Von der Macht und Ohnmacht der Worte (Matthäus 7, 24-27)

Irgendwie konnten sie sich den Mund fusselig reden. Sie erklärten, sie schmeichelten, sie schimpften und drohten. Aber es kam nicht an, was sie sagen wollten. Aber so war er schon als Kind. Sagten sie: pass auf, wo du hinläufst, hatte er schon alles über den Haufen gerannt. Warnten sie vor der heißen Platte, lag die Hand schon drauf und das Geschrei war groß. Ermahnten sie ihn, mit den neuen Hosen etwas vorsichtiger zu sein, hatte er sich schon ein Loch gerissen und erklärten sie ihm, wie wichtig der Schulabschluss sein würde, zog er doch lieber mit seinen Freunden um die Häuser. Es half alles nichts. Viele gut gemeinte Worte schienen überhaupt nicht anzukommen. Und dass sie es gut mit ihm meinten, konnte er nicht wirklich glauben und empfand alles als Bevormundung. Lag es an den Eltern, lag es am Kind, lag es an den zu vielen Worten ?

In all den Jahren hatte das Paar nicht wirklich zu streiten gelernt. Sie wollte immer alles ausdiskutieren. Ein Schwall von Worten ergoss sich dann über ihn, machte ihn stumm und ganz klein. So schnell konnte er nicht sortieren und artikulieren, was er dachte, fühlte und eigentlich sagen wollte, wie sie auf ihn einredete. Und wenn es dann doch aus ihm herausplatzte, dann sagte er Sachen, die er in einem ruhigen und bedachten Augenblick nie gesagt hätte. Er wusste, wie sehr die Worte verletzten , konnte sie aber im Zorn und mit den aufgewühlten Gefühlen nicht mehr kontrollieren. Er hätte viel lieber auf dem Höhepunkt des Streites eine Auszeit genommen und für sich sortiert und in aller Ruhe darüber nachgedacht, vielleicht eine Nacht darüber geschlafen, um zu klären worum es gerade eigentlich geht. Manchmal ist es besser, wenn etwas nicht gleich gesagt und sich Zorn, Wut, Angst oder ein anderes Gefühl erst einmal legen kann, sie wollte alles gleich geklärt haben.( Die Rollen könnten natürlich auch genauso gut andersherum verteilt sein….)

Wenn sie gemeinsam ein gutes Buch lasen, dann dauerte das immer seine Zeit. Mal las sie vor, mal er. Dafür braucht man mehr Zeit, als wenn die Augen über die Zeilen fliegen. Die Worte wollen ausgesprochen werden, die Bilder aus Sprache wollten sich entfalten, manchmal müssen sie erst begriffen werden, um sie verstehen zu können. Und immer wieder bissen sie sich an einzelnen Stellen fest, nahmen auf, was er Autor gewollt oder ungewollt in ihnen anstieß.
Was sie nicht wirklich leiden konnten, waren belanglose Worte und Reden. Deswegen mieden sie schon lange die ewig leiernden und sich wiederholenden Gesprächsrunden im Fernsehen. Es ist schon alles gesagt, wenn auch nicht von allen. Muss deswegen aber jeder zu Worte kommen, egal, ob er etwas zu sagen hat oder nicht?
In Wahlkampfzeiten ärgerten sie beide, die sie Sprache und Worte liebten, die belanglosen, nichtssagenden Phrasen, wie durchgekaut und austauschbar, die einen von allen Laternen und von riesigen Plakatwänden ansprangen. Haben Wahlkämpfer nichts mehr zu sagen oder trauen sie den Wählern, Lesern oder Zuhörern nicht mehr zu, etwas zu verstehen, etwas zu durchschauen oder gar zu entlarven?
Wieviel Wort und Rede, wieviel Gefühl für Sprache, wieviel Anspruch, ernsthaft Botschaften transportieren zu wollen, kann man twitternden und in Formeln denkenden und redenden Menschen eigentlich noch zumuten? Traue ich den meisten Medien, dann wohl fast nichts mehr. Radiosender mit Wortbeiträgen sind Nischenprogramme. Ein Sender warb vor Jahren mit dem Slogan: Mehr Lala, weniger Blabla…

Wahrscheinlich irgendwo dazwischen leben wir miteinander. Wieviel reden wir miteinander? Paare, so hörte ich gestern, reden im Schnitt 105 Minuten täglich miteinander. Jetzt kann jeder für sich entscheiden, ob das viel oder wenig ist… Wie wichtig uns dabei das gesprochene Wort immer noch ist, zeigen unsere Gottesdienste mit der Wertschätzung der Bibel als in Worte gekleidete Verdichtung von Gotteserfahrungen und dem Stellenwert der Predigt in evangelischen Gottesdienst. Nur wie lang darf eine Predigt sein, wieviel Zuhören darf den Gemeindegliedern zugemutet werden, wo kommt das Gespräch miteinander vor?
Als 1544 der erste evangelische Kirchenbau in Torgau in den Dienst genommen wurde, charakterisierte Luther den Gottesdienst als Gespräch Gottes mit den Menschen durch die Schrift und die Predigt, aber auch als Antwort des Menschen durch Gesang und Gebet.
Heute entdecken wir, dass im Gottesdienst nicht nur das Wort redet, sondern auch der Raum, die Gesten und Bewegungen, die Musik
Luther wollte, dass alle in der Bibel lesen können. Deswegen war für ihn Bildung eine Art gottgewolltes Menschenrecht ohne Ansehen der Person, auch wenn diese modernen Kategorien ihm noch fremd waren.
Aber die Bibel in deutscher Sprache war ein Hausbuch für jedermann, in dem gelesen werden sollte.
Selbst wenn es einmal nicht die Bibel ist: Lesen bildet. Lesen schafft ein Fundament im Leben, das hilft sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, diese zu hinterfragen, den wichtigen Fragen im Leben nicht auszuweichen, Antworten zu versuchen, mit anderen in Kontakt zu treten, Träume und Visionen zu entwickeln, Freiheit und Gerechtigkeit am Leben zu erhalten. Nicht umsonst versuchen Diktaturen als erstes die Presse zu beherrschen und kritische Stimme mundtot zu machen. Sie kennen die Macht des Wortes und fürchten sie mehr als alles andere. Vielleicht hat Rudolph Bohren deshalb die Literaten einmal die Propheten der Gegenwart genannt!
Man kann Kindern keinen größeren Gefallen tun, als früh mit ihnen Bücher in die Hand zu nehmen und zu lesen…
Und was blieb den Menschen von Jesus in Erinnerung?
Seine WORTE und seine TATEN! Und Johannes beginnt sein Evangelium mit der Feststellung: Im Anfang war das Wort!
Am Anfang hat man wohl vor allem Jesu Worte aufgeschrieben. Redet einer nicht einfach nur so daher, dann kann man in seinen Worten die Person, seine Gedanken, sein Wesen, seine Hoffnungen und Träume, seine Ängste und Fragen entdecken. Persönlicher und tiefer geht es wohl nicht.
Und so sind die Worte Jesu noch stärker als seine Taten der Schlüssel zu seiner Person, oder soll ich sagen: in seinen Worten begegnet mir ebenso der Anspruch wie der Zuspruch Gottes, und zwar nicht inflationär, in dem ich mit Worten überschüttete werde, nicht oberflächlich, in dem mir nur austauschbare Formeln begegnen, sondern auf das Wesentliche, auf das Leben konzentriert. Es gibt die einzelnen Worte und Sätze, mit denen man nie fertig wird. Schwarzbrot, an dem man zu beißen hat, hat Fullbert Steffensky, Religionspädagoge und früherer Benediktiner, sie einmal genannt.
Matthäus und Markus, Lukas und Johannes, also die Evangelisten, die Jesus wandernd, predigend und heilend erzählen, erwarten genau das: seine Worte wecken Glauben, klären Leben, tragen über Abgründe, stellen die richtigen Fragen, werfen ein neues Licht auf viele Dinge.
„Herr, wohin sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens“ werden seine Jünger einmal feststellen. Mehr kann man Worten eigentlich nicht zutrauen als das sie Worte ewigen Lebens sind.
Matthäus schaut mit dem Predigttext auf die Bergpredigt zurück. Da begegnet uns gleichsam ein Kompendium der Botschaft Jesu. Das sind harte Nüsse, auch weil sie so einleuchtend sind, dass man sich gerne ihren Ansprüchen entziehen möchte. „Damit kann man doch keine Politik machen“ soll schon Bismarck gesagt haben, auf jeden Fall aber Helmuth Schmidt und Carl Carstens. Zu deutlich haben sie gespürt, wie die Worte Jesu aus der Bergpredigt alles, was richtig zu sein scheint, in Frage stellen. Aber warum soll man Jesus nicht beim Wort nehmen?
„Was würde Jesus dazu sagen“ war ethischer und politischer Maßstab Martin Niemöllers und hat ihm nicht nur Freunde eingebracht Der Widerstandskämpfer im dritten Reich erweckte Widerstand damit auch in der jungen Bundesrepublik bei Kanzler Adenauer und dem damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß als es um die Wiederbewaffnung in der Zeit des Kalten Krieges ging und mancher erinnert sich noch an die Friedensbewegung in den achtziger Jahren und den Streit um den Natodoppelbeschluss. Es ist also erstaunlich, was Worte Jesu provozieren können. Und ich stelle mir vor, wir würden am 24.September Worte aus der Bergpredigt als Wahlprüfsteine an die Wahlprogramme anlegen bevor wir unsere Stimme abgeben:
selig sind, die da Leid tragen
selig sind, die Sanftmütigen
Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit
Selig sind die Barmherzigen
selig sind die Friedfertigen
selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten
Einige Worte Jesu aus der Bergpredigt ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber voller Dynamik und Sprengkraft/Gegenwartsrelevanz.
Es bleibt dabei, wie unsere Väter und Mütter im Glauben es 1934 formuliert haben, weil sie dem Wort etwas zutrauten: Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Sie, die Väter und Mütter im Glauben, wussten um und lebten aus der Erfahrung: wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann ( einer klugen Frau ebenso), der sein Haus auf Fels baute.
Stürmische Zeiten, die wir auf allen Ebenen des Lebens erfahren (gesellschaftlichspolitisch, weltpolitisch und alltäglich-persönlich) bestehen wir nur, wenn wir ein gutes und tragfähiges Fundament haben:Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. (Heidelberger Katechismus Frage 1)

drucken