Wie realistisch ist mein Glaube

Liebe Gemeinde,
als ich Kind war, galt der als artig, der immer schön bescheiden war. Wiederspruch war ungehörig und wenn Autoritätspersonen eine Anordnung machten, war ein „JA“ die richtige Antwort.
 

Also haben wir Kinder brav „Ja“ gesagt und den dazu gehörigen Auftrag dann öfter mal vergessen. Das gab dann manchmal Ärger. Der war aber nichts im Vergleich zu dem was passiert wäre, wenn wir gesagt hätten: „Nein, keine Lust!“ Das hätte sich nun wirklich nicht gehört. 

Dieser Schwank aus der Jugend fiel mir ein, als ich unseren Predigttext las. Jesus erzählt von einem Vater, der zwei Söhne hat. Es ist ein Gleichnis, hinhören lohnt. Finden sie ihre eigene Antwort auf Jesu Frage: 

Hören wir den Predigttext bei Matthäus: 21,28-32 

Jesus zwingt seine Kritiker eine Entscheidung zu treffen. Was entspricht dem Willens Gottes: „Ja, sagen“ oder „Ja, tun“? Wie es scheint, geht es ihm weniger um die ausgesprochene Antwort. Es geht ihm um eine angemessene Reaktion! 

Jesus wurde kritisiert. Den Menschen verkündete er den Willen Gottes vollmundig. Viele Menschen hielten ihn, schon zu Lebzeiten, für den Messias. Jesus, der Gesalbte, der Gesandte Gottes. Aber sein Lebensstil schien dem Hohn zu sprechen. 

Sie meinten, er hätte sich zu den Frommen zu halten. Gleich und gleich gesellt sich gern. Mit ihnen hätte er über Gott und die Welt reden sollen. Stattdessen sucht Jesus Kontakt zu diesem „Gesocks“. Und diese „nichtsnutzigen Gestalten“ scharen sich auch noch um ihn. 

Matthäus nennt hier beispielhaft zwei dieser „Gestalten“. Er lässt Jesus sagen: „Die Zolleinnehmer und die Prostituierten werden eher in die neue Welt Gottes kommen als ihr.“ 

Es wäre zu einfach, Wort und Tat zu trennen. Auch ein Wort ist eine Tat. Das „Nein“ des Sohnes ist und bleibt verletzend. Umso größer die Überraschung, dass der erste Sohn seine Aussage überdenkt. Die Härte seiner Antwort gereut ihn, er geht doch in den Weinberg. In dem „in sich gehen“, in der Reue liegt der Segen. 

Der zweite Sohn hatte „Ja“ gesagt, ging aber nicht an die Arbeit. Dies ist das Portrait eines vermeintlich aktiven Menschen. Er ist immer bereit „Ja“ zu sagen. Nur das Tätigwerden, bleibt aus. Z.B. hört dieser Mensch Christi Predigt und ist begeistert. Allerdings unterlässt er es das Gehörte umzusetzen. 

Der erste Sohn bleibt skeptisch, ist erst einmal ablehnend. Trotzdem, es arbeitet in ihm und zeigt Wirkung. Es geht um die moderne Frage: „Wie authentisch bin ich?“ 

Mir ist diese Ja-Sager Rhetorik bekannt. Sie kennen sicher auch die Aussage: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“. 

Oftmals erlebe ich auch Nein-Sager. Sie können frustrieren und mich an den Rand des Wahns treiben. Sie maulen und motzen was das Zeug hält. Und dann führen sie die Aufgabe doch aus. 

Irgendwie wirkt das lächerlich. Erst lassen sie sich scheinbar nicht überzeugen. Aber dann machen sie es doch. Und sind manchmal sogar richtig stolz darauf. So ein Umgang ist schon ganz schön anstrengend. Allerdings, viel unsympathischer sind die Anderen. Sie notierten eifrig, was zu tun ist. Das Einzige, was von der Umsetzung der Aufgabe bleibt, sind die Notizen.

 „Die Zolleinnehmer und die Prostituierten werden eher in die neue Welt Gottes kommen als ihr.“ dies ist der tragende Satz des Textes. Hier werden keine exklusiven Vorrechte proklamiert. Nur eine Umkehrung der Verhältnisse, die von den Bessergestellten als eigentlich richtig empfunden werden. Es geht darum sich überraschen zu lassen, von dem was wirklich geschieht. Und sich gegenwärtig werden, dass manches so ganz anders ist als es scheint. 

Auch ich muss das noch lernen. Gottes Urteil ist unvorhersehbar und unberechenbar. Nicht immer sind die scheinbar Frömmsten auch wirklich fromm. Umgekehrt passt das allerdings auch nicht. Letztens hörte ich: „Ich kann doch auch ein guter Mensch sein, ohne was mit der Kirche am Hut zu haben.“ Ich meinte darauf: „Natürlich geht das, aber meistens wird’s nicht funktionieren.“ 

Erich Kästner formulierte diese Worte: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Das ist im Prinzip richtig. Nur Gedanken allein machen noch nichts Gutes. Nur Taten allein, ohne richtiges Denken und Fühlen eben auch nicht. Beides muss stimmig sein und sich ergänzen. 

Jesus geht es, in unserem heutigen Text, sicher nicht um ein Idealbild. Eher scheint das ein Feindbild zu sein. Der Mensch, der vermeintlich alles weiß und glaubt. Sein Tun, aber seinen Glauben ad absurdum führt. 

Dagegen stellt Jesus einen anderen Menschen. Dieser sagt zu vielem erst einmal Nein. Geht dann aber doch noch in sich und tut was richtig ist. Hier geht ein interessanter Aspekt auf. Jesus sagt das nicht zur Beruhigung derjenigen, die so Handeln. Vielmehr zur Beunruhigung derer, die sich für Fromm haltenden und ihm Vorwürfe machen. 

Er will sie herausfordern, ihren Glauben und ihr Handeln auf den Prüfstand zu stellen. Wie steht es eigentlich um deinen praktischen Glauben? Wie lebst Du im Alltag deinen Glauben? Diese Fragen, gehen auch uns ganz intensiv an! 

Ich interpretiere, Jesus will mir Mut machen: Mut, dem Anderen zuzutrauen, dass Gott noch eigene Wege mit diesem Menschen vorhat. Mut, zuzugeben, dass ich selber nicht immer den Willen des Vaters tue, auch wenn ich es sage. 

Es gibt harte Worte bei Matthäus 7,21: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: „Herr, Herr!“, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“ Durch den heutigen Text wird dieser Sachverhalt erklärt. 

Glaube ist keine theoretische Angelegenheit und spielt sich keines Wegs ausschließlich im Kopf ab. Glaube will Besitz von mir ergreifen. Glaube will mich ganz in Beschlag nehmen, im Reden, im Denken und im Handeln. 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, lassen uns unseren Glauben ernstlich überdenken. Uns in Demut zu Gott, unserem Herrn, und den Menschen um uns tätig werden. Und bewahre unseren Glauben, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen! 

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Michael Schäfer.)

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