklich mehr brauche. Der Entschluss war schnell gefasst, aber nur schwer umgesetzt. Allein meine Bücheregale musste ich dreimal durchsortieren, bis ich es wirklich über das Herz gebracht habe, mich von Dingen zu trennen, sie in der Kirche zum Mitnehmen auszulegen, Platz in den Regalen zu schaffen. Aber hin und wieder muss man Aufbrüche und Veränderungen damit verbinden, sich von unnötigem Ballast zu trennen. Und alles, was ich jahrelang nicht mehr angefasst oder benutzt hatte, war offensichtlich überflüssig geworden und geblieben. Das hatte etwas befreiendes, mit weniger Ballast woanders wieder heimisch zu werden. Nun bin ich hier heimisch und wen wundert es: die Regale sind wieder voll und ich besitze Dinge, die ich nicht wirklich brauche und dennoch mein eigen nenne! Der Umzug war beruflich bedingt. Weil die Superintendentur des Kirchenkreises seit einigen Jahren in Gransee beheimatet ist, war immer klar, dass auch ich irgendwann dorthin an meinen Dienstsitz ziehe. Dass der Beruf des Pfarrers, also eines „Berufsnachfolgers“, mit Ortswechseln, Beziehungsabbrüchen und neuen sozialen Kontakten zu tun hat, dass auch Kinder einige mal ihre gewohnte Umgebung verlassen werden, war irgendwie immer klar und wurde eigentlich bei uns nie wirklich problematisiert, und dennoch auch als schmerzhafter Einschnitt empfunden. Aber anderen geht es beruflich ja ebenso und: einmal auszusortieren, ist kein Opfer!.
Da geht es dem jungen Paar aus dem Iran anders. Sie waren als Muslime geboren, hatten aber dann Kontakt zu einer kleinen christlichen Hausgemeinde, sie lasen miteinander in der Bibel, sie wollten Christen werden, weil sie die Freiheit des christlichen Glaubens von einer ständig drohenden Moral und Ethik und die Ehrlichkeit, mit menschlichen Grenzen und Schwächen umgehen zu können, als etwas Frohmachendes empfanden. Dafür wurden sie in ihrem Alltag bedroht, verhaftet, ausgegrenzt und beleidigt. Übertritte zum Christentum können im Iran mit dem Tode bestraft werden. Sie ließen darum alles zurück: ihr altes Leben, ihre Familien und ihren Besitz und flohen nach Deutschland, wo sie sich taufen ließen und endlich frei ihren Glauben leben konnten.
Die Trennung von allem Überfluss und Ballast ist für mich ein Luxusproblem und eine Frage der seelischen Hygiene, keine Glaubensfrage gewesen, für die beiden war es eine Frage von Leben und Tod, ob sie an ihrem Besitzstand festhalten, dafür aber ihr Leben riskieren oder ob sie wenigstens das Leben mit dem, was sie mitnehmen konnten, retten sollten.
Was kostet der Glaube und die Nachfolge?
Manchen ein Lächeln und der Verweis darauf, dass das doch Privatangelegenheit sei, andere kostet es bis heute das Leben.
Ist ein erfolgreicher Unternehmer als Christ erkennbar sozial engagiert, erregt das durchaus das Interesse der Öffentlichkeit. Es erscheint nicht selbstverständlich, reich UND sozial zu sein. So mancher Wohlhabende ist Kirchenmitglied und zahlt deshalb nicht unerheblich Kirchensteuer, bleibt aber ansonsten als Christ unerkannt und unbemerkt, vielleicht auch weil sein unternehmerisches Verhalten vor allem marktwirtschaftlich und nicht vorrangig christlich-sozial bestimmt ist. Was kostet uns, die wir keine Einkommensmillionäre sind, unser Glaube?
Zugleich hören wir von Verfolgungen religiöser Minderheiten. Jessiden und Aleviten werden verfolgt, weil sie nicht als Muslime gelten, Juden werden verfolgt, weil sie mit dem Staat Israel identifiziert werden, dessen Existenzrecht immer noch nicht von allen akzeptiert wird, aber auch weil sich Antisemitismus tief eingeprägt hat und immer wieder aufbricht, wie ein Virus, der sich nicht ausrotten lässt. Muslime werden in Myanmar verfolgt, weil sie der verachteten Minderheit der Rohingya angehören. Weltweit sind es vor allem aber Christen, die wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus Christus verfolgt werden: 100 Mio. Christen weltweit, so zitiert die FAZ in einem Artikel des letzten Jahres. Man weiß nicht, ob diese Zahl vielleicht zu hoch gegriffen ist, aber dass die Verfolgung von Christen aus religiösen und politischen Gründen zunimmt, lässt sich nicht bestreiten. Das Bekenntnis und die Identität als Christ bedeuten für viele Menschen eine Bedrohung ihres Lebens, berufliche Nachteile oder gesellschaftliche Ausgrenzung.
Was würden sie uns für Geschichten erzählen, wenn wir ihnen den Satz des späteren Apostels Petrus vorlegen würden, der am Ende seines Weges der Überlieferung nach den Märtyrertod in Rom starb: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.
Sie würden den Satz vielleicht umdrehen: wir sind dir nachgefolgt und deshalb mussten wir alles verlassen. Wir wären gerne geblieben, hätten in unserer Heimat, in unsren Geburtstorten, bei den Menschen, die wir lieben, unseren Glauben gelebt. Wir hätten auch gerne so verschieden, wie wir leben und glauben, miteinander gefeiert und uns am Leben erfreut. Aber das durften wir nicht. Wir mussten uns entscheiden und wollten unsere Überzeugungen und unseren Glauben, alles also was uns im Leben als trägt und Orientierung gibt, nicht aufgeben und haben deshalb unser altes Leben zurückgelassen. Da gehört soviel Mut und Entschlossenheit dazu, soviel Glaubensstärke und innere Festigkeit auch der eigenen Überzeugung.
Manche erinnern sich noch an die Repressalien eines autoritären Staates Christen gegenüber, die keine faulen Kompromisse eingehen wollten und dafür auf Ausbildungsplätze oder Studienplätze verzichteten, aber sich treu blieben.
Heute, am Tag der Bundestagswahl, an dem ganz öffentlich wird, was Freiheit auch des eigenen Bekenntnisses in unseren Land und in unserer Gesellschaft bedeutet, bekommen Menschen wieder Drohungen, Hassmails, erleben Gewalt und Zerstörung, weil sie sich für Minderheiten einsetzen, sich gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren, auf Gefahren für die demokratische Kultur aufmerksam machen. Es kann also sein, dass auch uns unser Bekenntnis zu Jesus Christus mit allen Konsequenzen im alltäglichen und damit auch politischen Handeln, bald wieder Entschlossenheit und Standfestigkeit kostet. Heute geht es nur darum von unseren Freiheitsrechten Gebrauch zu machen, wählen zu gehen und Hass und Verachtung in der Wahlkabine keine Ratgeber sein zu lassen. Das Evangelium kennt keine einzelne Wahlempfehlung. Aber die Liebe Gottes zu allen Menschen und seine Solidarität mit den Leidenden sind ein guter Wahlprüfstein, der mir hilft zu entscheiden, wem Christen wegen ihres Glaubens ihre Stimme nicht geben können, auch um der Zukunft unserer Gesellschaft willen. Noch kostet dieses Freiheitsrecht nur wenige Minuten Zeit an einem Wahltag, hoffentlich wird es bald nicht  mehr werden!
Die Widerstandskraft und der Mut zum Aufbruch aus Vertrautem speisen sich aus einer doppelten Verheißung:
Nachfolge macht euch heute schon reich: denn ihr seid gemeinsam unterwegs, ihr erfahrt Würde und Achtung auch in euren Schwächen und Unzulänglichkeiten, Vergebung in den Sackgassen und Verirrungen eines Lebens, Solidarität des Gottessohnes in den tieftraurigen Augenblicken eures Lebens, einen klaren Blick für die Verhältnisse, in denen ihr lebt, und immer wieder Entscheidungshilfe, wenn ihr fragt: was sollen wir tun? Christen haben einen klaren Kompass für ihr Leben. Das macht die Suche nach dem Weg nicht immer völlig unkompliziert, aber deutlich leichter.
Und Christen haben eine Hoffnung, die Todesgrenzen sprengt.
Sie müssen von diesem wunderbaren und schönen, manchmal langem, aber manchmal auch kurzen Leben nicht alles auf einmal und alles restlos erwarten. Sie wissen, dass es mehr als alles gibt. Jesus hat das „Reich Gottes“ genannt und „ewiges Leben“.
So konnte Dietrich Bonhoeffer seinen letzten Gang am Tag seiner Hinrichtung gehen und sagen: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“ Diese Gewissheit hat ihn vorher wach und kritisch gehalten und am Ende getrost und frei.
Gott sei Dank leben wir (noch) nicht in solch einer Situation. Aber der hoffentlich auch fröhliche Ernst der Nachfolge geht uns alle an. Unser Glaube kostet uns Aufmerksamkeit, Wachheit, Entschlossenheit, Ehrlichkeit und Entschiedenheit und er schenkt uns so viel: Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das Ewige Leben! Amen

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