Dumpfe Reden und Goldene Worte

Liebe Gemeinde,

ein Mann lebte mit seinem Stand am Straßenrand und verkaufte Würstchen. Er war schwerhörig, deshalb hatte er kein Radio. Er sah schlecht, deshalb las er keine Zeitung. – Aber er verkaufte köstliche, heiße und gegrillte Würstchen. Es sprach sich herum und die Nachfrage stieg von Tag zu Tag. Er investierte in einen größeren Stand, einen größeren Herd, einen größeren Grill und musste immer mehr Wurst und Brötchen einkaufen. Er holte seinen Sohn nach dessen Studium an der Universität zu sich, damit er ihn unterstützte.

Da geschah etwas…

Sein Sohn sagte: „Vater, hast du denn nicht im Radio gehört, eine schwere Rezession kommt auf uns zu. Der Umsatz wird zurückgehen – du solltest nichts mehr investieren!“

Der Vater dachte: „Nun, mein Sohn hat studiert, er schaut täglich Fernsehen, hört Radio und liest regelmäßig den Wirtschaftsteil der Zeitung. Der ist gut informiert und weiß solche Dinge.“

Also verringerte er seine Wurst- und Brötcheneinkäufe und sparte auch an der Qualität der eingekauften Waren.

Auch verringerte er seine Kosten, indem er keine Werbung mehr machte. Und das Schlimmste: Die Ungewissheit vor der Zukunft ließ ihn missmutig werden im Umgang mit sich selbst, mit der Welt, missmutig gegenüber seinen Kunden.

Was daraufhin passierte? Es ging blitzschnell: Sein Absatz an heißen Würstchen ging zurück und brach schließlich drastisch ein.

„Du hast Recht mein Sohn, sagte der Vater, es steht uns tatsächlich eine schwere Rezession bevor und sie hat schon kräftig begonnen.“

Die Rede hören und tun… – Das geschieht hier. Das geschieht hier und es ist ein Griff ins Klo oder ein Schuss in den Ofen, wie immer man es bezeichnen möchte. Diese Rede genau umzusetzen war jedenfalls nicht gut. Jesus jedoch fordert das für seine Rede im heutigen Gleichnis, das den fulminanten Abschluss seiner Bergpredigt bildet. Was Jesus vor 2000 Jahren wohl nicht geahnt hat ist, wie viele Reden wir heute anzuhören haben. Wie viele Reden, die Stuss sind oder blanke Lüge oder dummes Gesäusel und Geheuchel. Im Berliner Sportpalast wurde seinerzeit eine der besonders unseligen Reden der Weltgeschichte gehalten. Wir müssen aber gar nicht die Geschichte bemühen. Zurzeit werden ja auch sonderliche Reden gehalten. Von VW Leuten zum Beispiel. Vergewaltigungsreden. Reden, die die Wahrheit vergewaltigen. Reden, die bei Betrug von „Thematik“ sprechen und die bei kriminellen Machenschaften in riesenhaften, millionenfachen Dimensionen von „Schummelei“ faseln. Es sind auch Reden zu hören von Landesvätern, die zentral für das Wohl der Menschen in ihrem Land verantwortlich sind. Reden, die Verantwortlichen jener Firma vorgelegt worden waren, die einen deutlichen Teil der Bevölkerung betrogen und jeden einzelnen, der betroffen ist, um tausende von Euro gebracht hat. Das ist ungefähr so, wie wenn ich meine Predigten einem strammen Atheisten zum Korrekturlesen vorab schicken würde. Wieder mal ein Beispiel, liebe Gemeinde, für einen Sachverhalt, für den das Wort „absurd“ erfunden worden sein könnte. Ein anderer Ministerpräsident, ausgerechnet ein Grüner, kauft sich in diesen Tagen ein neues Dieselfahrzeug und ich habe mich, als ich es gehört habe unwillkürlich gefragt: „Geht’s noch? Bin ich verdreht oder der Bericht, den ich gerade lese“ und schließlich lobt der grüne Ministerpräsident auch noch die Ergebnisse des Dieselgipfels von der vorletzten Woche. Ausgerechnet er, der als erster hätte aufspringen und gehen müssen und der Automobilindustrie sagen: So geht das nicht! Nie und nimmer geht es so! Das alles ist so verdreht, wie wenn die AFD plötzlich Flüchtlinge mit Blumen und Geschenken an den Grenzen empfangen würde.

Es geht also darum, die richtige Rede zu hören unter den unzähligen Beiträgen, die es gibt. Die richtige Ansage, das wahre Wort, den packenden Zuspruch die richtige Ansprache inmitten der zahllosen Ansprüche, denen wir begegnen, die nach uns greifen und die uns bestimmen möchten.

Die Bergpredigt, deren Abschluss uns heute vorgegeben ist, ist die richtige Ansprache. Sie ist Gottes Anspruch an unser Leben, unser Tun. Die Bergpredigt ist nicht wie Luthers 95 Thesen ein Diskussionsbeitrag. Sie ist nicht wie diese da oder dort verhandelbar. Sie ist gültig. Sie ist programmatisch. Sie ist der wie in Stein gemeißelte neue Gotteswille. Gottes Maßstäbe für ein anderes Leben, ein besseres Zusammenleben und gutes, menschliches Miteinander. Im Studium hat mir das meiste Vergnügen die Beschäftigung mit dem Neuen Testament gemacht – und in diesem Zusammenhang war das Highlight für mich immer und unumstritten die Bergpredigt. Sie besteht aus drei Kapiteln. Mt 5 – 7. Jesu längste Rede. Und trotzdem hat sie an keiner Stelle [– wie manche Predigt –] irgendwelche Durchhänger oder Weichen, an denen sich die Gedanken der Zuhörer verselbständigen und dann eigene Wege gehen. So finden wir das wunderbare Vaterunser in der Bergpredigt. Das berühmteste Gebet der Welt, das seit 2000 Jahren in jedem Winkel der Welt und in jedem Gottesdienst gebetet wird. Worte, die jeder kennt. Keinen anderen Text kennen mehr Menschen weltweit auswendig. Ein Gebet mit dem alles gesagt ist.

Ein ganz wunderbarer Vers ist der, den manche Forscher als das Thema, die Überschrift der ganzen Bergpredigt betrachten: So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen (5, 16). Lasst euer Licht leuchten da, wo ihr lebt, verbreitet Helligkeit und Wärme, Zuversicht und Freundlichkeit. Fördert Menschlichkeit und Hoffnung. Tut alles, was dem Glauben eurer Mitmenschen guttut, ihn fördert und vergrößert. Seid keine Stinkstiefel und Egomanen, keine Kotzbrocken und keine verbruddelten missmutigen Nörgler. Tut Gutes, verbreitet Zuversicht, klotzt mit guten Werken – natürlich nicht um damit eure Seligkeit zu verdienen, das nicht, sondern für andere als Hinweise, als Wegweiser zu Gott.

So etwas wie mein Lieblings Vers in der Bibel steht – fast möchte ich sagen natürlich – auch in der Bergpredigt. Er findet sich in dem Teil, wo es um das Sorgen und Schätzesammeln geht. Mt 6, 33: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“. Vielleicht hat es mit dem wunderbaren Wort „trachten“ zu tun. Ich könnte heulen, wenn ich auf moderne Übersetzungen schaue: „Setzt euch für Gottes Reich ein…“ heißt es in der „Hoffnung für alle“ – und „Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt…“ – Dieses schreckliche Ungetüm findet man in der „Guten Nachricht“. Da wollen beim Lesen schon fast die Augen nicht mehr mitmachen und es sträubt sich alles. Wie unendlich leuchtender, klarer, vielsagender und einfach schöner ist da dieses Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Es ist diese Prioritätensetzung, die Rangfolge: Zuerst Gott, sein Reich, sein Wille. Und es ist die Zusage vom Gottessohn persönlich: Wer seinen Glauben lebt, wer sein Dichten und Trachten auf Gott hin ausrichtet, der und die kommt nicht unter die Räder, ganz sicher nicht: „So wird euch das alles zufallen. Ausgesprochen schön und klar finde ich diesen Gedanken auch in dem Lied, das wir gleich nachher singen werden (EG 369) ausgedrückt:

  1. Wer nur den lieben Gott lässt walten
    und hoffet auf ihn allezeit,
    den wird er wunderbar erhalten 
    in aller Not und Traurigkeit.
    Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
    der hat auf keinen Sand gebaut.
  2. Er kennt die rechten Freudenstunden,
    er weiß wohl, wann es nützlich sei;
    wenn er uns nur hat treu erfunden
    und merket keine Heuchelei,
    so kommt Gott, eh wir’s uns versehn,
    und lässet uns viel Guts geschehn.
  3. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
    verricht das Deine nur getreu
    und trau des Himmels reichem Segen,
    so wird er bei dir werden neu;
    denn welcher seine Zuversicht
    auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Das Lied, liebe Gemeinde, ist wie eine Auslegung unseres heutigen Textes. Die Bergpredigt mutet insgesamt an wie eine Aneinanderreihung von Goldenen Worten. Und es gibt auch einen Vers, der ganz offiziell wissenschaftlich und bibelkundlich mit dem Edelmetall in Verbindung gebracht wird. Es ist die Goldene Regel (7, 12): „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. Im Unterschied zur bekannten Redensart ist dies hier aber positiv gewendet. Ein Aufruf zur Tat, zur guten, anderen, wohltuenden Tat. Die Redensart mahnt ja an, bestimmte Dinge nicht zu tun („Was du nicht willst…“). Hier aber steckt der Aufruf mit drin, ganz im Gegenteil, etwas zu tun, aktiv zu werden, andere genau so behandeln wie man selbst auch behandelt werden möchte. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit – sollte man meinen. Eine Selbstverständlichkeit, hinter der die Alltagswirklichkeit leider viel zu oft zurückbleibt. Wenn ich z. B. bevor ich das Haus verlasse noch die Spülmaschine ausräume und die ganze Küche tipptopp hinterlasse und komme nach Stunden dann heim und die Unordnung in der Küche erschlägt mich, dann denke ich gelegentlich an die schöne Goldene Regel der Bergpredigt. Oder stellen wir uns vor, Vorstände und Manager der betroffenen Autokonzerne hätten sich beim Diesel an die Goldene Regel gehalten: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!

Daran können wir sehen, dass die Bergpredigt weder ein süßliches Poesiealbum noch eine Ansammlung frommer Sprüche ist. Sie formuliert höchste Maßstäbe an unser Alltagsverhalten:

Die Küche im Chaos hinterlassen ist einfacher als sie aufzuräumen. Einen sauberen Diesel zu konstruieren ist unvergleichlich teurer und aufwendiger als durch manipulierte Software Umwelt und Kunden zu betrügen.

An einer Stelle der Bergpredigt sagt Jesus z.B. auch: Schon allein wer eine Frau lüstern anschaut, bricht mit ihr die Ehe (Mt 5, 28).

Die Bergpredigt ist eine tägliche Herausforderung und ein hoher Anspruch an unser Alltags- und unser Sozialverhalten.

Aber sie ist ein noch größerer Zuspruch. An vielen Stellen und ganz unterschiedlich sagt sie uns Dinge, die uns gut tun, die uns leben und hoffen lassen, die uns trösten und ermutigen. Eine Auswahl gefällig? „Selig sind die da Leid tragen, selig sind die Sanftmütigen, selig sind die Friedfertigen…“ Oder dieses: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Goldene Worte gibt es neben der Goldenen Regel mehr als genug in der Bergpredigt; und klug ist, wer sich von ihnen in seinem Leben leiten lässt. Amen.

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